Seit Februar 2018 steht Frank Emrich an der Spitze des Verbands Thüringer Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (vtw). Im Interview spricht er über das Spannungsfeld und die Herausforderungen angespannter Wohnungsmärkte und von der Abwanderung betroffener Regionen.

Herr Emrich, angespannte Wohnungsmärkte und wachsende Städte einerseits, strukturschwache und von Abwanderung geprägte Regionen andererseits – die Situation für die Thüringer Wohnungsunternehmen könnte einfacher sein. Was können sie leisten, wo sind Grenzen?

Emrich: Die Frage hat für mich zwei Aspekte. Unsere Unternehmen – jeder zweite Thüringer Mieter wohnt bei uns – bilden einen zentralen Pfeiler in beiden Segmenten. Als kommunale und genossenschaftliche Wohnungsunternehmen agieren wir auf Basis unserer Eigentümerstruktur als Verbündete der Städte und Gemeinden. Wir sind einerseits mit unseren moderaten Mieten für die Städte die faktische Mietpreisbremse und ein Garant für die Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum. In den ländlichen Regionen kommen wir durch die Abwanderung zwar teilweise unter Druck, stellen hier aber durch unsere breite Präsenz auch einen – wenn nicht den – gestalterischen Partner aus der Immobilienwirtschaft für die Entwicklung des ländlichen Raumes dar. Wir können in beiden Situationen unsere Stärken ausspielen, wenn Politik und Verwaltung unsere Rolle am Wohnungsmarkt erkennen und uns gute Rahmenbedingungen geben. Das fängt bei der Bereitstellung von preiswertem Bauland in den Städten an und hört bei sinnvollen Konzepten für den ländlichen Raum auf.

Aber ganz einfach ist es nicht?

Wir können nicht zaubern und sind genauso zu wirtschaftlichem Handeln gezwungen wie alle Marktteilnehmer. Als Verband sind wir der größte Vertreter der Immobilienwirtschaft in Thüringen – mit starken Mitgliedern, einer hohen Marktdurchdringung und der gebündelten Kompetenz auf Landesebene. Wir können und werden dieses Potenzial nutzen, um die Politik stärker zu begleiten und zu beraten. Wir stoßen an Grenzen, wenn eine Abkehr von Realpolitik hin zu taktisch-ideologischem Kalkül im politischen Raum stattfindet.

Die Stabilisierung ländlicher, schrumpfender Regionen ist ein wichtiger Aspekt Ihrer Verbandsarbeit. Welche Konzepte sind dafür notwendig?

Wohnungswirtschaftlich gesehen bewegen wir uns im Spannungsfeld von bedarfsgerechtem Neubau respektive Sanierung und Rückbau. Wir benötigen bei einer älter werdenden Bevölkerung in großem Umfang seniorengerechten, barrierefreien Wohnraum. Wir müssen aber gerade auch junge Leute und Familien auf dem Land halten. Auch dafür brauchen wir bedarfsgerechte Konzepte. Und schließlich werden wir nicht umhinkommen, dauerhaft leerstehende Gebäude abzureißen. Entscheidende Bedeutung kommt jedoch einem umfassenden Konzept mit anschließender zentraler Einbindung und Steuerung aller maßgeblichen Kräfte für den ländlichen Raum zu. Wenn hier in nächster Zeit nichts passiert, wird es schwer für die Wohnungswirtschaft und den gesamten ländlichen Raum. Wir werden uns deshalb bei diesem Thema massiv einbringen.

Ihre Image-Kampagne "Wir geben Städten Gesicht und Seele" hat die vtw-Wohnungsunternehmen auf die große Leinwand gebracht – was steckt hinter der Idee?

Unsere Unternehmen erfüllen für die Menschen ein essenzielles Bedürfnis – die Versorgung mit Wohnraum. Wir übernehmen mittlerweile ebenso eine Vielzahl sozialer und kommunaler Aufgaben. Das wollen wir wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen. Wohnen muss als ein wichtiger Wert, nicht nur als automatisch vorhandenes Versorgungsgut, begriffen werden...

... also von der Leinwand direkt in die Köpfe der Menschen.

Ja, schließlich sind Genossenschaften und kommunale Wohnungsunternehmen naturgemäß durch ihre regionale Verhaftung beziehungsweise kommunale Eigentümerschaft die maßgeblichen Akteure im Stadtumbau. Wir agieren vor Ort, bleiben vor Ort. Auch dies müssen und wollen wir allen verdeutlichen. Da hilft uns die Kampagne sehr.

Welche Themen bewegen den vtw derzeit sonst noch?

Nach einer internen Neustrukturierung unserer Arbeits- und Kommunikationsplattformen sind wir gut aufgestellt, um die zukünftigen Herausforderungen und Aufgaben gemeinsam mit unseren Mitgliedsunternehmen anzugehen. So steht das Thema "Digitalisierung" sowohl intern als auch extern auf der Agenda. Auch das Kunden- und Bestandsmanagement wollen wir stärker in den Fokus rücken und unsere Mitgliedsunternehmen, insbesondere im Bereich Vertrieb, besser unterstützen. Der nächste Sanierungszyklus, den wir mit einem Gutachten begleiten wollen, der demografische Wandel insgesamt und die Bezahlbarkeit des Wohnens vor dem Hintergrund steigender Baukosten und wachsender Regelungsdichte werden den Verband ebenfalls in den nächsten Jahren beschäftigen.
Wie gestaltet sich die Interessenvertretung in einer so von Gegensätzen geprägten Situation? Welche Pläne haben Sie für die kommenden Jahre?

Eine richtige Interessenvertretung stellt immer ein System von Checks and Balances dar. Wir haben diesbezüglich zyklisch gesehen eine eher anstrengende Zeit hinter uns. Die klare Definition von Positionen hat dazu geführt, dass wir uns nun wieder in einem sehr konstruktiven und intensiven Dialog mit der Politik befinden. Das betrifft Punkte wie die Förderrichtlinien für den sozialen Wohnungsbau genauso wie die Entwicklung des ländlichen Raumes. Ich will unseren Dialog und die Informationstiefe in Richtung Politik und Kommunen in den nächsten Jahren intensivieren. Wir wollen eine noch aktivere Rolle in der Wohnungspolitik spielen als bisher.

Dieses Interview ist in der DW 7/2018 erschienen.