04.03.2014 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Interview mit Matthias Kaufmann: „Die Mensch-zu-Mensch-Betreuung ist besonders wichtig“

Kapitel
Bild: Kreiswohnbau Hildesheim

Die Wohnungswirtschaft erprobt in unterschiedlichen Projekten, inwieweit das vernetzte Wohnen und der Einsatz assistierender Technik in der Wohnumgebung z. B. älteren Menschen den Verbleib in den eigenen vier Wänden erleichtern kann. So auch die Kreiswohnbau Hildesheim GmbH im Projekt Argentum. Kreiswohnbau-Geschäftsführer Matthias Kaufmann gibt Auskunft.

Herr Kaufmann, Sie haben im vergangenen Herbst in der niedersächsischen Kleinstadt Sarstedt die Wohnanlage Argentum Am Ried fertig gestellt. Entstanden sind 25 Wohnungen mit einer Wohnfläche zwischen 55 und 94 m2, die mit AAL-Technik ausgestattet sind. Was hat Sie veranlasst, dieses Projekt in Angriff zu nehmen?

Wir reagieren mit dem Argentum auf den sich abzeichnenden demografischen Wandel. Dabei verfolgen wir eine Doppelstrategie: Einerseits ertüchtigen wir unseren Bestand, andererseits realisieren wir in zentralen Lagen mit guter Infrastruktur Neubauten, die auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet sind. So möchten wir bewirken, dass die Menschen so lange wie möglich und so selbstbestimmt wie möglich in ihren vertrauten vier Wänden leben können. Drei Punkte sind uns dabei besonders wichtig: ein barrierefreies und energieeffizientes Gebäude, Angebote für das Gemeinschaftsleben der Bewohner und AAL-Lösungen. Um dies zu erreichen, arbeiten wir beim Argentum mit der Johanniter-Unfall-Hilfe und der Deutsche Telekom AG zusammen.


Welche Möglichkeiten bietet die Technik den Bewohnern?

Ausgangspunkt ist ein Hausnotrufsystem, das an die Zentrale der Johanniter angeschlossen ist. Darüber hinaus können die Bewohner die wesentlichen Komponenten der Haustechnik über einen Tablet-PC mit bedienungsfreundlicher Oberfläche steuern. Zum Beispiel lässt sich das Badezimmer vom Frühstückstisch aus aufheizen und die Jalousien können vom Sofa aus geöffnet und geschlossen werden. Außerdem lassen sich kritische Elektrogeräte wie Herd oder Bügeleisen an der Eingangstür zentral ausschalten. Darüber hinaus bietet der Tablet-PC die Möglichkeit, eine Art hausinternes Facebook zu installieren sowie lokale Partner einzubeziehen. Das kann die Bestellung von Brötchen sein, aber auch die Kommunikation mit Ärzten. Verzichtet haben wir hingegen auf die Installation von Bewegungsmeldern.


Trägt sich das Projekt finanziell selbst oder nur mit Förderung?

Perspektivisch soll sich das Argentum selbst tragen. Dabei beträgt die Miete zwischen 7 und 9 €/ m2, was wir wirtschaftlich knapp darstellen können. Darüber hinaus bezahlen die Mieter 59,50 € pro Monat als obligatorische Servicepauschale. Gefördert wurde hingegen die AAL-Technik, und zwar mit 140.000 € aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (Efre). Davon stehen uns noch 100.000 € zur Verfügung, die für die Pflege der Software und die Schulung der Bewohner vorgesehen sind.


Wie kommt die Technik bei den Bewohnern an?

Genaue Aussagen darüber kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht machen. Auf jeden Fall sind mir keine Klagen zu Ohren gekommen, dass die Technik nicht funktionieren würde. Künftig werden wir untersuchen, welche Angebote besonders gut ankommen und was wir noch verfeinern können.


Was sind das für Menschen, die ins Argentum gezogen sind?

In der Regel sind sie zwischen 60 und 80 Jahre alt und kommen aus Sarstedt oder dem ländlichen Umland. Ihre technischen Kenntnisse sind sehr unterschiedlich: Es gibt Bewohner, die im Arbeitsleben Erfahrungen mit dem Computer gesammelt haben, aber auch solche, die noch nie einen Tablet-PC in der Hand hatten. Deshalb ist die Mensch-zu-Mensch-Betreuung besonders wichtig: Jeden Werktag steht für einige Stunden eine Mitarbeiterin der Johanniter den Mietern bei Fragen persönlich zur Verfügung.


Planen Sie weitere vergleichbare Projekte?

Ja. In Bad Salzdetfurth realisieren wir in einem alten Hotel eine weitere Wohnanlage mit AAL-Technik, die zusätzlich durch eine Tagespflege ergänzt wird. Und in Sarstedt haben wir mit dem Bau von Eigentumswohnungen begonnen, die ebenfalls mit AAL-Technik ausgestattet sind.


Herr Kaufmann, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Christian Hunziker.

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Demografischer Wandel

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