01.07.2013 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Interview mit Benno Bolze

Kapitel
Bild: DHPV

„Jeder von uns ist sterblich. Es ist sinnvoll, heute – nicht erst mit achtzig – daran zu denken.“ Benno Bolze ist Geschäftsführer des 1992 gegründeten Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbands (DHPV). Er hat Erfahrung mit Wohnungsunternehmen und weiß, was geleistet werden kann und was nicht.

Herr Bolze, was ist das Hauptanliegen Ihres Verbandes?
Der DHPV vertritt mit seinen 16 Landesverbänden und über 1.000 Mitgliedseinrichtungen die Belange schwerstkranker und sterbender Menschen. Er ist die bundesweite Interessensvertretung der Hospizbewegung sowie der zahlreichen Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Deutschland. Eines der wichtigsten Anliegen ist es, das Thema Hospiz in die Gesellschaft zu tragen.
Ist das gelungen? Hat sich der Umgang mit dem Thema Tod seit den 1990er Jahren gewandelt?
Ganz gewiss. Was man vor Jahrzehnten noch als ein Tabu bezeichnete – Sterben und Tod als Themen in unserer Gesellschaft –, ist heute wesentlich stärker im Bewusstsein vieler Menschen angekommen. Das verdanken wir einer größeren Bereitschaft der Menschen, sich diesen Themen zu öffnen, aber auch der steigenden Zahl der Angebote im Hospiz- und Palliativbereich. Dazu kommt die intensive Öffentlichkeitsarbeit der Hospizdienste und -einrichtungen und auch der Medien, wie z. B. im Herbst 2012 die Themenwoche der ARD zum Thema Sterben. Dennoch bleibt noch einiges zu tun. Es ist sinnvoll, heute – nicht erst mit achtzig – daran zu denken.
Was leisten ambulante Hospizdienste? Ab wann haben Hospize und Palliativstationen Bedeutung?
Begleitung und Unterstützung kann sehr früh beginnen, z. B. wenn man eine Frage zur Patientenverfügung oder zu den Themen Sterben, Tod und Trauer hat. Dazu kann man mit dem ambulanten Hospizdienst in der Nähe einfach telefonisch Kontakt aufnehmen. Aufgabe der Hospiz- und Palliativdienste ist es, Sterben zu Hause, in der gewohnten Umgebung, zu ermöglichen. Dies geschieht durch die Begleitung der ambulanten Hospizdienste vor Ort und die Organisation eines Netzwerkes, das eine den Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen entsprechende Versorgung durch Ärzte, Pflegekräfte, Sozialpädagogen und Seelsorger gewährleistet. Erst wenn eine Versorgung zu Hause nicht oder nur begrenzt möglich ist, erfolgt die Aufnahme in ein stationäres Hospiz.
In Sachsen baute ein kommunales Wohnungsunternehmen ein Hospiz. Ist das für Sie eine richtige Entwicklung?
Es ist gut, dass in Sachsen ein weiteres Hospiz entstanden ist, aber es wäre keine Lösung, wenn jedes Wohnungsunternehmen ein Hospiz baut. 18% der Menschen, das zeigen die Ergebnisse der repräsentativen Bevölkerungsumfrage des DHPV, möchten in einem Hospiz sterben. Zwei Drittel aber möchten zu Hause sterben. Dazu ist es notwendig, dass ein entsprechendes Netzwerk von ambulanten Diensten und ehrenamtlichen Mitarbeitern vorhanden ist oder aufgebaut wird. Und gleichzeitig ist es uns sehr wichtig, Strukturen in der Nachbarschaft zu stärken, die hier unterstützen können. In dieses Netzwerk sind dann die stationären Hospize eingebunden. Hospize sind spezialisierte Einrichtungen zur ganzheitlichen Versorgung und Begleitung sterbender Menschen und vor diesem Hintergrund von einem Wohnhaus mit Mietern zu unterscheiden.
Was wünschen Sie sich konkret von Wohnungsunternehmen?
Ich wünsche mir, dass mehr Angebote geschaffen werden, die es erleichtern, zu Hause wohnen zu bleiben. Nicht selten müssen ältere Menschen ihre Wohnung verlassen, weil Stufen sie daran hindern, sie zu erreichen. Ich betreue zum Beispiel eine ältere Dame, die mit einem Rollator mobil ist. Nur: Zwischen dem Erdgeschoss, wo der Aufzug hält, und der Eingangstür des Mietshauses sind acht Stufen, die für die ältere Dame allein unüberwindlich sind. Eine wichtige Unterstützung wären zudem Ansprechpartner, z. B. ein sozialer Dienst, der Hilfsangebote für die Mieter vermittelt, die Angehörigen unterstützt und die Wohnungsunternehmen auf einen möglichen Hilfebedarf hinweist .
Welche Rolle spielt eine funktionierende Nachbarschaft? Was ist hier zu tun?
Sicher ist eine Heimaufnahme nicht in jedem Fall zu vermeiden. Dennoch wäre es durch mehr Miteinander als Nebeneinander häufiger möglich, dass Menschen in ihrer gewohnten Umgebung wohnen bleiben können. In einem Haus mit jungen Familien, älteren Menschen sowie allein lebenden Menschen gibt es viele Möglichkeiten, sich gegenseitig zu unterstützen. Aufeinander zugehen ist der Beginn nicht nur einer Nachbarschaft, sondern einer lebendigen (Wohn)Gemeinschaft.

Das Interview führte Bärbel Wegner.

Schlagworte zum Thema:  Demografischer Wandel, Patientenverfügung

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