04.03.2014 | Top-Thema Wohnen für ein langes Leben

AAL-Kongress 2014: Das lange Warten auf den Durchbruch

Kapitel
Nicht nur technische Lösungen, sondern auch die barrierearme Erschließung über Laubengänge soll dazu beitragen, dass sich ältere Menschen in der Seniorenwohnanlage Argentum wohl fühlen
Bild: Kreiswohnbau Hildesheim; Foto: Milano Werner

Seit Jahren vertreten die Entwickler von AAL-Lösungen die These, der Durchbruch der technikgestützten Assistenzsysteme (Ambient Assisted Living) stehe kurz bevor. Doch der 7. Deutsche AAL-Kongress, den der Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik e. V. (VDE) in Berlin durchführte, hat einmal mehr gezeigt: Zwischen dem technisch Machbaren und dem von den Endkunden Gewünschten klafft eine große Lücke.

Für Hans-Lothar Schäfer, den Vorsitzenden der Geschäftsführung des Energiedienstleisters Techem, besteht kein Zweifel: AAL-Lösungen stehen kurz vor dem Durchbruch. „In der Vergangenheit war die Zeit dafür nicht reif“, sagte Schäfer auf dem 7. Deutschen AAL-Kongress in Berlin. „Aber jetzt ist sie reif, und es wird zu einer raschen Marktentwicklung kommen.“ Seinen Optimismus begründete Schäfer mit der technischen Weiterentwicklung der Systeme. Zudem habe die Übernahme des auf intelligente Rauchmelder spezialisierten US-Unternehmens Nest Labs durch den Internetgiganten Google gezeigt, welches wirtschaftliche Potenzial in vernetzten Haushaltslösungen stecke.

Doch nicht alle Redner auf der Branchenveranstaltung teilten den Enthusiasmus des Techem-Chefs. Zwar würden Wohnungsautomatisierung und Assistenzsysteme in der Tat marktreif, sagte Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Er wies aber auch darauf hin, welche Anforderungen die Systeme erfüllen müssen, um von den Nutzern angenommen zu werden: Nötig seien die Integration von Stand-alone-Lösungen, eine einheitliche Bedienoberfläche und vor allem die Entwicklung intelligenter Geschäftsmodelle. Und Dr.-Ing. Hans Heinz Zimmer, Vorstandsvorsitzender des VDE, betonte: „Alle Lösungen müssen vom Anwender her gedacht werden. Nur dann finden sie Akzeptanz.“

Ergebnisse eines Feldtests

Dass die Akzeptanz bei den Endkunden die entscheidende Herausforderung bleibt, verdeutlichten Berichte aus der Praxis. Bei einem Feldtest in Frankfurt am Main zum Beispiel, bei dem die Potenziale eines erweiterten Hausnotrufsystems geprüft werden sollen (siehe DW 12/2012, S. 41), gestaltete sich bereits die Gewinnung der Teilnehmer schwierig. Ursprünglich strebte die mit der Durchführung des Tests beauftragte Fachhochschule (FH) Frankfurt am Main an, 56 Mieter der ABG Frankfurt Holding im Stadtteil Gallus in das Projekt einzubeziehen. Obwohl die Forscher 2.000 ABG-Mieter im Alter von über 60 Jahren persönlich anschrieben und mehrere Informationsveranstaltungen durchführten, erklärten sich nur zwölf Bewohner des Gallus zur Teilnahme bereit. Die angestrebte Zahl ließ sich erst erreichen, nachdem auch Mieter im (besser situierten) Stadtteil Bornheim angesprochen worden waren.

Ernüchternd wirken auch die ersten Ergebnisse des Feldtests, die Sebastian Reutzel von der FH Frankfurt am Main auf dem AAL-Kongress vorstellte. Demnach ist die Bereitschaft der Probanden verhalten, für Sensoren zu bezahlen, die über die Kernfunktion des Hausnotrufs hinausgehen. Am ehesten seien die Teilnehmer noch bereit, für einen Fallsensor und eine Funkfliese (also eine spezielle Badfliese mit integriertem Notruf-Sender) Geld in die Hand zu nehmen. Als wichtigstes Argument gegen Sensoren wurde die finanzielle Situation genannt – und zwar gleichermaßen im ärmeren wie im wohlhabenderen Stadtteil.

PAUL: Gut für Sudoku

Bereits deutlich länger, nämlich seit 2007, ist der Persönliche Assistent für unterstütztes Leben (PAUL) in Wohnungen in Kaiserslautern und Speyer im Einsatz. Doch auch hier stimmen die Erfahrungen, die Lynn Schelisch von der Technischen Universität Kaiserslautern vorstellte, skeptisch – soweit die geringe Zahl von rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, deren Antworten ausgewertet wurden, überhaupt aussagekräftig ist. Deutlich wird dabei, dass manche Teilnehmer das auf einem Tablet-PC basierende System nur nutzen, um Musik zu hören oder Sudokus zu lösen. Und eine 77-jährige Dame antwortete auf die Frage nach ihrem Umgang mit PAUL: „Es kann sein, dass er angeht, wenn ich ihn abstaube, aber sonst?“
Thematisch eng verwandt mit PAUL ist das erweiterte Hausnotrufsystem, das in der Sarstedter Seniorenwohnanlage Argentum installiert worden ist (siehe Interview rechte Seite mit Matthias Kaufmann). Dieses System ist aus dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt SmartSenior hervorgegangen und basiert ebenfalls auf einem Tablet-PC mit einem Serviceportal. Noch laufe die Evaluierung, sagte Dr. Marlene Gerneth vom Projektpartner Deutsche Telekom AG. Doch auch sie zitierte skeptische Stimmen der Teilnehmer – beispielsweise die Frage, warum es überhaupt nötig sei, in einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung den Lichtschalter über das Tablet und nicht ganz konventionell von Hand zu bedienen.
Ebenfalls an einer Weiterentwicklung des Hausnotrufsystems arbeitet das Institut für Informatik Oldenburg (Offis). Die Idee: Wenn ein elektrisches Gerät innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens nicht bedient wird, soll automatisch ein Notruf abgesetzt werden. Eine Auswertung von 50 Testhaushalten hat laut Dr. Thomas Frenken von Offis ergeben, dass für den Einsatz dieses Stromsensors neben Leuchten auch Toaster, Wasserkocher und Fernsehgeräte geeignet sind, da sie in den meisten Haushalten täglich in Gebrauch sind. Bei einer Weiterentwicklung des Systems dürfte es allerdings eine interessante Frage sein, zu wie vielen Fehlalarmen es kommt, weil die Teilnehmer friedlich bei Nachbarn den Frühstückskaffee trinken und deswegen den eigenen Wasserkocher nicht eingeschaltet haben.

Nächstes Jahr in Frankfurt

„Wir brauchen neue kooperative Geschäftsmodelle“ – diese von Dr. Marlene Gerneth von der Deutsche Telekom AG formulierte Forderung schien Konsens zu sein auf dem Kongress. Nicht zu Wort kamen allerdings diejenigen Menschen, für die die technischen Systeme eigentlich bestimmt sind – nämlich die älteren Menschen, die Mieterinnen und Mieter. Auffällig war darüber hinaus, dass das Kongressprogramm den Aspekt der Datensicherheit und des Schutzes der Privatsphäre nicht thematisierte, obwohl doch in den vergangenen Monaten die NSA-Debatte die Sensibilität für diese Problematik erheblich erhöht hat.

Nur etwa 400 Experten waren beim Kongress dabei, weit weniger als in früheren Jahren (2013 hatten sich noch gut 600 Fachleute angemeldet, 2012 sogar über 800). Dass die Veranstaltung neue Impulse braucht, scheint auch der VDE erkannt zu haben: 2015, teilte ein Sprecher der Veranstalter mit, werde der Kongress nicht mehr im Januar in Berlin, sondern voraussichtlich im April in Frankfurt am Main stattfinden – verbunden mit dem Versuch, „näher an die Endkunden zu kommen“.

Christian Hunziker, freier Immobilienjournalist, Berlin

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Demografischer Wandel

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