15.08.2012 | Top-Thema Wohngesundheit im mehrgeschossigen Wohnungsbau

Wohngesundheit: Wer will schon gesund wohnen?

Kapitel
Peter Bachmann fragt: Wer will schon gesund wohnen?
Bild: Haufe Online Redaktion

Megatrend oder Medienhype? Das Thema gesundes Bauen und Wohnen taucht verstärkt in Fachdiskussionen, Verordnungen und Medien auf. Muss sich die Wohnungswirtschaft dem stellen oder geht der Kelch an den Verantwortlichen vorüber?

„Ohne Gesundheit ist alles nichts“, heißt es so schön. Will meinen, dass die Annehmlichkeiten unserer Gesellschaft nur genießen kann, wer gesund ist. Viele Krankheiten oder Verletzungen können wir aus den unterschiedlichsten Gründen nicht vermeiden. Ist Gesundheit also lediglich die Abwesenheit von Krankheit? Im Zusammenhang mit dem Thema Wohnen muss die Antwort eindeutig „Nein“ lauten. Denn die eigenen vier Wände sollen nicht zuletzt Ort der Erholung, des Auftankens sein. Doch ist das immer so? Wer in ein frisch gebautes oder saniertes Gebäude geht, wird nicht selten mit einem Schwall unangenehmer Gerüche und reizender Substanzen konfrontiert, die schon beim kurzzeitigen Aufenthalt Augenbrennen und Kratzen im Hals hervorrufen. Langfristig steigt in einem solchen Umfeld die Häufigkeit von Allergien und Unwohlsein oder es drohen im schlimmsten Fall langfristige Gesundheitsschäden. Durch die Verpflichtung, immer energiesparender und damit luftdichter zu bauen, verbleiben Schadstoffe aus Bauprodukten und deren Verarbeitung immer häufiger in den zukünftigen Lebensräumen. Wollen das Mieter und Wohnungskäufer? Wer bei gesundem Menschenverstand ist, sagt natürlich nein, Umfragen bestätigen dies. Viele der Befragten gehen zu Recht davon aus, dass eine neu gebaute oder frisch sanierte Immobilie nicht krank macht. Andere sind sogar bereit, für eine sichere, gesunde Innenraumluft einen Mehrpreis zu zahlen. Übrigens gibt es in Deutschland keine DIN, keine Verordnung und kein Gesetz für die Qualität der Innenraumluft. Im Gegensatz zur Außenluft. Stattdessen gibt es eine ganze Reihe von Empfehlungen staatlicher Institutionen wie dem Umweltbundesamt, Gerichtsurteile und Schadensfälle, diese teilweise in Millionenhöhe.

Wohnungswirtschaft geht voran
Immer mehr Unternehmen der Wohnungswirtschaft erkennen die Chancen in Vertrieb und Marketing, aber auch die juristischen und wirtschaftlichen Gefahren, die im Thema Wohngesundheit liegen. Die Stadtsiedlung Heilbronn beim Umbau eines Campusgebäudes und die Josephs-Stiftung in Bamberg haben sich in den letzten Monaten in dieser Hinsicht beraten lassen und handeln entsprechend. In Kundl in Tirol entsteht im Auftrag des führenden Wohnungsbauunternehmens Westösterreichs, der Neuen Heimat Tirol, ein Mehrfamilienhaus nach hohen innenraumhygienischen Standards. Das Projekt soll zeigen, dass sicher wohngesundes Bauen ohne nennenswerte Mehrkosten möglich ist.

Qualitätssiegel der Wohnungswirtschaft
Auch das Siegel Nachhaltige Wohnungswirtschaft setzt anspruchsvolle Grenzwerte für wichtige Schadstoffgruppen. Wer hier die höchste Stufe erreichen will, muss also wohngesund bauen und sanieren. Dass das möglich ist, zeigen zahlreiche Projekte, nicht nur Ein- und Mehrfamilienhäuser, sondern zum Beispiel auch Kindertageseinrichtungen. Dabei muss deutlich gesagt werden, dass hier keine exotischen Baumaterialien zum Einsatz kommen, sondern solche, deren emissionsarme Eigenschaften von unabhängigen und guten Experten wie dem eco-Institut in Köln oder dem internationalen Verein natureplus bestätigt wurden. Das Geheimnis wohngesunden Bauens liegt nicht darin, besonders extravagant und teuer zu bauen. Sondern vielmehr in einem Qualitätsmanagement, das in einem möglichst frühen Stadium der Planung beginnt, mit der Baustoffauswahl und der Schulung der Handwerker fortgeführt wird und schließlich in Raumluftkontrollen eines unabhängigen Experten endet. Dies alles nach wissenschaftlichen Standards und in einem transparenten Verfahren. Das erhöht die Glaubwürdigkeit des Vorgehens und die des Auftraggebers.

Wohngesundheitskoordinatoren
Dass nicht in jedem Unternehmen der Wohnungswirtschaft das dafür nötige Ingenieurswissen vorhanden ist oder geschaffen werden kann, ist offensichtlich. Dafür gibt es mit den Wohngesundheitskoordinatoren (WoGeKo) Experten, die diese Aufgabe im Auftrag des Investors übernehmen. Noch ist diese Qualifikation vergleichsweise selten vertreten, aber für Architekten und Ingenieure ein durchaus aussichtsreiches Betätigungsfeld. Hier kommt nach der Energieeffizienz (und dadurch beschleunigt) das nächste Thema auf die Wohnungswirtschaft zu: das Thema gesundes Bauen und Wohnen in Form einer überprüfbar guten Qualität der Innenraumluft. Dafür sorgen neben dem Interesse der Mieter und Nutzer schon die Planungen auf EU- und nationaler Ebene sowie neue Richtlinien und Empfehlungen. Wer dann noch fragt „Wer will schon gesund wohnen?“ hat die Herausforderung für sein Unternehmen nicht verstanden.

Peter Bachmann, Geschäftsführer Sentinel Haus Institut GmbH, Freiburg i.Br.

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