Das Cirkelhuset in Køge ist eine dänische Referenz für einen verdichteten Sozialbau. In dem ringförmigen Gebäude mit Schieferfassade leben insgesamt 132 Mietparteien. Es ist das größte Wohnhaus der Stadt.

In der überwiegend flachen Landschaft in Küstennähe erscheint das Cirkelhuset in Køge mächtig, monolithisch und natürlich. Die klare Form hebt sich von der heterogenen Stadtstruktur aus Einfamilien- und Reihenhäusern ab. Große, lebhaft strukturierte Schiefersteine schaffen keine glatten, sondern große Flächen mit felsenhafter Anmutung.

"Wir arbeiten in der skandinavischen Tradition der Moderne, nach Prinzipien der Einfachheit, Klarheit sowie mit viel Licht und mit Materialien, die diese Zielsetzung betonen. Wir konzentrieren uns auf innovative Designs und arbeiten immer an nachhaltigen Lösungen, die der Umwelt zugutekommen. Ausgangspunkt für unsere Betrachtungen sind der Ort und die regionalen Einflüsse, die das jeweilige Projekt charakterisieren. Wir schauen stets auf die Möglichkeiten, die die Umgebung und die umgebenden Bauten bieten. Unsere Architektur dient vor allem den Menschen, die in dem neuen Rahmen leben und arbeiten werden", Lars Aaris, Architekten BSAA Kopenhagen

Das soziale Wohnprojekt ist das größte Wohnhaus in Køge

Bereits 1288 erhielt die Stadt Køge, 45 Kilometer südwestlich von Kopenhagen entfernt, die Stadtrechte. Die heute rund 60.000 Einwohner zählende Hafenstadt auf Seeland, der größten Insel Dänemarks, hat sich am Ostseestrand entlang und nordöstlich auch in Richtung Kopenhagen entwickelt. Im Norden stoßen die Wohngebiete der Stadt an ein dort gelegenes Industriegebiet. Im Westen liegen die Eisenbahnlinie nach Kopenhagen und die Autobahn E20. Beide zusammen bilden eine hörbare westliche Stadtgrenze. Genau dort, zwischen Industriegebiet, Autobahn und Bahngleisen, wo in Kürze auch ein Bahnhof entsteht, liegen die aktuell verfügbaren Grundstücksressourcen der Stadt. In das grüne, leicht bewaldete Grundstück mit einem naheliegenden kleinen See bauten die Architekten einen kompakten runden Sozialbau mit 132 Wohneinheiten. Trotz des stark verdichteten Wohnraums konnte der Erholungscharakter des rund 17.000 Quadratmeter großen Grundstücks erhalten werden. Angeschlossen an einen grünen, durch die Stadt führenden Gürtel ist das größte Wohnhaus der Stadt auch per Fahrrad gut in die Infrastruktur des Ortes eingebunden.

Erdgeschoss-Grundriss des Cirkelhuset in Køge

Ringförmige Architektur mit 24 Wohnungstypen

Das ringförmige Gebäude hat einen Durchmesser von 65 Metern, die Ringstärke liegt bei elf Metern. Es steigt zum Norden hin von drei auf sieben Geschosse an. Alle Wohnungen, insgesamt 24 Wohnungstypen, durchdringen den Ring und besitzen Fenster zu beiden Seiten des Ringes. Jede Wohnung hat einen Balkon, viele auch zwei. Die unteren Wohnungen blicken ins Grüne, die höher liegenden bieten eine weite, unverbaute Sicht in alle Richtungen, aber vor allem über den Ring hinweg Richtung Süden bis zur Ostsee.

Blick in den Innenhof des Cirkelhuset

Im Innenhof sind Gemeinschaftsflächen entstanden

Die runde Konstruktion bietet Windschutz, für den Innenhof ein interessantes Mikroklima und den Schutz vor Lärm. Viel Licht und ein geringer Energieverbrauch prägen das umweltfreundliche Gebäude. Der bunte Innenhof steht für die private Fläche. Das große geschützte Rund ist klar unterteilt in kleine private Vorgärten und geschützte Spielbereiche für Kinder. Die innenliegenden Parkplätze für Fahrräder befinden sich in der Nähe der drei großen Einfahrtportale zum Innenhof. Darüber hinaus verfügt das Gebäude über drei für alle Bewohner frei zugängliche Dachterrassen und Räume für gemeinsame Feste.

"Die Form des Kreishauses macht nicht nur Sinn bei der Realisierung eines lärmgeschützten Innenhofes, sondern auch bei der Schaffung eines architektonisch klaren Übergangs zwischen dem Wohn-, den Erholungs- und den öffentlichen Bereichen sowie dem zukünftigen Bahnhofsareal", Lars Aaris, Architekten BSAA Kopenhagen

Schieferfassade bietet Schutz vor Wind und Wetter

Mehrschalige Wandkonstruktionen mit getrennten Funktionen, ob als zweischaliges Mauerwerk oder als vorgehängte, hinterlüftete Fassade, sind im windigen mit Schlagregen stark belasteten Norden bewährte Lösungen. Während die Wetterschale für eine hohe Feuchtebelastung konzipiert ist, kann die Wandkonstruktion dahinter auf einen optimalen Wärme- und Schallschutz ausgelegt werden. Beim Cirkelhuset sind die massiven Betonwände zweilagig mit insgesamt 25 Zentimetern Mineralwolle gedämmt. Eine 2.200 Quadratmeter große Schiefer-Vorhangfassade schützt das Bauwerk vor Wind und Wetter.

Die großflächige Schieferfassade als sogenannte horizontale Deckung ist auf einer Holz-Unterkonstruktion aufgebaut. Die Deckart auf Basis von 60 x 30 Zentimeter großen Schiefern gilt als eine der günstigsten Schieferfassaden überhaupt. Das mag im sozialen Wohnungsbau überraschen, aber beginnend ab circa 45 Euro pro Quadratmeter inklusive Verarbeitung schlägt der Naturstein so manchen industriellen Wettbewerber.

Die dunkle Schieferfassade außen bietet einen Kontrast zum bunt gehaltenen Innenhof

Interview mit Lejerbo-Geschäftsführer Esben Nielsen: "Die Mietparteien müssen viel Rücksicht aufeinander nehmen"

Der Geschäftsführer von Lejerbo, einer Wohnungsbaugesellschaft, die in ganz Dänemark sozialen Wohnungsbau in der Größenordnung von gut 44.000 Wohneinheiten anbietet, erläutert unter anderem die Form- und Materialfindung des ungewöhnlichen Neubaus.

Das Cirkelhuset ist ein sehr ungewöhnliches Gebäude. Ist das Experiment aus Ihrer Sicht gelungen?
Nielsen: Ganz im Ursprung war das Gebäude einst in S-Form geplant. Die Idee wurde auf dem verfügbaren Grundstück aus Platzmangel verworfen. Die alternativ gewählte runde Form hat den Vorteil, dass der Innenhof des Gebäudes vor Wind, Wetter und Außenlärm geschützt ist und darin sogar ein Mikroklima entstehen kann, aber auch den Nachteil, dass selbst gemachter Lärm aus dem Innenhof alle Bewohner erreicht. Die 132 Mietparteien müssen also viel Rücksicht aufeinander nehmen. Das gelingt nicht immer und führt im Einzelfall auch zu Beschwerden. Aber Rücksichtnahme kann man lernen. Wir beobachten das Bauvorhaben und werden bei Bedarf Schallschutzmaßnahmen im Innenhof andenken.

Welche Erfahrungen machen Sie mit der Technik des Rundhauses?
Im gemeinnützigen, geförderten Wohnungsbau sind wir angehalten, preiswert zu bauen. Hier entschied sich Lejerbo für vorgefertigte Bauteile, unter anderem Betonfertigteile und fertig gedämmte Fassadenkassetten. In den 1960er Jahren wurde einst ähnlich gebaut. Damals gab es Probleme im Fugenbereich. Ein halbes Jahrhundert später ist die Technik hoffentlich reif. Wir beobachten das Gebäude deshalb besonders genau und werden zu gegebener Zeit auch Instandsetzungspläne erarbeiten.

Der Rundbau ist unter anderem mit 25 Zentimetern Mineralwolle an den Wänden hoch gedämmt. Wie viel Energie verbraucht eine Wohnung im Jahr?
Die dicken Dämmungen, die verdichtete Bauweise und der Innenhof mit dem erhofften Mikroklima sollen Energie sparen. Nach den ersten Heizperioden ergeben unsere Berechnungen einen Energieverbrauch pro Quadratmeter Nutzfläche von 50 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr.

Herr Nielsen, herzlichen Dank für das Gespräch.

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Schlagworte zum Thema:  Sozialwohnung, Wohnungswirtschaft