01.07.2013 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Was Mieter wollen: Sicherheit an erster Stelle

Kapitel
Zentrales Element des AAL-Modellprojekts ist ein Tablet-PC
Bild: OFFIS

Viele Projekte des Ambient Assisted Living (AAL) kranken daran, dass sie die Bedürfnisse der Nutzer zu wenig berücksichtigen. Die Städtische Wohnungsgesellschaft Bremerhaven (STÄWOG) und ihre Projektpartner wollten es besser machen: Sie bezogen die Mieter bei ihrem Projekt „Länger selbstbestimmt wohnen“ von Anfang an ein – und stellten fest, dass die Wünsche der älteren Menschen und die Möglichkeiten der Technik nicht immer übereinstimmen.

So richtig begeistert war Ann-Marie Truhart am Anfang nicht. „Wir hatten ein bisschen Angst, die Technik würde uns überrollen“, erzählt die 69-jährige STÄWOG-Mieterin, die sich zusammen mit ihrem 73-jährigen Mann am Modellprojekt „Länger selbstbestimmt wohnen“ beteiligte. Dieses 2012 abgeschlossene Projekt verfolgte das Ziel, wissenschaftlich entwickelte Möglichkeiten des technikassistierten Wohnens in einem Mietshaus in Bremerhaven zu erproben. Beteiligt daran waren neben der STÄWOG das Oldenburger Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Informatik (OFFIS), das Technologie-Zentrum Informatik und Informationstechnik (TZI) der Universität Bremen und das Diakonische Werk in Bremerhaven.
„Unser Ausgangspunkt war die Überlegung, dass es zwar viele AAL-Projekte gibt, aber kaum Erfahrungen, wie die Mieter darauf reagieren“, sagt STÄWOG-Geschäftsführer Christian Bruns. „Und da wir in der Goethestraße 43 eine sehr aktive Hausgemeinschaft haben, stellten wir uns die Frage, ob mit dieser Gemeinschaft ein solches Forschungsprojekt möglich sei.“ Das 1903 errichtete Haus in der Goethestraße mit seinen zehn Wohnungen war vor einigen Jahren von der STÄWOG entsprechend den Wünschen der Wohngruppe umgebaut worden.

Bedarfsermittlung in Musterwohnung
Die Idee war dabei, von den Bedürfnissen der mehrheitlich älteren Mitglieder der Hausgemeinschaft auszugehen. Um ihnen aufzuzeigen, was überhaupt möglich ist, fuhr die Gruppe ins nahe Oldenburg, wo OFFIS eine Musterwohnung ihres Projekts IDEAAL unterhält. Die Bewohner der Goethestraße konnten jedoch nicht nur die dort präsentierten technischen Möglichkeiten kennenlernen, sondern auch ihre eigenen Wünsche formulieren. „Es hat uns sehr gut gefallen, dass wir unsere Vorstellungen einbringen konnten“, erinnert sich Ann-Marie Truhart an die folgenden Workshops mit Wissenschaftlern und Technikern. „Für uns stand fest, dass wir nicht so weit gehen wollten, wie es in der OFFIS-Musterwohnung möglich ist. Und es war uns ganz wichtig, unsere Selbständigkeit zu behalten.“
Das hatte Jochen Meyer, Bereichsleiter Gesundheit bei OFFIS, nicht anders erwartet. „Von Anfang an war klar, dass die Technik einfache, im Alltag nützliche Funktionen aufweisen musste“, sagt er. Robotertechnik z. B. sei zu kompliziert, um in der Praxis eingesetzt zu werden. Überraschende Ergebnisse brachten die Gespräche mit den Mietern trotzdem: „Nicht unmittelbar auf dem Schirm hatten wir den Wunsch nach einer Klingelanlage mit optischer Verbindung nach außen“, sagt Meyer.
Genau das aber wünschten sich die Bewohner der Goethestraße: eine Anlage, die es ihnen ermöglicht, mit Besuchern an der Haustür zu kommunizieren und ihnen mitzuteilen, dass sie das Klingeln gehört haben – und zwar ohne zum Türöffner an der Wohnungstür eilen zu müssen und dabei möglicherweise zu stürzen. Ebenso der Sicherheit dienen weitere Vorschläge der Bewohner. So sprachen sie sich für einen zentralen Ein-Aus-Schalter für elektrische Geräte und für ein System aus, das ihnen beim Verlassen der Wohnung meldet, wenn ein Fenster geöffnet ist. Und schließlich stießen auch vernetzte Rauchmelder auf Zustimmung. Wenn also in einer Wohnung Rauch festgestellt wird, gehen in allen Wohnungen die Rauchmelder an. Weil für jede Wohnung Schlüssel bei den Nachbarn deponiert sind, können die Bewohner im Fall der Fälle schnell nachschauen, ob es tatsächlich brennt.
Auf wenig Gegenliebe stießen hingegen diejenigen technischen Möglichkeiten, die mit der Gesundheit zu tun haben. „Die Mieter sagten: Ich möchte nicht so verkabelt sein, dass der Arzt meine Herzfrequenz sehen kann“, verdeutlicht dies STÄWOG-Geschäftsführer Bruns. Dies sei auch nicht weiter erstaunlich, findet OFFIS-Forscher Meyer: In städtischen Räumen wie in Bremerhaven sei die Hausarztpraxis leicht erreichbar. In ländlichen Regionen stelle sich dies anders dar.

Kosten: 5.000 € pro Wohnung
Die Investitionskosten für die technische Ausstattung beziffert STÄWOG-Chef Bruns auf 5.000 € pro Wohnung. Würden die Maßnahmen in einem Neubau realisiert, wären die Aufwendungen deutlich geringer: Dann, so Bruns, würde es ausreichen, ein fünfadriges (statt ein dreiadriges) Kabel zu verlegen und von Anfang an einen Kabelschrank vorzusehen. Die Technik im Bestand zu installieren, erwies sich hingegen als nicht einfach, wie OFFIS-Vertreter Meyer sagt: Die eigentlich präferierte Kabellösung ließ sich nicht umsetzen, so dass die Entwickler auf eine funkbasierte Lösung ausweichen mussten. „Im Neubau würden ein paar Leerrohre das Problem lösen“, sagt Meyer. Als besonders problematisch erwies sich die von den Mietern gewünschte Kommunikation mit den Besuchern vor der Tür: Für eine solche Klingelanlage fand sich kein Lieferant. „Die Industrie“, folgert Bruns, „ist noch nicht so weit wie die Wissenschaft.“
Als zentrales Element in Bremerhaven fungiert ein Tablet-PC, der auch mit Sprachfunktionen ausgestattet ist. So meldet er per Stimme, wenn beim Verlassen der Wohnung ein Fenster offen steht. Auch die Angabe, in welcher Wohnung Rauch festgestellt worden ist, erfolgt über das Tablet. Dessen Handhabung war offenbar kein Problem: „Mein Mann geht sehr gern damit um, und auch ich habe mich daran gewöhnt“, berichtet Mieterin Ann-Marie Truhart.
Als „spannendes Thema“ bezeichnet Christian Bruns die Frage, wie das System nach dem offiziellen Abschluss des Projekts weiter unterhalten werden soll – denn die Technik bleibt in den teilnehmenden Wohnungen installiert. Bruns sieht hier die Handwerker und Hausmeister in der Pflicht: „Ich bin sicher, dass man das hinkriegt, wenn man die Leute entsprechend schult.“

Akzeptanz ist entscheidend
Obwohl das Projekt vom Umfang her klein ist (drei Haushalte in der Goethestraße beteiligten sich daran), hat es nach Ansicht aller Beteiligten wichtige Ergebnisse gebracht, die weit über Bremerhaven hinaus relevant sind. „Wir haben viel aus dem Projekt gelernt und wollen das Wissen weiter nutzen“, betont Wissenschaftler Meyer. Deutlich sei geworden, dass die Akzeptanz der Technik ein ganz wesentlicher Punkt sei. „Deshalb haben wir uns sehr viel Zeit genommen, um Vertrauen in die Technik aufzubauen und Befürchtungen auszuräumen – etwa die Angst, im Dunkeln zu sitzen, wenn die Technik einmal ausfällt.“
Erkenntnisse hat auch die STÄWOG gewonnen: „Wir müssen mit ganz niederschwelligen Angeboten auf die Mieter zugehen“, sagt Geschäftsführer Bruns. Geplant ist nach seinen Worten, bei Neubau- und grundlegenden Modernisierungsvorhaben künftig die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich AAL-Technik unaufwändig installieren lässt. Wichtig sei es indes auch, die Zahlungsbereitschaft der Mieter zu erkunden. Der Hausnotruf, den die STÄWOG bereits jetzt in Kooperation mit einem sozialen Träger ihren Mietern anbietet und der die Mieter monatlich nur 10,- € kostet, werde jedenfalls nur von wenigen Kunden in Anspruch genommen. „Die Leute sagen als erstes: Ich bin doch noch nicht alt“, hat Bruns erfahren.
Auch Projektteilnehmerin Ann-Marie Truhart ist „im Nachhinein ganz zufrieden“. Allerdings habe es sich gezeigt, dass noch Entwicklungspotenzial bestehe und „noch nicht alles ausgereift“ sei. Auf jeden Fall möchte Ann-Marie Truhart „nicht in einer volltechnisierten Wohnung allein wohnen“. Aber für die Zukunft könnte sie sich noch mehr vorstellen – z. B., über das Tablet direkt mit ihrem Hausarzt Kontakt aufzunehmen.

Christian Hunziker

Freier Immobilienjournalist, Berlin

Schlagworte zum Thema:  Haustechnik, Demografischer Wandel

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