16.11.2012 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Der steinige Weg vom Modellprojekt zum Geschäftsmodell

Kapitel
Die 85-jährige Else Schneider führt auf der Abschlussveranstaltung des Projekts SmartSenior vor, wie sie über ein Web-Pad das Serviceportal auf dem Fernseher ansteuert.
Bild: Copyright Matthias Steffen www.matthiassteffen.com

Die stolze Summe von 45 Mio. € nahm das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2009 in die Hand, um 18 Modellprojekte des Ambient Assisted Living (AAL) zu fördern. In diesen Monaten läuft die Förderung der meisten Projekte aus. Einige von ihnen sollen künftig auch ohne öffentliche Förderung weitergeführt werden – doch ein tragfähiges Geschäftsmodell kann noch kaum eines der Modellvorhaben vorweisen.

Falls sie aufgeregt sein sollte, so lässt sie es sich nicht anmerken. Ungerührt steht die 85-jährige Else Schneider inmitten von Journalisten und Vertretern von Forschungs- und Wirtschaftsinstitutionen. Mit Tablet-Computer und Fernbedienung soll sie das Projekt SmartSenior vorführen, an dem sie zusammen mit 34 anderen älteren Mietern des kommunalen Wohnungsunternehmens Gewoba in Potsdam teilgenommen hat. Ganz leicht fällt es der agilen Seniorin zwar nicht, auf dem Fernsehbildschirm die Kategorie „zu Hause“ anzusteuern. Ihrer Begeisterung für das Projekt tut das aber keinen Abbruch: „Ich habe mitgemacht, weil ich etwas für die Zukunft tun will. Und ein bisschen Action brauche ich im Leben!“
SmartSenior ist das größte der 18 vom BMBF im Rahmen des Förderprogramms „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben – AAL” unterstützten AAL-Projekte. 42 Mio. € umfasst das Projektvolumen, wovon das Ministerium 25 Mio. € zur Verfügung stellte. Insgesamt 28 Partner aus Industrie, Wissenschaft, Dienstleistung und Wohnungswirtschaft arbeiteten drei Jahre lang an drei Schwerpunktthemen: einer hohen Lebensqualität in der Wohnung, einer sicheren Mobilität und der Erhaltung der Gesundheit.
Kernstück war ein Praxistest mit einem Serviceportal, das per Fernbedienung oder Tablet-PC auf dem Fernsehgerät abrufbar war. Dabei konnten die Senioren verschiedene Bereiche wie „zu Hause“, „Kommunikation“ und „Gesundheit“ auswählen. Eine Audio-Video-Kommunikation ermöglichte den Austausch mit anderen Projektteilnehmern und dem rund um die Uhr besetzten Assistenz-Center. Zudem konnten die Teilnehmer Blutdruck- und Gewichtswerte direkt an das Telemedizin-Zentrum der Charité Berlin übermitteln.

SmartSenior: Hohe Akzeptanz
„Wir haben eine sehr hohe Akzeptanz der Dienste festgestellt“, sagte Dr. Mehmet Gövercin von der Charité auf der Abschlussveranstaltung von SmartSenior. Am häufigsten wurde im Portal der Menüpunkt „Gesundheit“ ausgewählt. Else Schneider begeisterte sich hingegen vor allem für die Audio-Video-Kommunikation. „Das war eine Bereicherung“, sagte sie auf der Abschlusskonferenz, „weil ich gerne Kontakte habe und man ja nicht jeden Tag die Kinder mit Anrufen belästigen kann.“
Getestet wurde das Portal im Bestand der Gewoba in Potsdam. Die Mieter für das Projekt zu gewinnen, war allerdings mit erheblichem Aufwand verbunden. Laut Jörn-Michael Westphal, Geschäftsführer der Pro Potsdam (zu der die Gewoba gehört), mussten 755 Gespräche geführt werden, um 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu finden. Nicht alle, die wollten, durften mitmachen: Voraussetzungen waren unter anderem ein Mindestalter von 55 Jahren, das Vorhandensein eines VDSL-Anschlusses und eine dauerhafte Anwesenheit während der Testphase. Am wichtigsten bei der Ansprache der Mieter, so Westphal, sei gewesen, das Projekt mit „einem Namen und einem Gesicht“ zu verbinden. Diese Funktion einer Kümmererin übernahm die Leiterin des Netzwerks „Schickes Altern“, Gisela Gehrmann. Deren Vertrauenswürdigkeit, bestätigt Mieterin Else Schneider, habe wesentlich dazu beigetragen, dass sie sich am Projekt beteiligt habe.
Zu Ende ist das Projekt SmartSenior mit Auslaufen der Förderung nicht. Laut Michael Balasch, Projektleiter beim Projektkoordinator Deutsche Telekom, plant der Telekommunikationskonzern, in Zusammenarbeit mit den Johannitern einen auf SmartSenior aufbauenden, mit Sensoren arbeitenden „Hausnotruf 2.0“ anzubieten. Auch die Gewoba bleibt an AAL-Lösungen dran: „Das Thema Videokommunikation wollen wir weiterführen“, sagte Jörn-Michael Westphal auf dem Demografiekongress „Zukunftsforum Langes Leben“ in Berlin. Dafür suche das Wohnungsunternehmen jetzt einen Dienstleister, der die Videokommunikation den Mietern möglichst zum Festpreis anbiete.

AlterLeben und STADIWAMI:
Weiterführung geplant
Praktische Ergebnisse soll auch das Projekt STADIWAMI (Standards für wohnungsbegleitende Dienstleistungen im Kontext des demografischen Wandels und der Potenziale der Mikrosystemtechnik) bringen. Geplant sei, die u. a. gemeinsam mit dem DIN-Institut in einem Forschungsprojekt entwickelte Service-Plattform James auf den gesamten Bestand der Spar- und Bauverein eG, Hannover, auszudehnen, sagte Genossenschaftsvorstand Reiner Fulst ebenfalls auf dem Demografiekongress in Berlin.
Auch ein anderes, in der Wohnungswirtschaft bestens bekanntes AAL-Projekt wird mit Ende der BMBF-Förderung nicht versanden: das vom Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften (VSWG) getragene Projekt AlterLeben. AlterLeben beruht auf einer Kombination von baulichen Maßnahmen in der Wohnung, technischen Systemen und sozialen Maßnahmen. „Der zentrale Knotenpunkt des Assistenzsystems ist ein Touchscreen-Monitor, an dem alle Informationen zusammenlaufen“, erläutert Stefan Viehrig, Vorstand der Wohnungsgenossenschaft „Fortschritt“ Döbeln eG (WGF), die im Juni 2012 eine mit einem AAL-System ausgestattete Musterwohnung eröffnete.
Diese AAL-Ausstattung ist in den letzten Jahren deutlich günstiger geworden: Kostete die Umrüstung pro Wohnung zu Beginn des Projekts noch 20.000 €, so sind die Kosten mittlerweile auf 2.500 bis 5.000 € gesunken, sagt Alexandra Brylok, Referentin Soziales und Projekte beim VSWG. Nach ihren Worten werden diejenigen Genossenschaften, die AAL-Lösungen eingeführt haben,
zumindest einen Teil davon auch künftig anbieten. „Zur Unterstützung von Akteuren der Wohnungswirtschaft“, berichtet Brylok weiter, „verfasste der VSWG eine Broschüre, in der wissenschaftliche und praktische Erkenntnisse zur Implementierung von baulichen und technischen Funktionalitäten zusammengefasst sind sowie Indikatoren für einzelne Geschäftsmodellbereiche (beispielsweise Leistungsangebot und -erstellung, Kooperation und Finanzierung) vorgestellt werden.“

Sophia: Geringe Verbreitung
Dass es nicht einfach ist, auch technisch ausgereifte Anwendungen in den Markt zu bringen, zeigt das Beispiel Sophia. Dieses bekannte Projekt wurde bereits 2002 von der Joseph-Stiftung Bamberg auf den Weg gebracht. Obwohl die Kosten für das mit einer persönlichen Telefonbetreuung verbundene Notrufsystem mit monatlich rund 35,- € überschaubar sind, zählt Sophia nach Angaben von Anton Zahneisen, Geschäftsführer der Sophia living network GmbH, insgesamt lediglich rund 5.000 Kunden. In Nordbayern mit 1.500 Kunden trage sich das System, sagte Zahneisen auf dem Demografiekongress in Berlin; eine flächendeckende Verbreitung im gesamten Bundesgebiet sei hingegen nicht geplant, da sie sich nicht rechnen würde. Der Hauptgrund: „Die Mehrheit der Menschen, über die wir reden, kann sich AAL nicht leisten.“

WohnSelbst:
Auf dem Weg zur Wirtschaftlichkeit
Das ist jedoch nicht das einzige Hemmnis für die Ausbreitung von AAL-Systemen, wie Dr. Armin Hartmann, Chef der Hartmann Real Estate und Geschäftsführer der Smart Living GmbH, beim Projekt WohnSelbst (www.wohnselbst.de) feststellte. Bei diesem noch bis März 2013 laufenden, ebenfalls im Rahmen der AAL-Fördermaßnahmen des BMBF unterstützten Vorhaben stehen telemedizinische Anwendungen im Vordergrund. Ausgesprochen schwer fiel es den Verantwortlichen laut Hartmann, die Mieter des Projektpartners GWW Wiesbaden zu begeistern. Viel besser war die Resonanz in der unweit von Wiesbaden gelegenen Gemeinde Taunusstein. „In Wiesbaden“, erklärt dies Hartmann, „ist die Not nicht groß, da die medizinische Versorgung sehr gut ist.“ Außerhalb der Großstadt stelle sich dies anders dar. Trotzdem sieht er das Projekt WohnSelbst „auf einem guten Weg“ zu einem Geschäftsmodell, das auch ohne Förderung funktioniert: „Wir glauben, dass man daraus ein lokales Gesundheitsportal machen kann, das sich im ländlichen Raum einsetzen lässt.“ Ein entscheidender Faktor sei die im Frühjahr 2013 zu erwartende Entscheidung, in welchem Umfang telemedizinische Leistungen in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen würden.
Grundsätzlich aber ist laut Hartmann bei den AAL-Projekten „die Schwelle zu marktgängigen Lösungen noch nicht überschritten“. Den Grund dafür sieht der Fachmann darin, dass die Projekte nicht alle zentralen Anforderungen erfüllen: „Es muss bezahlbar sein; es muss eine einfache, nachträglich installierbare Technik sein; und es muss für den Endkunden ein sofort erkennbarer Nutzen vorhanden sein.“ Grundsätzlich seien AAL-Lösungen, die ja aus der Mikrosystemtechnik kämen, „zu techniklastig, vielleicht zu technikverliebt“. Die Entwickler müssten erkennen: „Es geht um den Menschen, nicht um die Technik.“
Das zeigte auch das bis 2009 vom Land Rheinland-Pfalz geförderte Projekt PAUL – der „Persönliche Assistent für unterstütztes Leben“ bei der Bauverein AG Kaiserslautern. Kernstück des Projekts war ein Tablet-PC, der als intelligente Zentrale für die gesamte AAL-Umgebung diente. In Kaiserslautern, stellte Prof. Dr. Annette Spellerberg von der TU Kaiserslautern damals fest, sei deutlich geworden, „dass Technik nicht die sozialen Kontakte ersetzt, sondern dass ein technisches Gerät wie PAUL die Gemeinschaftsbildung fördern kann. Denn PAUL stellt ein verbindendes, neutrales Gesprächsthema dar.“ Ähnliches berichtet Seniorin Else Schneider aus Potsdam: Die Technik des Projekts SmartSenior sei jetzt abgebaut – aber Kontakt zu den anderen Teilnehmern habe sie immer noch.

Christian Hunziker

Freier Immobilienjournalist Berlin

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