16.11.2012 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Assistenzfunktionen in Wohnungen: Technikunterstütztes, selbstbestimmtes Wohnen im Alter

Kapitel
Wohnung mit Assistenzfunktion
Bild: Fraunhofer Gesellschaft

Werden Senioren gefragt, wo sie im Alter wohnen möchten, steht die eigene Wohnung hoch im Kurs. Wie man ihre Anforderungen erfüllen kann, ist Gegenstand von Debatten und Studien. Die barrierefreie bzw. -arme Gestaltung von Wohnung und Haus regeln verschiedene Normen. Aber reichen Maßnahmen wie gut beleuchtete Wege, ein rollstuhlgerechter Fahrstuhl im Haus, breite Türen oder rutschfeste Bodenbeläge aus, um Menschen ein längeres, selbstbestimmtes Wohnen im Alter zu ermöglichen? Muss nicht auch die technische Wohnungs- und Gebäudeausstattung helfen, hier Angebote zu schaffen?

Senioren sind für die Wohnungswirtschaft eine interessante Zielgruppe. Dem steigenden Bedarf steht auch eine hohe Motivation auf Seiten der Immobilieneigentümer gegenüber, durch Auf- und Umrüstung von Wohnungen hier ein adäquates Angebot zu unterbreiten. Bei kognitiven Einschränkungen helfen barrierefreie Ausstattungen jedoch nur bedingt. Die Schwerpunkte des Unterstützungsbedarfes sind andere. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. gibt z. B. seit 2000 regelmäßig Orientierungshilfen heraus, welche technischen Hilfen für Demenzkranke in der eigenen Häuslichkeit sinnvoll sind. Dabei geht es eher um Funktionen zur Erhöhung der Sicherheit, der Notfallerkennung, aber auch um Hilfsmittel zur Verbesserung der sozialen Kommunikation und des Zusammenspiels der Senioren mit professionellen Betreuern. Kombiniert man diese Anforderungen mit den zunehmend am Markt verfügbaren Smart-Home-Lösungen, entstehen Wohnungen, die einen umfassenden Unterstützungsbedarf geben.

Die Zeit ist reif für die Diskussion, wie Infrastrukturen in Wohnungen heute beschaffen sein müssen, um einige wichtige Funktionen bereits als Basisausstattung zu realisieren, andere bei Bedarf gezielt und kostengünstig nachrüsten zu können. Die Wohnung oder Immobilie der Zukunft wird assistenzfähig sein. D. h., in Abhängigkeit der jeweiligen Situation, wird der Bewohner informiert, werden Funktionen automatisch ausgeführt oder externe Personen benachrichtigt, wenn mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Notsituation erkannt wurde. Wie bei der barrierefreien Gestaltung von Wohnräumen gilt auch hier, dass die Lösungen in vielen Fällen auch geeignet sein sollten, nicht oder nur gering betroffene Menschen im täglichen Leben zu unterstützen.

Sicherheits-Assistenzfunktionen in Wohnungen
Im Folgenden sind Funktionen beispielhaft aufgeführt, die sich auf der Basis der beschriebenen Infrastrukturen realisieren lassen (siehe Grafik links):
• Abschaltung kritischer Verbraucher (Herd, Bügeleisen etc.) nach Ablauf einer maximalen Benutzungsdauer, bei Rauchentwicklung oder beim Verlassen der Wohnung,
• Orientierungslicht, welches sich automatisch beim Verlassen des Bettes in der Nacht aktiviert,
• Notrufschalter am Bett, mit dem Angehörige oder professionelle Pflegekräfte alarmiert werden können,
• Erkennen kritischer Situationen (Bad nicht verlassen, Fehlen von Aktivität in der Wohnung trotz Anwesenheit) und Weiterleitung der Information an Betreuenden.
Weitere Assistenzfunktionen, insbesondere für die Notfallerkennung, aber auch für ´die Erhöhung der Energieeffizienz sind verfügbar bzw. in der Entwicklung. Werden Wohnungen nach dem beschriebenen Schema ausgestattet, können diese in der Regel sehr einfach ergänzt werden.

Realisierung von Assistenzfunktionen in Immobilien
Für die Umsetzung von Assistenzsystemen hat sich vor allem die in der Grafik rechts dargestellte Systemarchitektur als grundlegend herauskristallisiert. Die assistive Umgebung entsteht dadurch, dass die beteiligten elektrischen Geräte, Sensoren und Messvorrichtungen so miteinander vernetzt sind, dass deren Daten an einer zentralen Stelle gesammelt, ausgewertet und zu neuen Funktionen verknüpft werden können. Dazu gehört auch, dass im Bedarfsfall die Technik in der Wohnung mit Angehörigen oder Dienstleistern kommunizieren kann. Mittels einer an die akuten Bedürfnisse des Bewohners angepassten Software auf einem sog. Service Gateway erscheint die Wohnung als „intelligentes“ System.
Für die Realisierung einer solchen intelligenten Umgebung existieren verschiedene Möglichkeiten, die sich im Aufwand für die Verkabelung und den Kosten unterscheiden:

Bussysteme
Für die Elektroinstallation haben sich je nach Segment (Wohngebäude oder Zweckbauten) verschiedene Bussysteme am Markt etabliert. Bussysteme zeichnen sich dadurch aus, dass die Sensoren (Schalter, Bewegungsmelder etc.) und Aktoren (Schaltrelais für Licht, Rolladen, Dimmer etc.) mit einer Datenleitung untereinander verbunden sind. Die Marktführer in Deutschland sind KNX und LON, daneben existieren einige kleinere Systeme (z. B. LCN). In höherwertigen Immobilien finden diese Systeme eine steigende Verbreitung, für den breiten Einsatz in der Wohnungswirtschaft werden die Kosten im Allgemeinen als zu hoch empfunden.

Zentrale Steuerungen (SPS-Systeme)
In preissensitiven Gebäuden etablieren sich zunehmend Systeme auf der Basis einer Industriesteuerung. Hierbei wird z. B. pro Wohneinheit in der Unterverteilung eine speicherprogrammierbare Steuerung (SPS) eingesetzt. Der Verkabelungsaufwand ist etwas größer als bei Bussystemen, dafür kann durch die Verwendung konventioneller Sensoren und einer preiswerteren Aktorik die Installation deutlich preiswerter ausgeführt werden. SPS-Systeme erlauben es aufgrund ihrer Struktur – Kommunikation über das Netzwerk ist Bestandteil der Basiskomponenten – Multimediageräte (Tablet-PC, Smartphone, internetfähiges TV-Gerät) einfach und kostengünstig zu integrieren. So ist z. B. in Erlangen eine Seniorenwohnanlage mit einer SPS und AAL-Funktionen ausgestattet worden, die Mehrkosten für Material und Programmierung lagen gegenüber einer konventionellen Installation bei 2.500 € pro Wohneinheit.

Funksysteme
Die Steuerungstechnik lässt sich grundsätzlich auch unter Verwendung von Funksystemen realisieren. Diese arbeiten meist auf einer Frequenz von 868 MHz, die Software läuft auf einer Steuerungszentrale, die mit den Aktoren und Sensoren kommuniziert. Hier sind als Marktführer die Firmen EQ-3 (u. a. Zulieferer für das Smart-Home-System von RWE) und die Fa. Enocean zu nennen. Letztere haben sich darauf spezialisiert, die Komponenten nicht über Batterien zu betreiben, sondern die notwendige Energie aus der Umgebung zu gewinnen (Solarzellen, Gewinnung von Energie aus der mechanischen Betätigung (Tastendruck, Drehen eines Fenstergriffes etc.). Bei reinen Funksystemen ist die Aktorik dezentral angeordnet.

Mischsysteme
Ein interessanter Ansatz ist es, für eine Grundfunktion die sehr zuverlässigen verkabelten Systeme zu verwenden und diese fallweise (je nach Anforderung) mit Funkkomponenten zu ergänzen. Grundsätzlich ist eine solche Vorgehensweise mit Bus- oder SPS-Systemen gleichermaßen möglich, die Programmierkosten für die Software-Anpassung sind bei SPS-Systemen kleiner.

Zukunft schon heute?
Intelligente Gebäudetechnik ermöglicht umfangreiche und zunehmend bezahlbare Assistenzfunktionen für das Wohnen im Alter. Benötigt wird eine Infrastruktur, die sich in Neubauten einfach installieren bzw. in Bestandsgebäuden bei Mieterwechsel oder einer Renovierung der Wohnung nachrüsten lässt. Der Nutzen ist ähnlich hoch einzuschätzen wie Maßnahmen für die Barrierefreiheit, Assistenzfunktionen bieten zusätzlich eine Unterstützung bei kognitiven Einschränkungen. Daher ist bei Neubauten, aber auch bei Sanierungen zu prüfen, inwieweit sich Infrastrukturen und Assistenzfunktionen in das Baukonzept aufnehmen lassen.
Eine Herausforderung stellen sicherlich immer noch die für die Wohnungswirtschaft realisierbaren Kosten, die Finanzierungswege außerhalb von Förder- oder Modellprojekten sowie die rasante technische Entwicklung bzw. die Unsicherheit über den „richtigen“ Zeitpunkt zum Einstieg dar – auch wenn es letzteren, analog zum privaten Computerkauf, nie gibt. Eine Aufgabe bleibt bestehen: Die künftigen Nutzer (wie auch die Immobilieneigentümer) wissen immer noch zu wenig darüber, was sie künftig begehren oder benötigen werden. Anders als beim PKW sind die technischen Möglichkeiten und der Mehrwert von Assistenzsystemen im Wohnbereich noch zu unbekannt. Gleiches gilt für mögliche Geschäftsmodelle, mit denen die Refinanzierung der Investitionen sichergestellt werden können.

Prof. Dr.-Ing. Viktor Grinewitschus
Professor für Energiemanagement in der Immobilienwirtschaft, EBZ Business School Bochum

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