01.07.2013 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Assistenzsysteme: I-stay@home soll Spreu vom Weizen trennen

Kapitel
Emma, 20 Jahre später: ihr Ehemann ist an Krebs gestorben, die Tochter studiert Medizin und der Sohn ist zur UN Friedenstruppe gegangen
Bild: EBZ

Zu kompliziert, zu teuer, zu unbequem – es gibt viele Gründe, aus denen Senioren technischen Lösungen misstrauen, die ihnen eigentlich helfen sollen. Tatsächlich sind manche der sogenannten Assistenzsysteme sperrig oder wenig nutzerfreundlich designt. Die Spreu vom Weizen trennt seit Oktober 2012 ein internationales Forschungsprojekt. Nun liegen erste Ergebnisse vor.

Technisch machbar ist heute vieles, doch ehe aus der rohen Technik ein Produkt wird, das Menschen fortgeschrittenen Alters auch nutzen wollen und können, ist es nach der ersten zündenden Idee oft noch ein weiter Weg.
Das Projekt I-stay@home soll Abhilfe schaffen: Für das von der Europäischen Union unterstützte Forschungsvorhaben verbünden sich 15 nordwesteuropäische Unternehmen. Sie wollen im Hinblick auf die demografische Entwicklung in Europa geeignete IT-gestützte Lösungen für Menschen, Wohnungsunternehmen sowie Städte und Gemeinden bereitstellen.

Zwischen Wissenschaft und Wohnungswirtschaft
Technikanbieter und Wohnungsunternehmen gehen häufig von verschiedenen Voraussetzungen aus und benötigen eine gewisse Zeit, um Verständnis für die Bedürfnisse der jeweils anderen Seite zu entwickeln. Für die Vermittlerrolle innerhalb des I-stay@home-Projekts hat sich daher das EBZ – Europäisches Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft zur Verfügung gestellt. Prof. Dr. Viktor Grinewitschus ist Inhaber der Techem-Professur für Energiemanagement an der EBZ Business School und hat erhebliche Erfahrungen sowohl mit dem Thema des intelligenten Wohnens als auch mit der Vernetzung von Technik und Wohnungswirtschaft. Er leitete u. a. die Fraunhofer-Gruppe „Ambient Intelligence Solutions“ und initiierte 1998 das Fraunhofer-inHaus-Zentrum mit.
Grinewitschus sagt: „Das Bewusstsein, dass wir Technik und Marktverständnis noch viel stärker zusammenbringen müssen, setzt sich auf beiden Seiten durch. Wohnungsunternehmen und Technikanbieter brauchen einander, können von einem systematischen Austausch in erheblichem Maß profitieren.“

Sorgen und Bedürfnisse der Mieter
Die Perspektive der Nutzer zu verstehen, war ein wichtiger erster Schritt für das Projekt, und so stand eine Kundenbefragung am Anfang von I-stay@home: Über den Zeitraum von September 2011 bis Januar 2012 befragten die beteiligten Wohnungsunternehmen 185 ihrer älteren und/oder behinderten Mieter aus dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Belgien, Deutschland und den Niederlanden. Manche Ergebnisse überraschten, andere nicht – insgesamt gewährten sie einen wertvollen Einblick in die Haltung der Mieter zu technischen Lösungen.
Erwartungsgemäß eine der am häufigsten getätigten Aussagen: „Ich habe Angst, in ein Pflegeheim zu müssen, wenn ich mich nicht mehr bewegen kann.“ Eher unerwartet dagegen: Den Mietern wurden zehn Bereiche des Alltags genannt, aus denen sie die drei wählen sollten, die ihnen am meisten Sorgen bereiten. Der Bereich, in dem die meisten Mieter Probleme nannten, ist der Zugang und die Nutzung des Internets. „Es ist heute, auch für viele Ältere, ein wichtiger Teil des täglichen Lebens und stellt insbesondere für Menschen mit eingeschränktem Bewegungsspielraum eine wertvolle Möglichkeit zur Kommunikation mit der Außenwelt dar“, so Prof. Dr. Grinewitschus: „Wir müssen uns dringend von dem Gedanken verabschieden, dass die neuen Medien älteren Menschen nicht bekannt sind oder für sie keinen besonderen Wert besitzen.“
Am zweithäufigsten nannten die Befragten Einschränkungen ihrer Mobilität. Ebenfalls häufig als große Herausforderungen genannt wurden Aktivitäten im Haushalt, wie putzen und einkaufen.

Furcht vor Kosten und Komplexität
Welche Gründe halten ältere oder behinderte Menschen davon ab, Assistenztechnologien anzunehmen? Am häufigsten findet sich in den Antworten der Befragten das Statement wieder: „Ich würde technische Hilfe akzeptieren, befürchte aber, sie ist teuer und zu schwer zu erlernen.” Die Ergebnisse belegen die Annahme, dass Mieter ausschließlich an bezahlbarer, leicht zu bedienender und verlässlicher Technologie interessiert sind. Prof. Dr. Grinewitschus betont: „Zugleich belegt die geäußerte Befürchtung ja, dass sich viele der Befragten noch nicht mit den angebotenen Lösungen befasst haben, denn sie ‚befürchten‘ ja eben nur, dass diese zu teuer oder zu kompliziert seien. Es mag also an manchen Stellen auch darum gehen, Ängste abzubauen und den Menschen Mut zur Beschäftigung mit den vorhandenen technischen Lösungen zu machen.“
Abschließend wurden die Mieter nach Bedingungen gefragt, unter denen sie Technologie annehmen würden. Die größte Zustimmung der Befragten erhält die Aussage „Assistenztechnologie ist Aufgabe der Wohnungsunternehmen in Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen.“ Die Vermieter erhalten einen Vertrauensvorschuss, stehen mit einer solchen Einstellung ihrer Kunden jedoch ohne Zweifel auch unter Zugzwang.

Projektphase ist angelaufen
Die Ergebnisse der Befragung dienten dem fünfköpfigen Forscherteam der EBZ – zu dem mit Lisa Wilczek auch die Referentin für neue Medien, Multimedia und IT des VdW Rheinland Westfalen gehört – als Grundlage für die Projektphase der System-Evaluierung. So lud man ab Oktober 2012 Anbieter ein, Übersichten ihrer Produkte und Services für die Unterstützung älterer und körperlich eingeschränkter Menschen einzureichen. Im Zuge dieser Umfrage wählte das Team 114 Unternehmen aus zehn Ländern, darunter auch Singapur, zur weiteren Partizipation am Projekt aus.
Verschiedenste Bereiche sind nun vertreten und werden im Rahmen von I-stay@home überprüft: Die eingereichten Systeme und Lösungen behandeln Telemedizin, Organisation und Kommunikation, Wellness, Spezialsensorik, Hausautomation, Barrierefreiheit, Sicherheit und die Unterstützung kognitiver Fähigkeiten. Neben der Erhebung der technologischen Möglichkeiten wurde ein System zur wissenschaftlichen Evaluation dieser Lösungen entwickelt, um die Produktidee, die Effektivität, die Nutzerfreundlichkeit, den Produktreifegrad, die Funktionssicherheit, die Kosten, die Wirtschaftlichkeit, den Installationsaufwand und nicht zuletzt die ethischen Implikationen zu beurteilen.
Das ursprüngliche Ziel von I-stay@home steht damit auch weiter im Vordergrund: Die verschiedenen Systeme sollen nicht nur aus Sicht der Forscher, Techniker und Wohnungsunternehmen, sondern gerade aus der Sicht der Nutzer, der betreuenden Mitarbeitenden und Familienangehörigen funktionieren.
Prof. Dr. Volker Eichener, Rektor der EBZ Business School, erläutert die weiteren Schritte: „In enger Zusammenarbeit mit dem ambulanten Pflegedienst ALPHA in Duisburg, einem Tochterunternehmen des Sozialwerks St. Georg e. V., konnten bereits viele der eingereichten Produkte diskutiert und unter anderem in eine Tagesgruppe für demenziell Erkrankte integriert werden. Nun wird eine intensive Prüfung und Auswahl der fünf vielversprechendsten Assistenzsysteme folgen. Wir entwickeln zudem eine Kommunikationsplattform, um diese Systeme in ersten Musterwohnungen der jeweiligen Partner zu integrieren.“

Friederike Külpmann

Wissenschaftliche Mitarbeiterin EBZ Business School Bochum

Schlagworte zum Thema:  Demografischer Wandel

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