16.11.2012 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Interview zu einem Feldtest von altersgerechten Assistenzsystemen: So alt bin ich noch nicht

Kapitel
Prof. Dr. Barbara Klein
Bild: FH Frankfurt/Main

Im Bestand der ABG Frankfurt Holding in Frankfurt/Main ist der Feldtest „Altersgerechte Assistenzsysteme in der Wohnungswirtschaft“ gestartet worden. Wissenschaftlich begleitet wird der Test von Prof. Dr. Barbara Klein, Professorin für Organisation und Management der Sozialen Arbeit, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Frankfurt/Main. Die DW sprach mit ihr über erste Erfahrungen.

Frau Prof. Dr. Klein, auf Kongressen zum Thema AAL hat man als Besucher oft das Gefühl, dass zwischen den Projekten der Fachleute und den Wünschen der Nutzer eine erhebliche Diskrepanz besteht. Teilen Sie den Eindruck?
So pauschal kann man das nicht sagen. Ich glaube, dass es vor allem an Information und Aufklärung der Nutzer fehlt. Es gibt auf dem Markt eine ganze Reihe von Produkten, die die Menschen gar nicht kennen. Selbst an den Hausnotruf, den es seit 30 Jahren gibt, sind in Deutschland nur etwa 400.000 Menschen angeschlossen. Dabei gibt es insgesamt rund 2 Mio. Pflegebedürftige, von denen die Hälfte zu Hause betreut wird. Ein Hindernis für die weitere Verbreitung von altersgerechten Assistenzsystemen stellen sicher auch die Kosten dar.
Aber selbst für Pilotprojekte der Wohnungswirtschaft, bei denen die Teilnahme umsonst ist, finden die Unternehmen manchmal nur mit Mühe genügend Teilnehmer …
Die Kosten geben auch nicht allein den Ausschlag. Viele Menschen haben die Einstellung: So alt bin ich noch nicht! Und: Solche Systeme brauche ich noch nicht. Offenbar fällt es schwer, den Nutzen von altersgerechten Assistenzsystemen zu erkennen.
Mit Ihrem Feldtest in Frankfurt wollen Sie dazu beitragen, das zu ändern. Was ist geplant?
Wir möchten 50 bis 60 Mieterinnen und Mieter der ABG Holding dafür gewinnen, altersgerechte Assistenzsysteme zu testen. Das Projekt findet im Rahmen des Programms Loewe (Landes-Offensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz, HA-Projektnr. 338/12-28) statt und läuft über zwei Jahre. Angewendet wird dabei ein Hausnotrufsystem mit erweiterten Sensorlösungen, also beispielsweise einem Fallsensor, der Alarm schlägt, wenn der Mensch stürzt, oder einem Aktivitätsknopf. Den muss man einmal am Tag drücken, sonst erkundigt sich die Leitstelle, ob alles in Ordnung ist. Herausfinden möchten wir mit unserem Feldtest in erster Linie, welche Erwartungen die Teilnehmer an die Geräte und Dienstleistungen haben, welche Geräte und Dienstleistungen sie benötigen und nutzen und wie es mit der Handhabung aussieht.
Ausgewählt für den Feldtest wurde der Stadtteil Gallus. Warum gerade der?
Es handelt sich um einen interessanten Stadtteil mit einem hohen Anteil an Migranten und Leistungsempfängern sowie einem niedrigen Durchschnittseinkommen. Wir möchten unter anderem herausfinden, wie die Akzeptanz von altersgerechten Assistenzsystemen in einem solchen Umfeld ist.
Wie sieht es dabei mit dem Datenschutz aus?
Auch das wird in unserem Feldtest untersucht. Zu berücksichtigen ist dabei, dass manche alten Leute sagen: Wenn es mir Assistenzsysteme ermöglichen, in der Wohnung zu bleiben, statt in ein Pflegeheim zu gehen, so nehme ich ein gewisses Maß an Überwachung und Monitoring in Kauf.
Können altersgerechte Assistenzsysteme die menschliche Pflege ganz ersetzen?
Nein, sie sind eine Ergänzung, kein Ersatz. Die Systeme können nicht pflegen. Aber sie erhöhen das Sicherheitsgefühl der Menschen.
Frau Prof. Klein, vielen Dank für das Gespräch.

Mit Prof. Dr. Barbara Klein sprach Christian Hunziker.

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