04.03.2014 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Integratives Bauprojekt: Wohnheim für Menschen mit Behinderung und Frühförderstelle in einem Haus

Kapitel
Nordwest Ansicht: An zentraler Stelle im Stadtteil Lindau-Reutin entstand eine integrative Wohn-, Arbeits- und Pflegeeinrichtung für Menschen mit Behinderungen
Bild: GWG Lindau, Foto: Marc Pejot, Pejot-Photodesign

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels schaffen viele Wohnungsunternehmen altengerechte Wohnangebote im Bestand und durch Neubau, um ihren Mietern Partner für das sichere, preiswerte und langfristige Wohnen sein zu können. Die GWG Lindau geht einen Schritt weiter und realisiert am Bodensee gemeinsam mit dem Verein Lebenshilfe ein integratives Projekt, das Behindertenwerkstatt und eine stationäre Einrichtung mit Wohnungen für das stundenweise betreute Wohnen verbindet.

Die GWG Lindauer Wohnungsgesellschaft mbH (GWG Lindau) hat gemeinsam mit der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung e. V., Kreisvereinigung Lindau, ein nicht alltägliches Projekt umgesetzt. In Zentrum des auf dem „Festland“ gelegenen Lindauer Stadtteils Reutin entstand ein integratives Modellprojekt, das u.a. ein Wohnheim für Behinderte und eine Frühförderstelle unter einem Dach umfasst.

Kooperation

Die Lebenshilfe im Landkreis Lindau betreibt außer der Lindenberger Werkstatt (Lindenberger Werkstätten gGmbH im rund 20 km nordöstlich gelegenen Lindenberg im Allgäu) auch eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Lindau. Es war ihr schon lange ein Anliegen, für die Mitarbeiter der Lindauer Werkstatt ein Wohnheim in der Nähe zu schaffen. Es sollte außer dem stationären Wohnen auch eine Wohngelegenheit für das ambulant betreute Wohnen bieten, damit die dort nach dem Motto „so viel Selbständigkeit wie möglich und so viel Hilfe wie nötig” wohnenden Menschen mit einer nur stundenweisen Betreuung selbständig einen Haushalt führen können. Die GWG Lindau besaß – nach Abriss eines alten, nicht mehr sanierungsfähigen Gebäudes –ein Grundstück im Zentrum des Stadtteils Reutin, das neu bebaut werden sollte. Durch Vermittlung der damaligen Oberbürgermeisterin trafen die Vertreter der Lebenshilfe mit dem Geschäftsführer der GWG zusammen und machten sich unter Einbeziehung eines Architektenbüros gemeinsam an die Planung.

In eineinhalb Jahren wurde ein modernes Gebäude in der Bazienstraße erstellt, in dem zwei Wohngruppen für 24 Menschen und sechs behindertengerechte Appartements entstanden. In dessen Erdgeschoss hat zudem die Frühförderstelle für Kinder mit besonderem Förderbedarf – ebenfalls eine Einrichtung der Lebenshilfe – ein neues Zuhause gefunden.

Barrierearmut und Farbgestaltung

Aufgrund der engen Zusammenarbeit aller Beteiligten während der Planungsphase konnte den Bedürfnissen der neuen Bewohner entsprochen werden: Hierzu zählten vor allem die Barrierefreiheit, aber auch modern gestaltete, „schicke“ Wohnbereiche und großzügige, helle Verkehrs- und Gemeinschaftsflächen.

So wurden alle Wohnungen und das Erdgeschoss barrierefrei gebaut. Die beiden oberen Etagen sind für Rollstuhlfahrer mit einem Lift zu erreichen. Helle Räume, breite Türen und Gänge und großzügige Gemeinschaftsräume gewähren größtmögliche Bewegungsfreiheit und vermitteln eine angenehme Wohnatmosphäre. Behindertengerechte Fluchtwege sorgen zudem für größtmögliche Sicherheit.

Die besondere farbliche Gestaltung der Flure und Verkehrsflächen erleichtert den Bewohnern die Orientierung im Haus: Schon im Treppenhaus kündigt die vorherrschende Farbe ein Stockwerk an. Die Frühförderung wurde vorwiegend mit Grün gestaltet, die Wohngruppe im 1. Stock überwiegend in Rottönen und die Wohngruppe im 2. Stock vorwiegend mit Blau. Dieses Farbkonzept zieht sich dann bis in die Gruppen hinein, so dass die Bewohner anhand der Farbe sofort erkennen würden, wenn sie z. B. mit dem Lift versehentlich in einem falschen Stockwerk und der falschen Gruppe gelandet sind, schließlich können sich die Gebäudenutzer „ihre“ Farbe und „ihr“ Gruppensymbol (Löwe oder Leuchtturm) leichter merken als eine Zahl.

Für die Lebenshilfe ging ein langersehnter Wunsch mit in Erfüllung: „Mit diesem Neubau haben wir mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen“, freut sich Frank Reisinger, Geschäftsführer der Lebenshilfe. So hat nun die Frühförderung endlich ausreichend Platz: im Erdgeschoss stehen ihr auf 240 m2 Fläche große Räume zur Verfügung, die allen Therapie- und Diagnostikmöglichkeiten gerecht werden. „Wir haben Bewegungsräume, Räume für Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie, es gibt Diagnostikzimmer mit der Möglichkeit von Videoanalysen“, schwärmt er.

Die beiden Wohngruppen haben jeweils ein Geschoss für sich alleine. Die jeweils sechs Einzel- und drei Doppelzimmer haben alle eigene Nasszellen. Pro Geschoss gibt es zudem einen großzügigen Küchenbereich und einen allgemeinen Wohnbereich. Alles sei barrierefrei und zusätzlich gebe es pro Wohngruppe noch ein großes, behindertengerechtes Bad, um auch Menschen mit höherem Pflegeaufwand versorgen zu können, erklärt der Lebenshilfe-Geschäftsführer.

Einbindung in die Nachbarschaft

Neben dem Wohnkonzept ist die zentrale Lage des Gebäudes im Stadtteil Reutin für das Anliegen wichtig, Menschen mit Behinderung in der Stadt „sichtbar“ zu machen und in ihren Alltag einzubeziehen. Die Werkstatt, der Arbeitsplatz der Bewohner, liegt ganz in der Nähe des neuen Gebäudes. In der unmittelbaren Nachbarschaft sind eine Bäckerei, eine Bank, verschiedene Ärzte und ein Supermarkt gut zu erreichen. Im alten Reutiner Rathaus um die Ecke können die Bewohner die örtlichen kulturellen und gesellschaftlichen Angebote nutzen, im Sport- oder Trachtenverein sowie im Tanzhaus mitmachen. Diese Vernetzung in die anderen Quartiere der Stadt ist von Verein und Wohnungsunternehmen gewollt.
Die nahgelegene Haltestelle des Stadtbusses ermöglicht den Bewohnern der Einrichtung Mobilität und sichert den Besuchern der Frühförderstelle eine gute Erreichbarkeit. Besucher und Gäste des Hauses können aber auch direkt vor dem Haus oder in einer Tiefgarage mit 24 Plätzen parken. Drei Photovoltaikanlagen auf dem Dach des Hauses liefern Energie, die Wärmeversorgung erfolgt über die Heizanlage (Pellets) im Keller des nahegelegenen GWG-Verwaltungsgebäudes, das unterirdisch mit dem neuen Gebäude verbunden ist.

Zusammenarbeit: gemeinsamer Gewinn

„Für die Wohnbaugesellschaft war die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe ein Glücksfall in jeder Hinsicht“, erklärt GWG-Geschäftsführer Alexander Mayer. „Wir konnten bei der Planung und durch die professionelle Zusammenarbeit auf ihre praktischen Erfahrungen zurückgreifen. Im Hinblick auf die bürokratischen Besonderheiten und den herrschenden ‚Verordnungsdschungel‘ für die Einrichtung eines Heimes für behinderte Menschen war das eine enorme Erleichterung.” Auch wenn die GWG das Objekt längerfristig an die Lebenshilfe vermietet hat, wurde bereits zum Planungsbeginn die Wohnanlage so konzipiert, dass die Wohnungen mit geringen Veränderungen zu Seniorenwohnungen umgestaltet werden könnten, falls ein Mieterwechsel erfolgen sollte. Dies mindert natürlich das Risiko für die Wohnungsgesellschaft und stellt sich im Hinblick auf die Refinanzierung positiv dar.
GWG und Lebenshilfe haben ein Projekt realisiert, das nicht nur behinderten Menschen bessere Wohn-, Therapie- und Arbeitsmöglichkeiten schafft, sondern sie im wahrsten Sinne in die Mitte der Stadt holt und zu einen Know-how-Transfer zwischen Wohnungs- und Sozialwirtschaft beiträgt.

Gabriele Zobel, GWG Lindauer Wohnungsgesellschaft mbH, Lindau

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Demografischer Wandel, Physiotherapie

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