16.11.2012 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Wohnen für ein langes Leben: I-stay@home

Kapitel
Testwohnung für I-stay@home
Bild: Joseph-Stiftung

In der Abteilung „Intelligentes Wohnen“ der Joseph-Stiftung dreht sich alles um ein Thema: Mit welcher Technik kann man eine Wohnung am besten und am effektivsten ausstatten oder nachrüsten? Sie soll das Leben zu Hause angenehmer und komfortabler machen, beim Energiesparen helfen sowie speziell Senioren und Menschen mit Behinderung ermöglichen, auch bei körperlichen Einschränkungen in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Ein Bericht zum Status quo der Beteiligung an einem EU-Projekt.

Der demografische Wandel schreitet voran, die Menschen in Europa werden immer älter und möchten ihre vertraute Wohnumgebung nicht verlassen müssen. Entsprechende Lösungen erprobt unter Federführung der Joseph-Stiftung ein ganzes Konsortium aus Nordwesteuropa, das sich unter dem Projekttitel „I-stay@home“ (ICT SoluTions for an Ageing societY) zusammengeschlossen hat. Gemeinsam werden hier Konzepte und Produkte bewertet, die den Anspruch haben, ältere Menschen bei ihrem Leben zu Hause zu unterstützen. Die im Vorhinein nach theoretischen Kriterien ausgewählten Produkte werden anschließend in 180 Wohnungen der neun teilnehmenden Wohnungsunternehmen, in Deutschland Wohnungen der Joseph-Stiftung und der Rheinwohnungsbau GmbH, auf Herz und Nieren im Alltag der Mieter geprüft.
Generell werden Produkte und Dienstleistungen aus den Bereichen Sicherheit, Gesundheit, Komfort, Kommunikation und Energieverbrauch ausgewählt, die ausnahmslos ausgereift und bereits auf dem Markt erhältlich sind. Sie müssen einfach zu bedienen und zu installieren sein, und vor allem auch erschwinglich, denn alle unsere Projektpartner fühlen sich einem sozialen Auftrag verpflichtet. Zu guter Letzt sollen die besten Produkte und Dienstleistungen auf einer Internetplattform gelistet und so zugänglich gemacht werden.

Das EU-Projekt
Das Projekt „I-stay@home“ wird mit 2,6 Mio. € aus dem Programm Interreg IVB der Europäischen Union gefördert und hat eine Laufzeit bis September 2015. Die gleiche Summe wird nochmal von den 13 Projektpartnern aufgebracht. Bundesweit ist die Joseph-Stiftung das erste Wohnungsunternehmen überhaupt, das die Steuerung eines solchen EU-Projektes übernommen hat.
In der aktuellen Förderperiode IV (2007–2013) wurden bislang für den Kooperationsraum „Nordwesteuropa“ 224 Projekte eingereicht, wovon allerdings nur 65 genehmigt wurden.
Seit nunmehr gut fünf Jahren bewirbt sich die Joseph-Stiftung um die Teilnahme an Forschungsprojekten auf europäischer Ebene. Hierbei erwies sich schon allein die Vielzahl der Fördertöpfe als Subventionsdschungel, den es zu durchdringen galt. Nach vier vergeblichen Anläufen ist die Joseph Stiftung im April 2011 quasi in letzter Minute in das EU-Projekt mit dem Akronym „ICE-WISH“ zum Thema Energieeffizienz aufgenommen worden.
Dies war der Ansporn, es mit einem erneuten Antrag zu versuchen, diesmal im Rahmen von Interreg, dem EU-Förderprogramm für die transnationale Zusammenarbeit in Europa.
Sehr schnell wurde von Seiten der nationalen Kontaktstellen in München und Düsseldorf klargemacht, dass die Joseph-Stiftung die Konsortialführerschaft in dem Projekt „I-stay@home“, sprich die Rolle des Lead-Partners, übernehmen sollte. Für einen Neuling auf dem EU-Parkett eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, da nach der Antragsphase nun auch die formalen Anforderungen während des Projektes auf das Unternehmen zukamen.

Start: Anfang 2012 mit einer Mieterbefragung
Aktuell befindet sich das Projekt noch im ersten Drittel des Arbeitsaufwandes. Während der Sommermonate wurden mehr als 200 Mieter in den teilnehmenden Ländern Belgien, Frankreich, den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und Deutschland nach ihren Wünschen, Bedürfnissen und Ängsten hinsichtlich technischer Unterstützung befragt, um darauf aufbauend die Produkte auswählen zu können. Verantwortlich für diesen Teil des Projektes ist der Partner aus dem Vereinigten Königreich, die Habinteg Housing Association.
Die ersten Ergebnisse zeigen, dass die älteren und unterstützungsbedürftigen Mieter in Nordwesteuropa ihre größten Defizite in den Bereichen Internetnutzung, Onlinebanking, Haushaltsführung und Mobilität sehen. Außerdem sind sie besorgt, im Notfall nicht rechtzeitig um Hilfe rufen oder nicht mehr mit ihren Freunden, Verwandten und Nachbarn kommunizieren zu können. Erfreulicherweise ist dabei ein großer Prozentsatz der Befragten bereit, eine technische Lösung in Betracht zu ziehen oder zumindest für sich zu testen. Es gibt aber dennoch genügend Skeptiker unter ihnen, die derartige Unterstützung ablehnen, da es ihnen laut ihrer Angaben schwer falle, sich von alten Gewohnheiten zu lösen. Sie finden, der Aufwand sei es nicht wert, oder befürchten, dass solche Lösungen zu teuer oder der Umgang mit technischen Lösungen zu schwer zu erlernen sei. Wenigstens in Bezug auf die letzten beiden Punkte wird gerade versucht, diesen Menschen mit den Ansprüchen der teilnehmenden Wohnungsunternehmen an die Produkte die Zweifel zu nehmen und ihnen ausschließlich bezahlbare Lösungen anzubieten.
Alle endgültigen Ergebnisse der Mieterbefragung sowie der Kriterienkatalog, auf dessen Grundlage die Produkte ausgewählt werden, sollen auf der nächsten großen Konferenz in London Ende Januar 2013 vorgestellt werden. Diese Konferenz wird wie schon das Kick-off-Meeting im Mai 2012 über zweieinhalb Tage gehen und eine umfassende öffentliche Veranstaltung beinhalten. Gastgeber sind die Kollegen in London. Für den Kriterienkatalog und die rein wissenschaftlichen Teile dieses Projektes konnte die EBZ Business School aus Bochum gewonnen werden. Parallel zu diesem Arbeitspaket entwickeln die technischen Partner, überwiegend von Aareon France, aktuell die Internetplattform, auf der die Lösungen einmal zu finden sein werden.

Vision: Living Lab
Mit dem Thema „technikunterstütztes Wohnen im Bereich AAL“ (Ambient Assisted Living) befasst sich außerdem die Tochterfirma Sophia living network GmbH. Gemeinsam wird derzeit daran gearbeitet, ein eigenes so genanntes „Living Lab“ in Bamberg zu installieren. Dabei handelt es sich um ein bewohntes Konzeptgebäude, das mit verschiedensten Komponenten unterstützender Technik ausgestattet wird, ebenfalls zur Unterstützung in den Bereichen Sicherheit, Komfort, Kommunikation, Energieverbrauch und Gesundheit. Außer zu Demonstrationszwecken werden sämtliche technischen Lösungen dort im Dauerbetrieb und unter realen Bedingungen getestet.
Doch auch das „Living Lab“ wird mit Sicherheit nicht das letztes Projekt der Joseph-Stiftung zu diesem Thema sein.

Das Energieprojekt REMO
Wie schon erwähnt, hat die Joseph-Stiftung mit dem Projekt „ICE-WISH“ (Demonstrating through Intelligent Control – smart metering, wireless technology, cloud computing and user-oriented display information –, Energy and Water wastage reductions In European Social Housing) ein zweites Projekt auf europäischer Ebene in Arbeit. Dieses hat den Schwerpunkt Energie und führt die Arbeitsschritte aus unserem eigenen Energieprojekt „REMO“ (Real time Energy MOnitoring) weiter, da es neben der intelligenten Erfassung und Auswertung von Zählerdaten dem Verbraucher direkt an seinem Fernseher Tipps zum Energie- und Wassersparen anbietet. Aktuell befinden sich die „ICE-WISH“-Komponenten im Testbetrieb in 30 Wohnungen der Joseph-Stiftung.

Dr. Wolfgang Pfeuffer
Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung kirchliches Wohnungsunternehmen im Erzbistum Bamberg

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