16.11.2012 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Genossenschaftliche Wohnformen für ältere Mitglieder: Betreut wohnen in der Genossenschaft

Kapitel
Das Ensemble Bauerstraße der SBV Dortmund erweitert den Bestand der Genossenschaft um 50 stark nachgefragte moderne, barrierefreie Wohnungen.
Bild: Spar- und Bauverein Dortmund eG

Der Bedarf nach neuen seniorengerechten Wohnformen wird sich weiter erhöhen, da die Zielgruppe der ­Älteren wächst und durch wandelnde Wohnbedürfnisse und -ansprüche gekennzeichnet ist. Betreute Wohnprojekte für ältere Menschen spielen hier eine wichtige Rolle. Gerade Wohnungsgenossenschaften zeigen Interesse an dieser Wohnform, um ihrer alternden Mieterschaft adäquaten Wohnraum zu bieten. Eine Studie des InWIS-Instituts befasst sich daher mit Wohnmodellen für Senioren in Wohnungsgenossenschaften und stellt Best-Practice-Beispiele der Organisation betreuter Wohnformen vor

Das Thema „Seniorenwohnen“ spielt bereits seit einigen Jahren in der Wohnungswirtschaft insgesamt und bei Wohnungsgenossenschaften im Speziellen eine verstärkte Rolle. Aufgrund des demografischen Wandels ist der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung in der Vergangenheit gestiegen und wird auch zukünftig weiter steigen. Diese Personen sind in zunehmendem Maße auf Unterstützung im Alltag und haushaltsnahe Dienstleistungen angewiesen bzw. wünschen sich diese als Komfortmerkmal. Gleichzeitig sinkt das familiäre Hilfepotenzial aufgrund der immer geringeren Zahl potenzieller Betreuungspersonen. Hinzu kommt, dass – ähnlich wie in jüngeren Zielgruppen – bei den älteren Haushaltstypen eine fortschreitende Pluralisierung von Lebensformen und Lebensstilen sichtbar wird.

Betreutes Wohnen liegt im Trend
Letztlich bedingen diese Veränderungen einen Wandel in der Wohnungsnachfrage. Aufgrund des Wachstums der Zielgruppe und der sich wandelnden Wohnbedürfnisse und -wünsche entsteht ein Bedarf an neuen seniorengerechten Wohnformen. Dabei hat sich in den vergangenen Jahren neben den traditionellen Formen des „altersgerechten Wohnens“ (altersgerechte Wohnung ohne Service und Altenwohnheim) eine Vielzahl von neuen Wohn- und Lebensformen entwickelt. Das betreute Wohnen gewinnt hierbei immer mehr an Bedeutung. Bereits heute gibt es rund 200.000 Wohnungen in diesem Segment, womit es unter den altersgerechten Wohnformen den größten Anteil hat. Kennzeichen dieser Wohnform ist die Kombination aus einer barrierefreien bzw. -armen Wohnung und einem ergänzenden Dienstleistungsangebot. Dieses wird in der Regel als „Grundservice“ angeboten und kann durch weitere „Wahlleistungen“ ergänzt werden.

Genossenschaften und ihre Mitglieder
Das betreute Wohnen wird zunehmend von Wohnungsgenossenschaften als mögliche Wohnform für die älteren Mitglieder wahrgenommen. Dabei sind die Bewohner in Wohnungsgenossenschaften nicht nur „Kunde“, sondern auch Mitglied und damit Miteigentümer am Gesamtbestand der Genossenschaft. Grundlegendes Ziel der Genossenschaften ist es, ihre Mitglieder mit adäquatem Wohnraum zu versorgen. Dabei sehen sich Wohnungsunternehmen im Allgemeinen und Wohnungsgenossenschaften im Besonderen aufgrund ihrer Historie mit einer stark alternden Mitgliederschaft konfrontiert. Viele dieser Unternehmen haben insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Aufbauleistung erbracht und in kurzer Zeit viele Tausend Wohnungen geschaffen, also auch in dieser Zeit die größten Zuwächse an Neumitgliedern erlebt. Da sich vor allem Genossenschaften oft durch eine starke Kundenbindung auszeichnen, altern ihre Mieterschaften „schneller” als die Gesellschaft insgesamt.
Betreute Wohnprojekte stellen demnach für Wohnungsbaugenossenschaften eine attraktive Option dar, ihren Mitgliedern adäquaten und bezahlbaren Wohnraum zu bieten. In der Praxis der konkreten Umsetzung bestehen jedoch häufig konkrete Fragen, bei denen es an Erfahrung mangelt, um sie schlüssig beantworten zu können.

Studie
Vor diesem Hintergrund und im Hinblick darauf, dass 2012 von den Vereinten Nationen zum internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen wurde, haben das Kuratorium Qualitätssiegel Betreutes Wohnen für ältere Menschen NRW e. V. sowie der Verein Wohnen in Genossenschaften e. V. eine Studie zum Thema „Betreutes Wohnen in Genossenschaften“ angestoßen. Gefördert wurde diese vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen sowie durch den VdW Rheinland Westfalen. Anhand einer quantitativen Befragung und der qualitativen Analyse von Best-Practice-Beispielen sollen mit dieser Expertise die Bandbreite und die Qualität von betreuten Wohnprojekten in Wohnungsgenossenschaften aufgezeigt werden. Auf ein Beispiel sei hier näher eingegangen:

Best Practice in Dortmund
Eines der Best-Practice-Beispiele ist das Projekt „Bauerstraße“ der Spar- und Bauverein Dortmund eG. Der Neubau mit seinen insgesamt 50 Wohneinheiten stellt eine Ergänzung des bereits vorhandenen Wohnungsbestandes der Genossenschaft in Dortmund-Brackel dar. Neben einem innovativen Energiekonzept zeichnet sich das Projekt dadurch aus, dass es in Anlehnung an die DIN 18040 gebaut worden ist.
Damit hat die Genossenschaft ihren Bestand um ein Projekt erweitert, in dem ihre Mitglieder bis ins hohe Alter barrierefrei leben können, ohne auf eine integrierte und zentrale Lage verzichten zu müssen. Denn das Projekt befindet sich zwar in einer ruhigen Nebenstraße, in der unmittelbaren Umgebung sind jedoch alle Geschäfte des täglichen Bedarfs vorhanden und vor allem auch fußläufig erreichbar. Ebenso profitieren die Bewohner von der guten Nahverkehrsanbindung. Durch die Kooperation mit einem örtlich verankerten Dienstleistungserbringer ist das Projekt darüber hinaus auch nicht nur baulich, sondern auch organisatorisch und sozial in das umgebende Quartier integriert.
Die Spar- und Bauverein eG hat sich hier für eine Mischfinanzierung entschieden, d. h. es gibt in dem Projekt sowohl frei finanzierte als auch öffentlich geförderte Wohnungen, so dass ein Angebot für verschiedene Einkommengruppen geschaffen werden konnte. Nicht zuletzt zeigt sich die gelungene Gesamtkonzeption auch darin, dass das Projekt im vergangenen Jahr mit dem Qualitätssiegel Betreutes Wohnen für ältere Menschen NRW zertifiziert worden ist.

Unterschiedliche Ausgestaltung, ähnliche Herausforderungen, individuelle Lösungen
Neben der Bauerstraße wurden noch 10 weitere Projekte in NRW einer eingehenden Betrachtung unterzogen und werden als Best-Practice-Beispiele in der Studie vorgestellt. Sie sind über ganz NRW verteilt und unterscheiden sich sowohl im Hinblick auf die Ausgestaltung der betreuerischen Dienstleistungen, die Einbindung in das umgebende Quartier, der baulichen Umsetzung, der Kooperationen mit Architekten, Dienstleistern oder auch anderen Genossenschaften und der vertraglichen Regelungen. Eine Gemeinsamkeit dieser Projekte ist jedoch ihr Erfolg: Nahezu alle Projekte waren bereits bei Baufertigstellung voll vermietet und verfügen über längere Wartelisten.
Dennoch wurden natürlich auch Herausforderungen und Fragen genannt, denen sich die Genossenschaften und ihre Kooperationspartner im Projektverlauf stellen mussten. Hierbei handelt es sich um die Frage nach dem notwendigen Grad an Barrierefreiheit, die Möglichkeiten der vertraglichen Gestaltung bzw. Kopplung von Nutzungs- und Betreuungsverträgen oder auch die Frage nach dem passenden Angebot an Betreuungsleistungen. Angepasst an die lokalen Rahmenbedingungen wurden jeweils individuelle Lösungen gefunden.

Fazit
Allgemeiner Tenor der befragten Genossenschaften war es, dass es Sinn macht, sich von Anfang an darüber Gedanken zu machen, welche Zielgruppe man genau ansprechen möchte bzw. wer denn eigentlich die eigenen Mitglieder sind. Eine weitere wichtige Frage war, ob z. B. Barrierefreiheit „reicht“ oder doch eher eine rollstuhlgerechte Ausstattung die richtige Variante ist.

Katrin Witthaus

InWIS Forschung&Beratung GmbH Bochum

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