04.03.2014 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Generationenübergreifendes Wohnen: Der Beginenhof als Wohnprojekt für Frauen

Kapitel
Auch optisch ein Hingucker: der erste Berliner Beginenhof im Kreuzberger Erkelenzdamm. Das Konzept des Frauenwohnens findet auch anderenorts Anklang
Bild: ppl Leipzig

Frauen haben andere Bedürfnisse, stellen andere Anforderungen an das Wohnen. Aus diesem Grund entstehen an vielen Orten die unterschiedlichsten Frauenwohnprojekte. Mit den Beginenhöfen erhält eine jahrhundertealte Idee in Berlin neuen Glanz und lädt zum Nachmachen ein. Das erste derartige Projekt zeigt jedoch auch organisatorische Grenzen der Idee auf.

Genau dort in Berlin-Kreuzberg, wo der Bezirk am typischsten ist und wirklich auch jedes erwartete Klischee erfüllt, steht das Haus des Beginenhofs, des ersten Frauenwohnprojekts in Berlin, in fast idyllischer Lage am Erkelenzdamm 51-57. Das Umfeld ist geprägt durch mehrgeschossige Häuser aus der Gründerzeit Ende des 19. Jahrhunderts und stellt eine begehrte Wohnlagen dar, die wegen hoher Mietpreise für immer weniger Menschen bezahlbar ist. Das im Jahr 2007 errichtete Gebäude unweit des unwirtlichen Platzes Kottbusser Tor fällt ob seiner Eleganz und Leichtigkeit buchstäblich aus diesem Rahmen.

Die Idee des Projekts ist so außergewöhnlich wie die Architektur des Gebäudes von Barbara Brakenhoff (Büro ppl Leipzig). Beginenhöfe sind aus nicht nur aus den mittelalterlichen Niederlanden und Flandern bekannt. Auch in Norddeutschland führten alleinstehende Frauen in derartigen Wohngemeinschaften ihr selbstbestimmtes Leben in besonderen Häusern. „Individuell wohnen, zusammen leben“ ist auch das Motto des Kreuzberger Beginenhofs. Der Anstoß dazu kam von Jutta Kämper, Mitbegründerin des Vereins Beginenwerk. Sie hatte als ausgebildete Sozialpädagogin mit Architektin und Sozialplanerin Brakenhoff bei der Internationalen Bauausstellung Berlin (IBA) 1987 unter Leitung von Prof. Hardt-Waltherr Hämer gearbeitet und dort entsprechende Erfahrungen gesammelt. Allein in Berlin leben mehr als 600.000 allein wohnende Frauen – eine Herausforderung für zeitgemäße, zukunftsorientierte Wohnkonzepte, findet die 75-jährige Jutta Kämper, eine aparte Frau mit grauen kurzen Haaren und vier erwachsenen Kindern. Einen idealen Rahmen bietet dafür ein Gemeinschaftswohnprojekt.

Wie die Idee in die Tat umsetzen?

Eine Idee zu haben und diese zügig in die Tat umzusetzen, sind zwei verschiedene Dinge. Jutta Kämper hat es erfahren. Ihre Hartnäckigkeit zahlte sich schließlich aus. Das Grundstück (vier kriegsbedingte Baulücken) war durch den Bezirk Kreuzberg schnell gefunden. Es fehlte eigentlich „nur noch“ die Finanzierung. Die Zusage für das über 2.000 m2 große Grundstück war zwar gegeben, aber vage. Das Land Berlin hatte just im Jahr 2001 den Liegenschaftsfonds Berlin gegründet, um aus einer Hand von den Bezirken und dem Land nicht benötigte Liegenschaften zu Höchstpreisen zu verkaufen. Für Sozialpädagogin Kämper und Architektin Brakenhoff begann (immer die Pläne unter dem Arm) mit der Suche nach Finanzierer und Bauträger eine Odyssee, die vier Jahre dauern sollte.

Drei Finanzierungsmodelle kamen für das Projekt infrage: Genossenschaft, Stiftung oder Investorenmodell – nur nicht ein Modell à la Mietshäuser-Syndikat (siehe Kasten). So manch angefragtem Finanzierer oder Bauträger war das Frauenwohnprojekt derart suspekt, so dass sie gleich abwinkten wie die Aachner Baugesellschaft. Andere, so die Baugenossenschaft Berlin 1892, konnten die hohe Vorfinanzierung nicht leisten. Bis dann die Allgemeine Hypothekenbank Rhein Boden AG den Kontakt zum niederländischen Bauträger Kondor Wessels herstellte, der das Grundstück erwarb und die Wohnungen an die Frauen verkaufte.
Ab dann ging alles schnell. 2005 war endlich Baustart, 2007 zogen die ersten Bewohnerinnen ein. Heute ist – nach dem Projekt in der Müggelstraße im Stadtteil Friedrichshain – mit den Florahöfen im Bezirk Pankow bereits der dritte Beginenhof von Kondor Wessels im Bau. Eine Erfolgsgeschichte scheint auch dieser wieder zu werden. Bereits vor Baustart im Herbst 2013 waren 80 % der 20 Eigentumswohnungen verkauft. Dabei sind die Wohnungen der Beginenhöfe mit einem durchschnittlichen Verkaufspreis von ca. 2.500 €/m2 auch für Berliner Verhältnisse nicht gerade günstig. Das Konzept für die erste Frauen-Hausgemeinschaft, der Beginenhof am Erkelenzdamm, hat sich jedoch als überaus erfolgreich erwiesen. Diese positiven Erfahrungen bildeten die Grundlage für die Schwesterprojekte.

Ein buntes Haus mit „bunten“ Wohnungen

Architektin Barbara Brakenhoff vom Büro ppl Leipzig hat den Beginenhof als Gebäudepaar in einem geschwungenen Baukörper mit zwei Aufgängen konzipiert. Es sei eines ihrer schönsten Projekte, sagt sie, hier wollte sie zeigen, wie mit Kunst und Qualität Zeichen gesetzt werden können. Gute Architektur ist wie „gefrorene Musik“, so Brakenhoff. Eine prägnante Fassadengestaltung aus roten, grünen, gelben und blauen Gläsern (hier wurde eine gefärbte Schutzfolie zwischen die Gläser gegeben) vereint größere und kleinere Wohnungen mit differenzierten und flexiblen Grundrissen. Keine Wohnung gleicht einer anderen, sie sind so unterschiedlich wie die Bewohnerinnen selbst – eine Herausforderung für den Bauträger.
Die 53 Wohnungen (mit zwei Gästewohnungen) sind zwischen 60 und 75 m2 groß, die zwei Penthouse-Wohnungen auf dem Dach ca. 120 m2. Alle Wohnungen sind barrierefrei und verfügen über einen Balkon, wandhohe Fenster mit Holzrahmen, Parkett, Fußbodenheizung. Gemeinschaftlich genutzt werden Dachterrasse, der Garten sowie ein Raum für Anlässe unterschiedlichster Art dazu – von Qi-gong-Gymnastik über gesellige oder private Zusammenkünfte bis hin zum allmonatlichen Jour fixe. Der muss sein, zur Verständigung untereinander. Nur eine Tiefgarage für Autos gibt es nicht, dafür einen komfortablen Fahrradunterstand.

Eine Idee braucht Unterstützung

So aufrecht die Frauen ihr Banner auch tragen – sie sehen dunkle Wolken aufziehen. In der Präambel der Kaufverträge ist festgeschrieben, dass die Wohnungen nur Frauen zum Kauf angeboten und von ihnen erworben werden; eine jede entscheidet selbst, mit wem sie zusammenwohnen möchte. Doch was geschieht in einem Todesfall? Wer erbt die Wohnung?

Das Wohnungseigentumsgesetz sieht diesen besonderen Fall der Weitergabe nur an Frauen nicht vor, und genau das ist Anlass zur Sorge. Ganz wider den Strich geht ihnen ebenfalls zurzeit, dass eine „ihrer“ Wohnungen von einer neuen Eigentümerin an ein junges Ehepaar vermietet worden ist, die einzige Mietwohnung im Haus. Beklemmung bereitet, dass die Idee des gemeinschaftlichen, selbstverwalteten und –bestimmten Frauenwohnens von den „eigenen“ Mitstreiterinnen verwässert und untergraben werden könnte.

Eine Wohnung im Beginenhof als Kapitalanlage? Was ist zu tun? Darüber macht sich z. B. die 68-jährige Soziologin und Feministin Astrid Osterland, die bereits an der Universität Göttingen zu derartigen Projekten forschte, sich als „Hüterin der Projektidee“ versteht und von Anbeginn hier lebt, ihre Gedanken: Die Initiatorinnen befürchten hier eine Verkehrung ihrer Auffassung dieses Projektgedankens und wünschen sich für das Wohnen besonders von Frauen jenseits der 50 Jahre mehr Unterstützung inhaltlicher und auch praktischer Art durch die Politik. Allein 2.000 Frauen hatten sich für die 53 Wohnungen in Kreuzberg damals beworben. Frauen wollen anders wohnen, und wie – das beweisen die Beginenhöfe. Sie sind aller Unterstützung wert.

Karin Krentz, freie Immobilienjournalistin, Berlin

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Demografischer Wandel

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