04.04.2016 | Top-Thema Wie müssen Sanitärräume für praktizierende Muslime gestaltet werden?

Die Möglichkeit zur Religionsausübung ist wichtig – die Einhaltung von DIN-Normen auch!

Kapitel
Das sogenannte Wudu, die "kleine rituelle Waschung", umfasst das Waschen von Gesicht, Händen und Füßen sowie das Streichen über den Kopf
Bild: riedjal/Shutterstock

Praktizierende Muslime stellen spezielle Anforderungen an Sanitärräume. Für die Wohnungswirtschaft sind Muslime eine wichtige Kundengruppe. Die Flüchtlinge, um deren Unterbringung sich viele Wohnungsunternehmen kümmern, sind zum Teil ebenfalls muslimischen Glaubens. Wie können Vermieter geeignete Badezimmer für Muslime gestalten?

Schätzungen zufolge leben rund fünf Millionen Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland. Sie bewohnen mehr als eine Million Wohnungen und Häuser und arbeiten in einer Vielzahl von Geschäften und Betrieben. Muslime stellen einen Anteil von rund sechs Prozent an der Gesamtbevölkerung dar. Dennoch war bislang auch in der Fachöffentlichkeit zu wenig über ihre speziellen Ansprüche an die Ausstattung von Sanitärräumen bekannt. Durch die aktuellen Zuwanderungsbewegungen rückt das Thema in den Fokus. Bei der Gestaltung von Flüchtlingsunterkünften, aber auch für die dezentrale Unterbringung in einzelnen Wohnungen ist es wichtig, sich über die für gläubige Muslime notwendigen rituellen Waschungen und deren Auswirkungen auf die Gestaltung von Sanitärräumen im Klaren zu sein.

Rituelle Waschungen im Islam

Im islamischen Glauben kann die rituelle Reinheit ("Tahara") durch verschiedene Reinigungsrituale erzielt werden. Für die Gestaltung des Badezimmers ist vor allem das sogenannte Wudu (auch: "Wudhu"), die "kleine rituelle Waschung", relevant. Praktizierende Muslime führen das Wudu durch, bevor sie beten oder den Koran berühren. Es umfasst das Waschen von Gesicht und Händen, das Streichen über den Kopf und das Waschen der Füße mit fließendem Wasser als Pflichtbestandteile. Je nach Auslegung können weitere Waschungen hinzukommen. Die durch das Wudu hergestellte Reinheit wird durch Ausscheidungsvorgänge, Blutungen, Schlaf und bestimmten Auslegungen zufolge auch durch Berührungen andersgeschlechtlicher Personen oder durch unkeusche Gedanken aufgehoben und muss dann erneuert werden. Nach Ausscheidungen müssen praktizierende Muslime ihren Intimbereich zudem mit fließendem Wasser reinigen, um ihren Körper auf das nächste Wudu vorzubereiten. Besonders die sehr häufig durchgeführten Waschungen der Füße und des Intimbereichs können in Badezimmern, die nicht darauf ausgelegt sind, zu Problemen führen – zumal nicht nur junge und gelenkige, sondern auch ältere Muslime diese Regeln befolgen.

Hygienerisiko Dusch-WC

Für die Reinigung des Intimbereichs mit fließendem Wasser nach dem Toilettengang kennen Muslime – zum Teil aus ihren Heimatländern – einfache Hygieneduschen oder kostengünstige Dusch-WCs. Doch deren direkten Anschluss an die Trinkwasser-Installation lehnen die Gesundheitsämter mit Verweis auf die DIN EN 1717 ab. Auch gängige Rohrunterbrecher oder Systemtrenner sind keine ausreichende Absicherung dieser Einrichtungen gegen die Trinkwasser-Installation.

Gemäß DIN EN 1717 ist es notwendig, zum Beispiel eine Hygienedusche oder ein Dusch-WC nach Kategorie 5 abzusichern. Kategorie 5 beschreibt "Flüssigkeit, die eine Gesundheitsgefährdung für Menschen durch die Anwesenheit von mikrobiellen oder viruellen Erregern übertragbarer Krankheiten darstellt". Sie gilt auch für den Übergang von Trinkwasser-Installationen auf abwasserführende Einrichtungen. Jede Sanitärarmatur erfüllt sie, indem sich der Auslauf mindestens 20 mm über der Waschtischoberkante befindet.

Erreicht wird dies beim Anschluss technischer Einrichtungen vor allem über einen freien Auslauf AA, AB oder AD in einen Vorlagebehälter, der dann meist über eine Pumpe für die notwendige Wasserversorgung im nachgelagerten Apparat verfügt. Dies kennt man beispielsweise von Zahnarztstühlen. Auch jeder WC-Spülkasten verfügt über einen freien Auslauf des Trinkwassers von mindestens 20 mm Höhe über der maximalen Stauhöhe des Wassers. Nur so kann sicher verhindert werden, dass bei einem Unterdruck im System bakterienhaltiges Wasser zurück in die Trinkwasser-Installation gelangt.

Regelverstöße und Verantwortlichkeiten

Fachhandwerker oder Vermieter wurden bislang nur selten mit religiös bedingten Hygieneduschen und Dusch-WCs in Wohnungen konfrontiert. Stattdessen werden derartige Anschlüsse vielfach in Eigenregie installiert – und damit häufig nicht regelkonform. Zudem werden diese Produkte nur selten vom Großhandel geführt. Daher haben sich viele der hier lebenden Muslime ihre Hygienedusche oder auch ein einfaches Dusch-WC aus muslimisch geprägten Ländern mitgebracht. In vielen Wohnungen und Häusern sind solche Einrichtungen über Schläuche direkt mit der Trinkwasserinstallation verbunden – oft unter dem Waschtisch. Aus diesen nicht fachgerechten Anschlüssen kann man niemandem einen Vorwurf machen – denn außerhalb von Fachkreisen kennt kaum jemand die DIN EN 1717. Dennoch ist der Vermieter gemäß § 17 (6) auch dafür verantwortlich, dass die Trinkwasser-Installation mit entsprechenden Sicherungseinrichtungen gegen "nichttrinkwasserführende" Bauteile oder Bereiche abgesichert ist. Einen "Bestandschutz" gibt es dabei nicht, da auch im Betrieb die allgemein anerkannten Regeln der Technik einzuhalten sind (TrinkwV, § 17 (1)).
Man muss aber auch deutlich sagen, dass einerseits ein direkter Anschluss dieser Einrichtungen zwar ein Verstoß gegen die allgemein anerkannten Regeln der Technik ist, aber andererseits (noch?) keine bedeutsamen Auffälligkeiten in der Fachöffentlichkeit bekannt geworden sind. 

Hier geht es zum zweiten Teil des Artikels: Handlungsoptionen für Vermieter.

Dieser Artikel ist in der Fachzeitschrift DW Die Wohnungswirtschaft, Ausgabe 4/2016 erschienen.

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Bad

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