04.04.2016 | Top-Thema Wie müssen Sanitärräume für praktizierende Muslime gestaltet werden?

Handlungsoptionen für Vermieter

Kapitel
Musterinstallation einer fachgerecht abgesicherten Hygienedusche an einem hochhängenden Spülkasten
Bild: Schell

Um unsachgemäße Eigeninstallationen und Verstöße gegen DIN EN 1717 zu vermeiden, sollten Möglichkeiten zur Reinigung mit fließendem Wasser geschaffen werden. Wer Badezimmer entsprechend umgestalten will, steht vor der Frage, ob Bidets, Dusch-WCs oder Hygieneduschen zum Einsatz kommen sollen.

Für alle drei Lösungen gibt es gute technisch-wirtschaftliche Gründe. Fest steht jedoch, dass Bidets in muslimischen Ländern nahezu unbekannt sind. Weiterhin benötigen Bidets deutlich mehr Platz als die anderen beiden Lösungen und sind daher für kleine Badezimmer oder Toilettenanlagen kaum geeignet.

Dusch-WCs sind dagegen eine gute Alternative. Sie gibt es in einfacher Form in vielen muslimischen Ländern. Gleiches gilt auch für einfache nachrüstbare Toilettensitze mit identischem Wirkprinzip. Für den gehobenen Wohnungsbau gibt es die komfortablen Dusch-WCs großer Anbieter mit Warmwasserangebot bis hin zum Trocknungsföhn. Eine weitere Alternative sind Hygieneduschen, die mittels Schlauch an der Toilette genutzt werden können. Allen Varianten ist gemeinsam, dass sie einen Wasseranschluss benötigen und gemäß DIN EN 1717 nach Kategorie 5 gegen die Trinkwasser-Installation abzusichern sind. Nur bei den komfortablen und teuren Dusch-WCs ist diese Absicherung in aller Regel bereits im Produkt integriert.

Gibt es Alternativen zum "Freien Auslauf" der EN 1717?

Ein Wassergefäß oder eine Schale mit einer Schöpfkelle sind grundsätzlich ausreichend zur rituellen Reinigung. Zumindest im privaten Bereich sind dies Alternativen, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, am WC fließendes Wasser zur Verfügung zu haben. Für Toilettenanlagen sind die Lösungen selbstverständlich ungeeignet. Auch deshalb, weil sich darüber Möglichkeiten der gegenseitigen Ansteckung über Fäkalkeime ergeben könnten. Lokale Epidemien mit Noroviren können die Folge sein.

"Rohrunterbrecher Typ DC" statt "Freiem Auslauf"?

Generell ist ein Rohrunterbrecher vom Typ DC ebenfalls zur Absicherung der Kategorie 5 geeignet, wenn nachgelagert der Wasserdruck dem atmosphärischen Druck entspricht (p = atm gemäß DIN EN 1717). Es darf also hinter diesem Rohrunterbrecher keine Absperrung mehr vorhanden sein – auch nicht bei einer Hygienedusche. Darauf weisen die DIN EN 1717 und die Hersteller auch deutlich hin! Weiterhin muss der Rohrunterbrecher mindestens 150 mm über dem maximalen Flüssigkeitsspiegel liegen. Dadurch wird das Ganze nicht mehr praktikabel, wenn man sich vorstellt, man hätte eine Hygienedusche ohne endständige Betätigung in der rechten Hand und müsste gleichzeitig mit der rechten Hand das Eckregulierventil aufdrehen. Daher könnte man sich einen solchen Rohrunterbrecher DC höchstens übergangsweise in Wohnungen mit einfachem Dusch-WC vorstellen, die heute über keine Absicherung verfügen. Man müsste dann aber noch im Einzelfall prüfen, wie die notwendige Anschlusshöhe sicherzustellen und die theoretisch mögliche Nachrüstung einer Hygienedusche mit Absperrung durch Informationsschriften und Kontrollen zu verhindern ist.

Bidet-Duschen und Dusch-WCs als normgerechte Lösungen für den Wohnungsbau

Jeder WC-Spülkasten verfügt selbstverständlich über eine Absicherung nach Kategorie 5 der DIN EN 1717. Es ist also naheliegend, einen solchen Spülkasten wieder deckenhoch zu hängen und mit einem zweiten Abgang zu versehen. Das wirkt zwar altertümlich, ist jedoch der Zielgruppe teilweise bereits bekannt und zudem sehr wirtschaftlich. An diesem zusätzlichen Abgang des Spülkastens kann man eine Hygienedusche oder ein einfaches Dusch-WC direkt oder indirekt über ein kurzes Rohr mit Aufputz-Wandscheibe anschließen. Der anstehende geodätische Druck von ca. 0,2 bar ist mehr als ausreichend für die Nutzung einer Hygienedusche bzw. eines Dusch-WCs. Wenn diese Einrichtung indirekt angeschlossen wird, ist es darüber hinaus möglich, noch eine Absperrung zwischen Spülkasten und Hygienedusche/Dusch-WC installieren. Auf diese Weise kann der anstehende Wasserdruck einstellbar gestaltet werden – dies lässt sich am einfachsten über ein handelsübliches Eckregulierventil realisieren.

Dieses Installationsprinzip lässt sich für beide Varianten mit Aufputz- und Unterputzspülkästen gleichermaßen realisieren. In beiden Fällen benötigt man eine Fernauslösung des hoch hängenden Spülkastens. Auch dies kennt die Zielgruppe häufig bereits. Die Aufputzlösung ist deutlich kostengünstiger und problemlos nachrüstbar. Letztendlich geht es aber in den meisten Fällen weniger um die Ästhetik, sondern um eine auf die Situation und Anforderungen abgestimmte kostengünstige und funktionale Lösung. 

Die Hygienedusche bzw. das Eckregulierventil für ein einfaches Dusch-WC sollte immer in Sitzrichtung rechts von der Toilette installiert sein. Denn jeder der beiden Hände wird religiös eine klare Aufgabe zugewiesen. Die rechte Hand ist die saubere Hand, die linke ist die reinigende Hand. Somit wird die Hygienedusche auch mit rechts gehalten.

Waschtischhöhe verringern?

Sicherlich gibt es gute Gründe für die übliche Befestigungshöhe von 85 Zentimetern bei Waschtischen. Wenn diese gut befestigt sind (auch im Altbau), erfordern sie bei der Fußwaschung zwar eine hohe Gelenkigkeit. Es geht aber von ihnen keine erhöhte Unfall- und Verletzungsgefahr durch einen abbrechenden Waschtisch aus. Dort aber, wo man den Komfort erhöhen möchte oder wie in Moscheen von regelmäßigen rituellen Waschungen der Füße ausgehen muss, könnte man die Waschtische auf ungefähr 60 Zentimeter Höhe hängen. Im gehobenen Wohnungsbau sind höhenverstellbare Waschtische eine Alternative.

Chance für Vermieter

Ist man sich der wenigen Unterschiede im Sanitärraum bewusst, sind sie keine besondere technisch-wirtschaftliche Herausforderung für Investoren, Planer oder Fachhandwerker. Hygieneduschen und Dusch-WCs sind beim Großhandel genauso erhältlich wie z. B. der zugehörige Aufputz-Spülkasten, der als Besonderheit an der Unterkante über eine horizontale Dichtfläche für den Hygieneduschen-Abgang verfügt.

Das Thema wird jedoch die Wohnungswirtschaft noch über längere Zeit beschäftigen. Denn zum einen sind Wohnungsunternehmen für die Trinkwasserbeschaffenheit in ihren Gebäuden verantwortlich, zum anderen sind Muslime zumindest regional eine interessante Mietergruppe – nicht zuletzt im anstehenden Wohnungsbauprogramm aufgrund der Flüchtlinge. Bietet man ihnen entsprechend ausgestattete beziehungsweise vorgerüstete Wohnungen an, kann dies der ausschlaggebende Mietgrund sein. 

Zusammenfassung der Maßnahmen

  • Anbringung von Erklärungen und Piktogrammen, dass man das Wasser in Deutschland bedenkenlos trinken und für die Zubereitung von Babynahrung verwenden kann. Zudem sollte deutlich gemacht werden, dass ggf. genutztes Toilettenpapier hierzulande problemlos in die Toilette entsorgt werden kann.
  • Installation einiger Waschbecken auf 60 Zentimeter Höhe statt auf 85 Zentimeter Höhe. Auf diese Weise lässt sich die Unfallgefahr durch herausbrechende Waschbecken während der Fußwaschungen reduzieren.
  • Hygieneduschen anbieten – das verhindert unerwünschte und unsachgemäße "Eigeninstallationen" der Mieter in den Wohnungen. Vermieter bekommen von solchen Maßnahmen in Eigenregie oftmals nichts mit, sind jedoch für die Einhaltung der entsprechenden DIN-Norm verantwortlich. In Erstaufnahmeeinrichtungen können Hygieneduschen zudem den Papierbedarf deutlich reduzieren, da das Papier nur noch zum Abtrocknen genutzt werden muss.

Dieser Artikel ist in der Fachzeitschrift DW Die Wohnungswirtschaft, Ausgabe 4/2016 erschienen.

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Bad

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