16.11.2012 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

Wege zu mehr altersgerechten Umbauten und technisch gestützten Dienstleistungen

Kapitel
AlterLeben: Das Konzept der „mitalternden Wohnung” – hier die wohnbegleitenden Dienstleistungen.
Bild: www.vswg-alterleben.de

Kein immobilienwirtschaftlicher Kongress vergeht ohne mehrfache Verweise auf die langfristig schrumpfende und kontinuierlich älter werdende Gesellschaft. Zu Recht. Auch wenn manch eine Demografie-Folie aufgrund bekannter Fakten auf Kongressbesucher ermüdend wirken mag - es handelt sich mindestens gleichgewichtig zum Energiethema um die zentrale Herausforderung der Branche und der gesamten Gesellschaft.

Immer mehr Wohnungsunternehmen bieten ihren Mietern und Mitgliedern ein „Wohnen für ein langes Leben” an. Sie entsprechen damit dem Wunsch der Menschen, möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in ihren vertrauten vier Wänden zu führen. Die in den GdW-Mitgliedsverbänden organisierten Unternehmen haben bei altersgerechten Umbauten und bei Dienstleistungen eine Vorreiterrolle übernommen.
Schon heute sind rund 350.000 GdW-Wohnungen barrierearm oder barrierefrei. Das sind 6 % aller GdW-Wohnungen. Zum Vergleich: Bundesweit sind nur rund 1,5 % – 550.000 Wohnungen – bereits in einem solchen Zustand. Zudem können Mieter in GdW-Unternehmen häufig spezielle Dienstleistungen und Pflegeangebote für Ältere abrufen, die zunehmend durch neue technische Assistenzsysteme ergänzt werden.
Rahmenbedingungen schaffen
Jedes Wohnungsunternehmen geht dabei grundsätzlich in drei Schritten vor:
1. Herstellung von barrierearmen Wohnungen und Gebäuden,
2. Einbau technischer Unterstützungssysteme und
3. Angebot oder Vermittlung von Dienstleistungen für Mieter, die teils technikunterstützt, teils jedoch auch völlig technikunabhängig erbracht werden.
So engagiert viele Projekte auch sind, stoßen sie doch in der Praxis auf Hemmnisse, die den Übergang in einen „Massenmarkt” erschweren. Nicht zufällig handelt es sich bei den anspruchsvollen Maßnahmen im Bereich Technik und Dienstleistungen meist um zeitlich begrenzte, staatlich geförderte Projekte, die nach Auslaufen der Förderung nicht in jedem Fall fortgeführt werden. Lediglich der barrierearme Neu- und Umbau von Wohnungen wird im Regelfall ohne Förderung finanziert.
Fakt ist: Natürlich haben Wohnungsunternehmen selbst klare ökonomische Vorteile, wenn Mieter länger in ihren Wohnungen verbleiben können. Richtig ist aber auch, dass derzeit die Kombination von Umbauten, Einbau technischer Assistenzsysteme und Dienstleistungen oft nicht wirtschaftlich darstellbar ist. Zusammen mit Wohnungsunternehmen wollen der GdW und seine Verbände darum gezielt auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen einwirken, die hier die Wirtschaftlichkeit erhöhen könnten.
Ansatz ist eine ganzheitliche Betrachtung. Im baulichen Bereich bedeutet dies beispielsweise, dass barrierearme Wohngebäude von sehr eingeschränktem Nutzen sind, wenn es im Quartier auf Straßen und Gehwegen nur von Stufen und Schwellen wimmelt. Folglich muss auch die Kommune in die Überlegungen einbezogen werden. Auch die den Mietern angebotenen Dienstleistungen werden nur dann nachhaltig sein, wenn im Quartier zumindest ein Basisangebot im Bereich Handel und Dienstleistungen zur Verfügung steht.
Ein weiterer Aspekt: Wenn auch hochbetagte Menschen nicht in einem Heim, sondern mindestens ebenso gut in ihrer Wohnung betreut werden können, werden die sozialen Sicherungssysteme und Kommunen von den deutlich höheren Kosten einer stationären Versorgung entlastet. Das bedeutet, neben den Kommunen auch zum Beispiel die Kranken- und Pflegekassen in die Überlegungen einzubeziehen.

Politische und gesellschaftliche Aufgaben
Nach Berechnungen des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) im Auftrag des BMVBS soll bis zum Jahr 2020 der Bedarf an altersgerechten Wohnungen auf drei Millionen Wohnungen steigen. Auch wenn der tatsächliche Bedarf bei Veränderungen der Berechnungsgrundlage vielleicht auch etwas geringer ausfallen könnte. Das Ziel bleibt klar. „Wir brauchen mehr altersgerechte Wohnungen – und das geht in entsprechenden Größenordnungen nur über Umbauten im Bestand”, erklärte Axel Gedaschko, Präsident des GdW – Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, z. B. anlässlich des Demografiegipfels der Bundesregierung im Oktober 2012 in Berlin. Kommunen, Pflegekassen und auch die Menschen seien schon heute finanziell damit überfordert, Ältere und Pflegebedürftige überwiegend in stationären Einrichtungen unterzubringen.
Getreu dem ganzheitlichen Ansatz, wonach auch technische Assistenzsysteme sowie individuelle Dienstleistungen rund um das Wohnen wichtige Voraussetzungen für ein selbstständiges Leben zu Hause, sind, geht der GdW noch einen Schritt weiter: „Wir brauchen einen Masterplan Wohnen für ein langes Leben – und zwar auch für jede einzelne Kommune”, so die Forderung von Axel Gedaschko. Ein zentraler Bestandteil eines solchen Masterplans soll die finanzielle Unterstützung kommunaler Demografiekonzepte sein, um auch die kommunale Infrastruktur wie Straßen, Verkehr, öffentliche Gebäude und Dienstleistungen anzupassen.
Der Quartiersbezug spielt dabei die zentrale Rolle. So sieht der GdW bei der Anpassung der Quartiere spezielle Koordinatoren, sogenannte „Kümmerer” vor Ort, als besonders hilfreich und förderungswürdig an. Zudem bedarf es darüber hinaus einer großen Pflege- und Gesundheitsreform, die den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff und den Grundsatz „ambulant vor stationär” auf allen Ebenen berücksichtigt. Auch sollten bestimmte telemedizinische Leistungen viel stärker in die Leistungskataloge der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen werden, um eine ambulante Betreuung auf eine gesicherte finanzielle Grundlage zu stellen, ohne dabei die Kassen überfordern zu dürfen. Die Pflegekassen sollten nach den Vorstellungen des GdW vorrangig auch die Übernahme der Kosten für den Betrieb von Assistenzsystemen in den Wohnungen ebenso für Menschen mit Pflegestufe „0” zulassen.
Im Bereich der Dienstleistungen setzt der GdW auf eine Stärkung des Ehrenamts. Ehrenamtliche Helfer erbringen eine immense Leistung für die Gesellschaft und werden auch künftig unverzichtbar sein, bezahlbare Dienstleistungen rund um das Wohnen sicherzustellen. Bestandteil des Masterplans muss danach sein, steuerliche und versicherungsrechtliche Rahmenbedingungen zu verbessern sowie Anreize für Fortbildungsmaßnahmen zu geben.

Kooperationen, Austausch, Evaluation
Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, allein über die Veränderung ökonomischer und rechtlicher Rahmenbedingungen Bestandsumbauten sowie technikgestützte Dienstleistungen massenhaft forcieren zu können. Der Austausch von Know-how von Unternehmen, die bereits über spezifische Erfahrungen verfügen, hin zu anderen Unternehmen ist eine weitere Anforderung. So zeigen zahlreiche Beispiele von Wohnungsgenossenschaften und Wohnungsgesellschaften, dass entgegen einer verbreiteten Vorstellung ältere Menschen einen Zugang zu neuen Techniken haben, auch wenn naturgemäß die angebotenen persönlichen Dienstleistungen bei vielen Mietern auf noch stärkere Akzeptanz stoßen.
Einige Wohnungsunternehmen haben zum Beispiel längst vor Abschluss ihrer mit Bundesmitteln geförderten Projekte beschlossen, den Einbau und die Nutzung technischer Assistenzsysteme zusammen mit den entsprechenden Dienstleistungen auch ohne Förderung fortzusetzen. Solche Beispiele können anderen Wohnungsunternehmen Mut machen, ähnliche Projekte anzugehen.
Der GdW will daher mit Unterstützung der Wohnungsunternehmen und zweier wissenschaftlicher Institute in einem Projekt die Ergebnisse mehrerer Projekte evaluieren und daraus Handlungsempfehlungen für alle Wohnungsunternehmen ableiten. Das Projekt soll möglichst noch in 2012 gestartet werden. Der Abschluss ist in der ersten Jahreshälfte 2014 geplant.

Dr. Claus Wedemeier
Referent Wohnen für ein langes Leben, Multimedia und IT, GdW, Berlin

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