04.03.2014 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Wohnen für ein langes Leben: Wohnen im Quartier

Kapitel
Dr. h.c. Jürgen Gohde
Bild: Marc-Steffen Unger

Aktuelle repräsentative Umfragen haben ergeben, dass der Wunsch nach Selbstständigkeit und einem Verbleib in den eigenen vier Wänden in der Bevölkerung sehr stark ausgeprägt ist. Ältere Menschen wollen so lange wie möglich, also auch bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit, zu Hause wohnen bleiben, deshalb müssen wir die Lebensräume entsprechend gestalten. Beim Thema Wohnen heißt das, dass die Wohnungen bzw. Häuser älterer Menschen barrierefrei oder zumindest barrierearm gestaltet werden müssen.

Als wichtige Maßnahmen zur altersgerechten Gestaltung der eigenen Wohnsituation werden – das haben Untersuchungen des KDA gezeigt – vor allem barrierefreie Badezimmer, die Vermeidung von Treppen sowie die Möglichkeit, über ein Hausnotrufsystem oder einen Alarmknopf schnell Hilfe rufen zu können, betrachtet.

Wenn ein Verbleib in der bisherigen Wohnung nicht mehr möglich ist, müssen bedarfsgerechte Wohnangebote geschaffen werden. Hier ist die Wohnungswirtschaft gut beraten, zielgenaue, flexible Angebote zu schaffen. Schon jetzt besteht eine erkennbare Nachfrage nach Servicewohnen für zahlungskräftige ältere Bürgerinnen und Bürger. Das darf aber nicht dazu führen, Familien mit Kindern, sozial Benachteiligte, Arme oder Hilfebedürftige aus dem Auge zu verlieren. Es liegt in öffentlicher und privater Verantwortung, entsprechenden Wohnraum für alle zu schaffen. Die Wohnungswirtschaft und die Kommunen werden in der Gestaltung der Infrastruktur eine zentrale Rolle einnehmen müssen, besonders dann, wenn sich mehr Menschen in neuen Lebens- und Wohngemeinschaften zusammenschließen.

Die Zukunft gehört integrierten, spezialisierten und kleinräumigen Angeboten. Wir brauchen wohnortnahe und vernetzte Angebote und Dienstleistungen, die im Sozialraum kooperieren. Das sind zum Beispiel Beratungsangebote, aber auch soziale, haushaltsnahe, ambulante, (teil)stationäre, ehrenamtliche und professionelle Unterstützung.

Dabei ist die Entwicklung altersgerechter, inklusiver, also nicht ausgrenzender, Quartiere eine zentrale Aufgabe für Zukunftsinvestitionen: sozial, ökonomisch, stadtplanerisch, für die Bürgerinnen und Bürger selber, die Kommunen, die Wohnungswirtschaft und private Investoren. Der Quartiersgedanke steht für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, für die Inklusion und Teilhabe von behinderten und kranken bzw. pflegedürftigen Menschen und eben auch von Menschen mit Demenz. Diese Gruppe in den Fokus zu nehmen, sie wertzuschätzen, ihr die beste mögliche Pflege und Betreuung zukommen zu lassen ist ohne Zweifel richtig und wichtig. Nur: Die Anforderung stellt sich überall, in jeder Stadt, in jedem Dorf wollen Menschen teilhaben. Immer mehr Kommunen oder Quartiere machen sich deshalb auf den Weg und setzen bereits Quartiersprojekte um.

Beispielhaft ist der Landkreis Unterallgäu. Im Jahr 2009 wurde das von der Bayerischen Landesregierung initiierte „Seniorenpolitische Gesamtkonzept“ verabschiedet. Zahlreiche Projekte wurden seitdem angestoßen. Eines davon ist die „Quartiersentwicklung in den Gemeinden“, die in drei ausgewählten Ortschaften umgesetzt wird. Ziele sind der Erhalt des selbstständigen Wohnens im vertrauten Wohnumfeld und die Stärkung von Eigeninitiativen und gegenseitiger Hilfe. Vor Ort fehlen jedoch oft lokale Altenberichte und Informationen, wie eine systematische Gesamtstrategie aussehen könnte, die Altenhilfeplanung auf eine altersgerechte Quartiersentwicklung ausrichtet. Und um der Verantwortung gerecht zu werden, müssen den Kommunen auch ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Unklar ist auch, welche rechtlichen Spielräume die Kommunen bei der Quartiersentwicklung haben. Sie müssen eine stärkere, die Infrastruktur steuernde Rolle übernehmen. Dafür brauchen sie mehr Geld, dafür braucht die Gesellschaft aber auch ein Umdenken: Neue Wohnformen müssen gefördert werden, etwa mit Hilfe eines Investitionsprogramms „Pflege und Wohnen“.

Außerdem muss der Grundsatz „ambulant vor stationär“ konsequent umgesetzt werden. Pflege sollte in das Umfeld der Pflegebedürftigen integriert werden – damit es in Zukunft selbstverständlich ist, dass Nachbarn und Freunde Betroffenen helfen und ein Mix an Hilfsangeboten entsteht. Damit Menschen mit Pflegebedarf lange zu Hause leben können, fehlen derzeit außerdem noch bezahlbare haushaltsnahe Dienstleistungen. Diese sollten ausgebaut werden. All dies trägt dazu bei, eine Pflegebedürftigkeit zu verzögern.

Dr. h.c. Jürgen Gohde
Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), Wilhelmine-Lübke-Stiftung e.V., Köln

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Demografischer Wandel

Aktuell

Meistgelesen