01.07.2013 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Wohnungswirtschaft und Hospizbewegung: Gut wohnen - auch in den letzten Lebenstagen?

Kapitel
Die SWG Oederan mbH eröffnete in einer alten Villa das erste stationäre Hospiz in Mittelsachsen. Betreiber und Pächter des Hospizes ist der Verein „Hospiz- und Palliativdienst Begleitende Hände e. V.“
Bild: SWG Oederan mbH

„Verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.“ – „Sterben ist Leben – Leben vor dem Tod.“: So lauten ­Leitsätze der weit über 20 Jahre existierenden Hospizbewegung, heute organisiert im Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verband e. V. (DHPV). Sterben zu Hause oder in gewohnter Umgebung zu ermöglichen, ist vorrangiges Ziel und entspricht dem Wunsch vieler Menschen. Wenn das nicht möglich ist, sollen voll- oder teilstationäre Einrichtungen helfen. Die Wohnungswirtschaft öffnet sich langsam diesem Thema.

Als der damalige Vizekanzler und Bundesarbeitsminister Franz Müntefering von seinen Funktionen zurücktrat, um sich bis zuletzt um seine schwerkranke Frau zu kümmern, setzte er damit ein viel beachtetes Zeichen. Heute ist er sehr aktiv in der Hospizbewegung, im Hospiz- und Palliativ-Verband (DHPV). Er wirbt mit vielen Vorträgen um persönliches Engagement sowie privaten Einsatz und für veränderte Strukturen vor Ort, in der Gemeinde und Nachbarschaft.
Diese Strukturen haben sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert, die Pflege schwerstkranker Menschen zu Hause und ein behütetes Sterben im Kreise der nächsten Angehörigen sind selten geworden. Der private Tod verschwindet aus dem Blickfeld. Die Versorgung sterbender Menschen ist zum großen Teil in Krankenhäuser verlagert worden. Deutschland kommt, wenn es um Hilfs- und Pflegeangebote für Sterbende geht, laut einer internationalen Palliativstudie von 2010 nur auf den achten Platz. Die beste Versorgung bieten demnach Großbritannien, Belgien und die Niederlande.
Wie Menschen sterben wollen - Wunsch und Wirklichkeit
Die meisten Menschen wollen im Alter so lange wie möglich in ihrer eigenen Wohnung bleiben. Eine aktuelle Befragung des DHPV ergab, dass 66 % der Befragten, die sich bereits Gedanken über ihr eigenes Sterben gemacht hatten, auch zu Hause sterben wollen. Nur 18 % gaben an, dass sie in einer Einrichtung zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen sterben wollen. Die tatsächlichen Zahlen, so berichtet der DHPV anlässlich der Veröffentlichung der Befragung 2012, sähen jedoch ganz anders aus: i. d. R., je nach Versorgungsgrad in der Region, sterben demnach die meisten Menschen, über 40 %, nach wie vor im Krankenhaus, rund 30 % in der stationären Pflegeeinrichtung und etwa 25 % zu Hause. Das bedeute, so folgert der Verband, einen Auftrag an die Verantwortlichen, „den Aus- und Aufbau der ambulanten Versorgungsstrukturen weiter voranzubringen”. Stationäre Hospize sind im Übrigen nur ein Teil der Versorgung sterbender Menschen.

Der Hospizgedanke
Das Wort Hospiz hat eine lateinische Wurzel. Es bedeutet sowohl Gastfreundschaft als auch Herberge. Hospize gaben im Mittelalter den Pilgern Unterkunft auf ihren Reisen, zugleich waren sie Herberge für sterbende und kranke Menschen. Die später geadelte Ärztin und Sozialarbeiterin Cicely Saunders gründete 1967 das erste moderne Hospiz in Europa. Saunders Philosophie liegt die Idee von Lebensqualität statt Lebensdauer zugrunde. Zu ihrem Ansatz, der bis heute die Hospizbewegung prägt, gehören eine hochwertige Schmerztherapie und Symptomkontrolle, eine sehr gute Pflege sowie eine psychosoziale und spirituelle Begleitung. Die ersten Hospize in Deutschland entstanden 1986 in Aachen und Recklinghausen. Hospize arbeiten heute eng vernetzt mit Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialsystems und vor allem den ambulanten Hospizdiensten. Die Begleitung und Versorgung der Betroffenen durch ambulante Hospizdienste geschieht in enger Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen. Über 1.000 Hospizdienste und Palliativeinrichtungen mit über 80.000 Ehrenamtlichen nennt allein der DHPV.

Erleichterungen durch den Gesetzgeber
Patienten im stationären Hospiz hatten in früheren Jahren einen Eigenanteil zu tragen, seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2009 entfällt diese Beteiligung. Im Jahr 2007 wurde der Rechtsanspruch auf die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung gesetzlich geregelt mit dem Ziel, die Versorgung sterbender Menschen zu Hause zu verbessern. In der Ausbildung der Mediziner ist Palliativmedizin heute Lehr- und Prüfungsfach und 2009 wurde das Gesetz zur Regelung der Patientenverfügungen verabschiedet.

Verbindung zu Hospizdiensten in der Wohnungswirtschaft
„Wer sich um seine Mitglieder und Mieter von A-Z kümmern will, sollte das Thema Hospiz und Hospizdienste nicht ausblenden.“ Holger Kowalski, Vorstandsmitglied des Altonaer Spar- und Bauvereins (altoba) in Hamburg, sieht hier Defizite in der Branche. Die altoba wird in einem Wohnquartier der Genossenschaft einen an ambulanten Hospizdiensten orientierten Besuchsdienst auf den Weg bringen. Das Angebot wird in Kooperation mit einem sozialen Träger entwickelt.
„Wann baut die Genossenschaft uns denn einen eigenen Friedhof?“, fragten augenzwinkernd Mitglieder des Bauvereins zu Lünen, als vor Jahren direkt im Anschluss an die Seniorenwohnungen eine Seniorenresidenz gebaut wurde, Demenzstation inklusive. Der Scherz enthält einen wahren Kern. In deutschen Pflegeeinrichtungen und Seniorenheimen sterben heute, siehe oben, rund 30 % der Menschen. Palliativkompetenz und Hospizkultur müssen daher dort weiter verbessert werden, meint Benno Bolze, Geschäftsführer des DHPV. „Die Fragen und Wünsche der Bewohner bezüglich der Versorgung und Begleitung am Lebensende sollten nicht erst dann angesprochen werden, wenn das Lebensende absehbar ist, sondern rechtzeitig. Dies kann bereits im Aufnahmegespräch geschehen.” Stationäre Pflegeeinrichtungen sollten nach Bolze z. B. enger mit ambulanten Hospizdiensten zusammenarbeiten. Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und des DHPV hat zu diesen Fragen ein Grundsatzpapier erarbeitet und Ende 2012 der Öffentlichkeit vorgestellt. Man setzt sich hier für die Interessen von schwerstkranken und demenziell erkrankten Menschen in Pflegeeinrichtungen ein und bezeichnet deren Versorgung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe (siehe Charta unter www.palliativmedizin.de).
Von der Zusammenarbeit mit ambulanten Diensten berichtet Markus Mayr, Geschäftsführer der BBG Senioren-Residenzen und Heimleiter eines der zwei Seniorenzentren der Braunschweiger Baugenossenschaft eG: „Eine Sterbebegleitung ist Bestandteil unseres Pflegekonzeptes.“ Dem läge das humanistische Menschenbild zugrunde, die „umfassende Betreuung von Körper, Seele und Geist als Einheit”. Die Sterbebegleitung basiere auf aktiver Kooperation mit dem Palliativdienst und dem Hospizverein vor Ort.

Hospize als Bauvorhaben im Quartier
Frank Schrecker, Vorstandsvorsitzender der Wohnungsbaugenossenschaft „Berolina” eG in Berlin, ist überzeugt davon, „dass in unserer alternden Gesellschaft der Hospizgedanke (wieder) an Stellenwert gewinnen wird”. Er merkt an, dass bereits vor dem Hospiz für Genossenschaften und die Gesellschaft eine Menge von Themen zur Begleitung der betreffenden Menschen liegen: „Dazu zählen Pflegedienste, soziale Nachbarschaften, Wohngruppen, Seniorenresidenzen … Unsere Aufgabe könnte in der Zurverfügungstellung der Immobilie liegen, um zusammen mit einem qualifizierten Kooperationspartner solche Angebote zu offerieren.“
Hospize genießen großes Ansehen in der Bevölkerung. Aber ein Hospiz direkt vor der Tür? „Bei aller Wertschätzung für das Thema – das Vorgehen war nicht in Ordnung.“ Rolf Kalleicher, Vorstand der Braunschweiger Baugenossenschaft, geriet durch einen geplanten Hospiz-Neubau erst einmal in einen Konflikt mit den Initiatoren. Das mittlerweile gebaute Hospiz sollte in unmittelbarer Nähe einer relativ neuen Wohnanlage mit 40 Wohnungen entstehen. „Dreigeschossig, nur wenige Meter neben den Balkonen der Wohnungen unserer Mitglieder.“ Hinzu kam, dass Kalleicher erst aus der Presse von dem Vorhaben erfuhr. Er brachte sich in die Planung ein. Man fand einen Konsens, das Hospiz entstand einige Meter versetzt – und zweigeschossig. Die Baugenossenschaft unterstützte anschließend den Bau durch Spenden, gestaltete die Außenanlagen, das Verhältnis sei gut. Hospize seien für ihn wichtige Einrichtungen im Quartier, betont Kalleicher.
Etwas anders sah man das 2012 im Hamburger Süden. Dort gingen Bürger entschieden und grundsätzlich gegen die Baupläne für ein Hospiz in ihrer Straße vor. Vom Werteverfall der Immobilien war u. a. die Rede, man wolle nicht täglich Leichenwagen fahren sehen. In den Konflikt schaltete sich sogar die Hamburger Landespastorin Annegrethe Stoltenberg ein. Die Anwohnerproteste stünden für sie für eine „Illusion vom perfekten Leben“ schrieb sie in einem Beitrag im Hamburger Abendblatt. Ein Leben, in dem es keine Krankheit, kein Leid, kein Sterben geben dürfe. Wer sich informiere, erfahre, dass in einem Hospiz keine depressive Grundstimmung herrsche, sondern ein gesundes „Memento mori“, ein Leben mit dem Wissen um die Endlichkeit. Zum Miteinander in der Gesellschaft und der Nachbarschaft gehören für Stoltenberg Mitgefühl und Solidarität unbedingt dazu.

Wohnungsunternehmen bauen ein Hospiz
2011 eröffnete mit Unterstützung ambulanter Hospizdienste und der Wohnungsgenossenschaft in einem ehemaligen Kloster in Essen-Werden ein Hospiz mit sieben Plätzen. Zuvor wurde der Altbau gemäß den Anforderungen von der GEWOBAU, Wohnungsgenossenschaft Essen eG für mehr als
1 Mio. € in Absprache mit der Denkmalschutzbehörde umgebaut. Träger der Einrichtung ist die „Christliches Hospiz Essen-Werden gemeinnützige GmbH“, die die Immobilie gemietet hat. Das sei wirtschaftlich gut tragbar und rechne sich sogar, berichtete Vorstand Ulrich A. Büchner. Die genossenschaftseigene Stiftung WohnLeben unterstützte mit einer Spende für die Anfangsausstattung. In der gleichen Straße baute die GEWOBAU bereits 38 Wohnungen für ein Senioren-Wohnprojekt, zusätzlich zu bestehenden 50 Wohnungen.
„Wer gibt Städten Gesicht und Seele?“ lautet der Titel einer Broschüre des VdW Sachsen, Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft e. V. in Dresden. Teil einer Antwort und entsprechendes Beispiel, auf das Verbandsdirektor Siegfried Schneider stolz ist, ist die Eröffnung des ersten stationären Hospizes in Mittelsachsen im Dezember 2012. Es wurde gebaut von der Stadtbau- und Wohnungsverwaltungsgesellschaft Oederan mbH in einer alten Villa. Betreiber und Pächter ist der Verein „Hospiz- und Palliativdienst Begleitende Hände e. V.“. Eine enorme Herausforderung sei es hier gewesen, die Balance zwischen Denkmalschutz, Brandschutz und den besonderen Nutzeranforderungen zu halten. „Ein mustergültiges Projekt, das sich nur mit staatlicher Hilfe realisieren ließ“, so Schneider, für den das Thema Hospiz eines der Zukunft ist: „Die Familienbande lockern sich, die Vereinzelung nimmt zu. Wir sollten künftig bei der Entwicklung von Quartierskonzepten auch den Hospizgedanken berücksichtigen.“

Bärbel Wegner

Freie Journalistin, Hamburg

Schlagworte zum Thema:  Hospiz, Patientenverfügung, Demografischer Wandel

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