Im Dezember 2016 kam es zu – relativ betrachtet – enormen Zinssatzsteigerungen, wenngleich das Zinsniveau im historischen Vergleich immer noch auf niedrigstem Niveau liegt. Die aktuellen Zinsentwicklungen können als Stresstest für Wohnungsunternehmen betrachtet werden. Dr. Markus Knüfermann, Professor für Volkswirtschaftslehre, Mikro- und Makroökonomie und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der EBZ Business School – University of Applied Sciences, erläutert die Zusammenhänge und gibt einen Ausblick auf mögliche Szenarien.

Als im Herbst 2008 die Zentralbanken der großen Industriestaaten erstmalig in der Historie kollektiv das Leitzinsniveau massiv absenkten, hatten wahrscheinlich die wenigsten Marktteilnehmer damit gerechnet, dass sich dieses Niedrigzinsniveau bis ins Jahr 2017 fortschreiben wird. Ein niedriges Marktzinsniveau beeinflusst makroökonomisch betrachtet das Wirtschaftswachstum kurzfristig positiv.

Niedriges Marktzinsniveau in der Einperiodenbetrachtung

In einer Einperiodenbetrachtung, wie zum Beispiel in der Makroökonomik keynesianischer Schule, wird der Geldpolitik zugesprochen, das unternehmerische Investitionsniveau durch ein Absenken des Marktzinsniveaus zu erhöhen. Denn niedrige Marktzinssätze reduzieren die Diskontierungsfaktoren bei dynamischen Investitionsbetrachtungen und erhöhen die Barwerte der Cash flows aus den Investitionen bzw. steigern damit die Attraktivität der Investitionen selbst. Dieser Zusammenhang in der Zeitwertbetrachtung von Investitionen erklärt den Einfluss des Marktzinsniveaus auf das gesamtwirtschaftliche Investitionsverhalten des Unternehmenssektors.

Niedrige Marktzinssätze in der Langfristbetrachtung

In der Langfristbetrachtung aber, wie es die monetaristische Schule lehrt, verpufft dieser fiskalpolitische Stimulus schnell, führt zu Preisblasen (der Vermögenswerte wie Immobilien und Wertpapiere) und/oder Inflation (der Verbraucherpreise), hinterlässt also kontraproduktive Wirkungen in Form der Investitionsreduktion und steigender Arbeitslosigkeit. Das Ergebnis kann ein konjunkturelles Niveau unterhalb des Ausgangsniveaus sein. Wird die Geldpolitik dennoch investitionsanreizend eingesetzt, muss sie antizyklisch gestaltet sein, ebenso die Fiskalpolitik, also das Güternachfrageverhalten
durch den Staat.

Unabhängig der makroökonomischen Schule und dem gewählten volkswirtschaftlichen Dogma ist die Geldpolitik des Eurosystems nicht zur konjunkturellen Steuerung einzusetzen. Primäre Aufgabe ist allein die Sicherung der Preisniveaustabilität. Dagegen zählt das US-amerikanische Federal Reserve System (kurz: Fed) auch Vollbeschäftigung gleichberechtigt zum Zielkatalog.

Steigerungen der Wohnungsbaukreditvolumina

Das niedrige Marktzinsniveau führte im Jahr 2014 unter anderem aufgrund signifikanter Steigerungen der Wohnungsbaukreditvolumina zu einem Anstieg des gesamten Kreditvolumens in Deutschland in einem Ausmaß, das die Mehrerträge der Kreditinstitute deren zinsniveaubedingten Margenverfall mehr als ausglich. Entsprechend stellt die Deutsche Bundesbank im Monatsbericht September 2015 (S. 49) für 2014 fest: "Vor dem Hintergrund der extrem günstigen Finanzierungskonditionen Kreditnehmer – die Bankzinsen für Wohnungsbaukredite an private Haushalte im Neugeschäft insgesamt reduzierten sich im Jahresverlauf beträchtlich von 2,8 Prozent auf 2,1 Prozent – und der geringen Attraktivität alternativer Anlageformen wuchs dieses Segment um 2,4 Prozent." Im Jahr 2015 war diese Überkompensation nicht mehr gegeben, vielmehr war anschließend im Monatsbericht September 2016 (S. 63) der Deutschen Bundesbank von einem "rückläufigen Nettoertrag aus dem klassischen zinsbezogenen Geschäft" die Rede.

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