16.11.2012 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Die Notwendigkeit von AAL-Systemen

Kapitel
Dr. Wolfgang Pfeuffer, Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung Bamberg
Bild: Joseph-Stiftung

Selbstbestimmtes Leben im Alter ist eines von sechs zentralen Handlungsfeldern der Bundesregierung, die in der Vergangenheit oftmals nur mit Barrierefreiheit der Wohnung, bestenfalls des Quartiers, diskutiert wurde. Um allerdings das Prinzip „ambulant vor stationär“ umsetzen zu können, kommen „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben (= Ambient Assisted Living)“ zunehmend in den Fokus.

Gemäß den Grundsätzen der Raumordnung sind im Gesamtraum der Bundesrepublik Deutschland und all seinen Teilräumen ausgeglichene soziale, infrastrukturelle, wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Verhältnisse anzustreben. Dabei ist die Versorgung mit Dienstleistungen und Infrastrukturen für alle Bevölkerungsgruppen in den Teilräumen in angemessener Weise zu gewährleisten (vgl. § 2 Abs. 2, Ziffer 1 bis 3 Raumordnungsgesetz). Mit ihrer im Oktober 2011 vorgestellten Demografiestrategie hat die Bundesregierung nochmals deutlich gemacht, dass sie an diesem hehren Ziel der Raumordnung auch und gerade für die Älteren in der Gesellschaft festhält. „Selbstbestimmtes Leben im Alter“ ist folgerichtig eines von sechs zentralen Handlungsfeldern der Bundesregierung.

Wohnungswirtschaftliche Realität
Für die Wohnungswirtschaft ist diese Erkenntnis nichts Neues. Jedes Wohnungsunternehmen weiß es aus eigenen Mieterbefragungen: Die Menschen wollen solange wie möglich in der eigenen Wohnung bleiben. Ein Wunsch, der der Branche sehr entgegenkommt, weisen doch gerade ältere Mieter einen überdurchschnittlichen Zufriedenheitsgrad auf. Die Kehrseite der Medaille sind jedoch zunehmende Ansprüche an die Wohnung, wenn es nicht nur bei Wunschdenken bleiben soll.
Wurden in diesem Zusammenhang in der Vergangenheit oftmals nur einseitig Fragen der Barrierefreiheit (oder wenigstens Barrierearmut) der Wohnung, bestenfalls des Quartiers, diskutiert, geraten „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben (= Ambient Assisted Living)“ zunehmend in den Fokus. Denn nur mit Hilfe von AAL-Technologien wird es gelingen, das in der Pflegeversicherung gesetzlich normierte Prinzip „ambulant vor stationär“ umzusetzen und damit der sich öffnenden Schere zwischen Pflegebedarf und Pflegekräftemangel wirksam zu begegnen.
Die vom demografischen Wandel getriebene Entwicklung von AAL-Technologien ist geeignet,
• die Kostenexplosion im Gesundheitswesen mit aufzufangen,
• Infrastrukturlücken in der Daseinsvorsorge peripherer ländlicher Räume zumindest teilweise auszugleichen,
• steigende Komfort- und Sicherheitsansprüche auszugleichen,
• die Mobilität älterer Menschen im direkten Wohnumfeld und im Quartier zu erhalten,
• die Kommunikation mit dem sozialen Umfeld zu erleichtern bzw. sicherzustellen.

Zukunft AAL
Für einen Durchbruch beim Einsatz von AAL-Technologien im Wohnbereich ist es dabei von essenzieller Bedeutung, dass die oftmals noch gegebene Trennung zwischen ambulant und stationär bei der Kostenträgerschaft aufgehoben wird, da dies zu volkwirtschaftlichen Fehlallokationen führt. Ebenso unabdingbar ist es, diejenigen an den Kosten für AAL-Technologien in der Wohnung zu beteiligen, die hieraus Nutzen ziehen (Krankenkassen, Pflegeversicherungen, Kommunen etc.).
Einsatz und Umsetzung
Bereits seit dem Jahr 2002 beschäftigt sich die Joseph-Stiftung, das kirchliche Wohnungsunternehmen in der Erzdiözese Bamberg, mit AAL-Systemen in der eigenen häuslichen Umgebung. Die Erfahrungen mit Sophia, unserem in den Jahren 2002 bis 2004 vom damaligen Bundesministerium für Gesundheit geförderten Modellprojekt, waren ausschlaggebend für die Überführung der Projekterfahrungen in ein tragfähiges Geschäftsmodell. Hierzu haben wir die Sophia Franken GmbH & Co. KG ins Leben gerufen. Komplementär dieser KG ist unsere Tochtergesellschaft, die inzwischen unter Sophia living network GmbH firmiert.
Mittlerweile haben wir auf nationaler Ebene fünf weitere AAL-Forschungsprojekte für verschiedene Bundesministerien (BMBF, BMVBS, BMFSFJ) abgeschlossen bzw. in Durchführung. Im April 2012 starteten wir als Lead Partner gemeinsam mit Wohnungsunternehmen, Universitäten, Technologie- und Consultingfirmen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden unter dem Akronym „I-stay@home“ ein europäisches Förderprojekt im Rahmen von INTERREG IV B. Joseph-Stiftung und SOPHIA living network GmbH haben sich damit endgültig dem Einsatz anwendungsorientierter AAL-Lösungen verschrieben.

Aufruf zum Erfahrungsaustausch
Wir freuen uns, wenn sich möglichst viele Wohnungsunternehmen bzw. Verbände von der Notwendigkeit von AAL-Systemen überzeugen ließen. Gerne treten wir mit ihnen in einen Meinungs- und Erfahrungsaustausch.

Dr. Wolfgang Pfeuffer

Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung Bamberg

Aktuell

Meistgelesen