15.08.2012 | Top-Thema Wohngesundheit im mehrgeschossigen Wohnungsbau

Wohngesundheit als Unternehmensstrategie: „Für uns gehört die Wohngesundheit unbedingt dazu.“

Kapitel
Dipl.-Ing. (TU) Reinhard Zingler ist seit 1988 einer von drei Vorständen der Joseph-Stiftung in Bamberg.
Bild: Joseph-Stiftung

Lässt sich nachhaltiges Bauen in der Wohnungswirtschaft auf das Thema Energieeffizienz eingrenzen? Oder braucht es den Blick über den Tellerrand? Fragen an Dipl.-Ing. Reinhard Zingler, Vorstand der Joseph-Stiftung in Bamberg.

Herr Zingler, welche Herausforderungen kommen in Sachen Energieeffizienz und Wohngesundheit auf Wohnungsbauunternehmen wie die Joseph-Stiftung zu?
Wir bauen heute schon nach hohen Effizienzstandards, trotzdem kommen weitere Herausforderungen auf uns zu. So müssen wir die Gebäudehülle noch weiter optimieren. Hochwärmegedämmte und damit nahezu dichte Gebäude können ohne kontrollierte Lüftung nicht mehr gebaut werden, auch wenn es keine gesetzliche Grundlage dafür gibt. Das ist auch ein Komfortmerkmal, zum Beispiel für Berufstätige, die nicht ausreichende Gelegenheiten zum Lüften haben. Klar ist aber auch, dass sich solche ‚intelligenten’ Bauweisen nicht allen Mietergruppen sofort erschließen.


Lässt sich nachhaltiges Bauen allein auf das Thema Energieeinsparung reduzieren?
Nein, auf keinen Fall. Natürlich haben wir eine Verantwortung für unsere Ressourcen, das ist unsere Triebfeder. Wir wollen zum Klimaschutz beitragen, wir bauen aber eben auch für Menschen, die sich bis zu 90 % in geschlossenen Räumen aufhalten. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen in unseren Wohnungen gesund bleiben. Das ist ein umfassendes Thema und die Wohngesundheit gehört für uns absolut dazu.


Haben öffentliche und kirchliche Wohnungsbauunternehmen eine besondere Fürsorgepflicht für die Gesundheit ihrer Mieter, Bauherren und Nutzer der von ihnen erstellten Gebäude?
Grundsätzlich sind natürlich alle Bauherren in der Verantwortung, aber kommunale und kirchliche Unternehmen spüren diese Verpflichtung vielleicht ein Stück weit stärker. Wir fühlen uns für unsere Mieter, aber auch für unsere Käufer im Bauträgergeschäft und bei Kapitalanlegern wiederum für deren Mieter in der Verantwortung.


Welche Standards legen Sie beim Thema Innenraumhygiene an und wie lassen sich diese in der Baupraxis realisieren?
Bei der Joseph-Stiftung treffen wir anhand von Überprüfungen und Zertifikaten der Hersteller eine sorgfältige Materialauswahl hinsichtlich des Emissionsverhaltens und anderer Eigenschaften der Bauprodukte und schreiben diese entsprechend aus. Dann prüfen wir auf der Baustelle, ob die bestellten Produkte auch tatsächlich eingebaut werden. Nicht zuletzt lassen wir stichprobenartig Raumluftmessungen machen, bisher mit sehr guten Ergebnissen. In Zusammenarbeit mit dem Sentinel-Haus Institut denken wir zurzeit über eine Verfeinerung dieses Qualitätsmanagements nach. Denn zum Beispiel in der Bestandssanierung gibt es ein weites Feld an Wechselwirkungen zwischen alten und neuen Materialien. Da müssen wir noch mehr Wissen und Erfahrung sammeln.


Die Joseph-Stiftung baut auch Bildungs- und Altenpflegeeinrichtungen. Ist Wohngesundheit da ein Thema?
Ein großes! Überall wo Kinder beteiligt sind, sind deren Eltern besonders aufmerksam, was die Gesundheit angeht. Wir haben in Nürnberg eine große Kindertagesstätte gebaut und dort mit Zwischenmessungen der Raumluft geschaut, ob wir auf dem richtigen, sprich dem schadstoffarmen Weg sind. Das nützt natürlich auch den dort Beschäftigten. Ähnlich ist es bei den von uns errichteten Gebäuden für Behinderte und bei Einrichtungen und Wohnungen für alte Menschen.


Spielen rechtliche und damit auch finanzielle Risiken durch Schadstoff- oder Geruchsbelastungen eine Rolle?
Nicht bei allen Kunden. Aber im höherpreisigen Mietwohnungsbau und im Bauträgergeschäft ist die Bereitschaft schon spürbar, bei solchen Problemen eher zum Rechtsanwalt zu gehen. Klar ist aber auch: Wir wollen solche Schwierigkeiten erst gar nicht entstehen lassen, auch nicht im mietpreisgebundenen Wohnungsbau.


Welche Bedeutung haben Zertifikate wie DGNB oder das Siegel Nachhaltige Wohnungswirtschaft?
Das DGNB-Zertifikat spielt in der organisierten Wohnungswirtschaft aus Kostengründen keine nennenswerte Rolle, außer vielleicht bei sehr großen Bauträgerprojekten, die auch entsprechend vermarktet werden. Das Siegel Nachhaltige Wohnungswirtschaft (www.nawoh.de), an dessen Ausarbeitung ich beteiligt war, steht noch am Anfang. Hier gilt es für mehr Verbreitung und Verständnis zu werben. Die Joseph-Stiftung hat bislang ein gefördertes Mietwohnungsgebäude probezertifizieren lassen, mit einem sehr ordentlichen Ergebnis. Das zeigt, dass man mit einer sorgfältigen Planung das Siegel bekommen kann, das ja auch Anforderungen an die Innenraumhygiene beinhaltet. Das eigentliche Thema ist aber ein Kopfproblem: Wir müssen erkennen, dass unsere Ressourcen begrenzt sind und dass nachhaltiges Bauen kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist. Wir reden zu häufig über Kosten und noch zu wenig über Werte.


Wie und wo bekommen Sie als technischer Geschäftsführer Informationen und fachliche Unterstützung?
Natürlich in der DW, in Seminaren und in der Fachliteratur. Besonders wichtig ist der Austausch mit guten Fachleuten, Bauphysikern, Sachverständigen, Gutachtern. In Sachen Wohngesundheit lassen wir uns vom Sentinel-Haus Institut in Freiburg beraten. Dann natürlich die Arbeitsgruppen in den verschiedenen Verbänden. Man muss sich kümmern, das ist mühsam neben dem Tagesgeschäft, aber die Entwicklung bleibt nicht stehen.


Inwieweit honorieren Ihre Kunden Anstrengungen der Joseph-Stiftung zum wohngesunden Bauen und lassen sich eventuelle Mehrkosten am Markt durchsetzen?
Man muss das zweigeteilt sehen. Mehrkosten lassen sich nur im frei finanzierten Wohnungsbau oder im Bauträgergeschäft durchsetzen, wo entsprechende finanzielle Spielräume vorhanden sind. Wir bauen aber auch für Menschen, die noch kein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein haben. Das Ziel ist, Materialien am Markt zu finden, die gute wohngesunde Eigenschaften haben, aber nicht teurer sind. Solche Produkte gibt es. Da ist einiges an Erfahrung und Wissen nötig. Das zu erarbeiten kostet, lohnt sich aber. Ein Beispiel: Wenn in der Ausschreibung an der richtigen Stelle die richtige Formulierung steht, bekommen sie auch das Produkt, das sie wollen. Natürlich muss man das dann noch mal auf der Baustelle überprüfen. Es müssen auch nicht unbedingt teure Ökoprodukte sein, die gute Eigenschaften in Sachen Wohngesundheit haben.


Bei welcher Mieterklientel sehen Sie Chancen für eine Nachfrage nach wohngesunden Wohnungen?
Im geförderten Wohnungsbau stehen wir da relativ am Anfang. Dort stehen das Angebot an sich und der Preis im Vordergrund. Das heißt nicht, dass es den Menschen egal ist. Die Kunden gehen ein Stück weit zu Recht davon aus, dass auch in unseren preiswerten Wohnungen ordentliche Materialien ordentlich verbaut sind. Und nochmal: Wir haben in allen Marktsegmenten die Verpflichtung und sollten daher keine Unterschiede machen und auch bei begrenztem Budget wohngesunde, sprich emissionsarme Bauprodukte einsetzen. Im höherpreisigen Miet- und Bauträgergeschäft ist die Nachfrage da, im preisgebundenen Wohnungsmarkt ist das ein Thema, das von den Wohnungsbauunternehmen kommen muss.


Herr Zingler, vielen Dank für das Interview.

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