02.05.2012 | Top-Thema Sozialer Wohnungsbau

Interview: "Das Förderinstrumentarium ist ineffizient"

Kapitel
Prof. Dr. Michael Voigtländer, Leiter Immobilienökonomik beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln
Bild: IW Köln

Der soziale Wohnungsbau hat sich überlebt, und die Objekt- sollte durch die Subjektförderung ersetzt werden. Diese Thesen vertritt Prof. Dr. Michael Voigtländer, Leiter Kompetenzfeld Immobilienökonomik beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Herr Prof. Voigtländer, wie beurteilen Sie die Bedeutung des sozialen Wohnungsbaus?

Prof. Dr. Voigtländer: Historisch hatte der soziale Wohnungsbau seine Berechtigung. In den Nachkriegsjahren fehlten in Westdeutschland bis zu 4,5 Millionen Wohnungen. Mit Hilfe des sozialen Wohnungsbaus gelang es, diese Lücke relativ schnell zu schließen. Positiv ist auch, dass in Deutschland auf einen angemessenen Standard der Wohnungen geachtet wird und dass die Wohnungen nach Ablauf der Förderung in den freien Wohnungsmarkt übergehen. Auf diese Weise trug der soziale Wohnungsbau zur Herausbildung eines funktionierenden privaten Mietwohnungsmarkts bei – anders als in Großbritannien, wo die Qualität der Wohnungen sehr niedrig war und die Mieter dieser Wohnungen sozial stigmatisiert waren.

Trotzdem sprechen Sie sich dafür aus, die soziale Wohnraumförderung einzustellen. Warum?

Prof. Dr. Voigtländer: Wir haben heute keine Wohnungsknappheit mehr und brauchen aufgrund der demografischen Entwicklung in vielen Teilen Deutschlands keinen Wohnungsneubau mehr. Zudem ist das bestehende Förderinstrumentarium ineffizient. Das erkennt man daran, dass die Fehlbelegungsquote sehr hoch ist, dass also ein erheblicher Teil der Sozialwohnungen von Menschen mit höherem Einkommen bewohnt wird. Dabei sollte die Subventionierung der Mieten doch eigentlich den Bedürftigen zugutekommen.

Aber soziale Durchmischung ist doch etwas Positives! Außerdem gibt es ja die Fehlbelegungsabgabe.

Prof. Dr. Voigtländer: Die Fehlbelegungsabgabe wird in vielen Fällen gar nicht erhoben. Deswegen bin ich dafür, mit Instrumenten zu arbeiten, die zielführender sind. Für Haushalte, denen der Zugang zu Wohnungen besonders schwer fällt, kann die Kommune Belegungsrechte einkaufen. Und für Menschen mit geringem Einkommen haben wir das Instrument des Wohngelds. Auf diese Weise lässt sich auch die soziale Durchmischung viel besser erreichen, da sich der Wohngeldempfänger nicht auf bestimmte Wohnungen beschränken muss.

Wird der Busfahrer oder die Krankenschwester dadurch nicht zum Bittsteller degradiert?

Prof. Dr. Voigtländer: Nein. Wir führen gerade ein Forschungsprojekt zum Wohngeld durch und stellen fest, dass die Hürde, Wohngeld zu beantragen, viel niedriger ist als die Hürde, Arbeitslosengeld II zu beantragen.

Wenn Sie sagen, dass es heute keine Wohnungsknappheit mehr gibt, werden Ihnen Wohnungssuchende in München oder Hamburg entschieden widersprechen...

Prof. Dr. Voigtländer: ...Es ist richtig, dass dort der Wohnungsmarkt anders ist und der Vermieter am längeren Hebel sitzt. Daran lässt sich aber auch mit dem sozialen Wohnungsbau nicht viel ändern, da die Grundstücke knapp und entsprechend teuer sind. Menschen mit geringerem Einkommen müssen dann eben an den Stadtrand ziehen.

Schlagworte zum Thema:  Förderung, Interview, Soziale Wohnraumförderung, Wohnraumförderung, Freier Wohnungsmarkt

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