Ein im Rahmen von Modernisierungsarbeiten oder im Neubau hergestellter wirkungsvoller technischer Einbruchschutz ist wichtig zur Kriminalprävention. Bild: Haufe Online Redaktion

Sicheres Wohnumfeld: Kriminalitätsvorbeugung hat für Mieter einen besonderen Stellenwert, wie das Projekt Transit zeigt. Wohnungsunternehmen sind deshalb gut beraten, ihr Augenmerk nicht allein auf das Gebäude zu richten, sondern auch auf die Qualitäten und möglichen Defizite der Umgebung zu blicken.

Beim vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms "Forschung für die zivile Sicherheit" geförderten Projekt "Transdisziplinäre Sicherheitsstrategien für Polizei, Wohnungsunternehmen und Kommunen" – kurz Transit – ging es darum, transdisziplinäre Sicherheitsstrategien für Polizei, Wohnungsunternehmen und Kommunen zu erarbeiten und sie so aufzubereiten, dass sie sich in die Alltagsorganisation und in das Alltagshandeln der einzelnen Beteiligten einbetten lassen. Das Landeskriminalamt Niedersachsen als Verbundkoordinator und das Deutsche Institut für Urbanistik bearbeiteten das Vorhaben gemeinsam mit dem Forschungspartner F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt GmbH. Zum einen stand die Analyse der Relevanz kooperativer Netzwerkstrukturen im Fokus, zum anderen wurden bauliche und soziale Kriterien herausgearbeitet, die dazu beitragen können, das Sicherheitsempfinden zu erhöhen und Delikte sowie Ordnungsstörungen gar nicht erst entstehen zu lassen.

Die verschiedenen Ansätze machen deutlich, dass Qualitätsverbesserungen im Wohnumfeld nicht durch Wohnungsunternehmen allein, sondern nur in der Zusammenarbeit mit anderen Akteuren und deren Expertise zu erreichen sind. In Fördergebieten kann ein Quartiersmanagement mit den ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen die unterschiedlichen Akteure und Themen bündeln und Lösungsmöglichkeiten erarbeiten. In der Regel sind Quartiere aber keine Fördergebiete; gleichwohl sollten selbstverständlich auch dort sicherheitsrelevante Aspekte im Auge behalten werden, denn eine hohe Qualität des Wohnumfelds ist die primäre Voraussetzung für ein hohes Sicherheitsempfinden der Bewohner.

Gemeinsame städtebauliche Begehungen: Angsträume und Gefahrenorte identifizieren

Wie lässt sich hier nun mit geringem Aufwand eine erste Bestandsaufnahme und Vernetzung der für das Wohnumfeld relevanten Akteure erreichen?

Im Forschungsprojekt Transit wurde in den Städten Braunschweig, Emden und Lüneburg das Instrument der gemeinsamen stadträumlichen Begehung erprobt.

Dieses Instrument hat sich nach Rückmeldung der beteiligten Akteure als praxisgerecht und als Mehrwert für die tägliche Arbeit bewährt und soll im Folgenden vorgestellt werden.

Eine stadträumliche Begehung dient zunächst einmal der Bestandsaufnahme (Katalogisierung und Fotodokumentation) der Situation vor Ort mit ihren potenziellen Angsträumen und Gefahrenorten. Dies sind Orte, in einem ausgewählten Bereich eines Stadtteils, an denen sich die Bewohner unwohl fühlen, und solche, an denen tatsächlich raumbezogene Kriminalität sowie Ordnungsstörungen stattfinden. Anhand der kleinräumigen Betrachtung ist es möglich, ganz konkrete ortsbezogene Hinweise sowohl auf Qualitäten als auch auf Störungen zu erhalten. Die gemeinsame Begehung von Akteuren mit einem unterschiedlichen Expertenwissen bietet die Chance, das Gebiet aus der jeweiligen fachlichen Perspektive erfahrbar zu machen. Die Polizei beurteilt ein Gebiet anders als ein Stadtplaner. Der gegenseitige Erfahrungsaustausch vor Ort ist praxisnah und effektiv, gemeinsam können Chancen und Risiken im Gebiet erfasst und Zuständigkeiten verteilt werden.

Verringerung der subjektiven Unsicherheiten, Reduzierung der realen Kriminalitätsbelastung

Die gemeinsame stadträumliche Begehung unterschiedlicher Disziplinen kombiniert damit in pragmatischer und effizienter Weise die Instrumente Begehung (Erwerb von Vor-Ort-Kenntnis), Expertengespräch und runder Tisch. Im Forschungsprojekt fand die stadträumliche Begehung unter Zuhilfenahme einer vorliegenden Kriterienliste zu Sicherheitsaspekten im Wohnumfeld statt.

Die konsensorientierte Beurteilung von Stärken und Schwächen eines Gebiets war ausschlaggebend, um das gemeinsame Ziel erreichen zu können: die Verringerung der subjektiven Unsicherheiten und Reduzierung der realen Kriminalitätsbelastung.

Über die Sensibilisierung auf eine in der Planung nicht selbstverständliche nutzungsorientierte Sichtweise von Bewohnern – beispielsweise sollten Wegebeziehungen aus Sicht einer älteren, auf den Rollator angewiesenen Person erfolgen – wurden sicherheitsrelevante Aspekte wie Erreichbarkeit, Übersichtlichkeit und Transparenz anhand konkreter Kriterien gemeinsam überprüft. Ganz im Sinne eines transdisziplinären Projektansatzes konnten neue, für die Quartiere vorab noch nicht gedachte Lösungen erarbeitet werden.

Transit-Projekt: Beurteilung sicherheitsrelevanter Aspekte

Die im Rahmen des Transit-Projekts verwendete Kriterienliste zur Beurteilung sicherheitsrelevanter Aspekte speiste sich aus mehreren Quellen. Erste Informationen entstammen den Handbüchern "Gender Mainstreaming in der Stadtentwicklung" der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt in Berlin und der Stadt Wien.

Ein Großteil der Kriterien entstammte dem Kriterienkatalog zur Auditierung sicherer Wohnnachbarschaften der Sicherheitspartnerschaft im Städtebau in Niedersachsen und wurde den Zwecken einer zeitlich begrenzten Begehung (Dauer zirka zwei Stunden) angepasst. Die Zuordnung entspricht den sicherheitsrelevanten Überschriften:

  1. aktueller Eindruck des Gebietes,
  2. räumliche An- und Zuordnung,
  3. Lesbarkeit und Orientierung,
  4. Verkehrsanbindung und Wegeführung,
  5. Überschaubarkeit und Sichtbarkeit,
  6. Beleuchtung,
  7. Zugänglichkeit und Zugangsbedingungen,
  8. sichere Abstellmöglichkeiten,
  9. eigene und zusätzliche Kriterien zu Ordnungsstörungen und Qualitäten.

Innerhalb der Begehungsrouten wurden mehrere Standorte ausgewählt, an denen die Kriterienliste von den Teilnehmern konsensorientiert abgearbeitet wurde. Dieses gemeinsame Beantworten des Erhebungsbogens führte vor Ort zu intensiven Diskussionen zwischen den Akteuren. Parallel wurden ergänzende Fotos für die dokumentarische Bestandsaufnahme zu bestehenden Mängeln oder Qualitäten im Gebiet angefertigt.

Mehrwert der gemeinsamen Begehung: Blick über den eigenen Tellerrand

Die Vorteile der gemeinsamen Begehung lassen sich nach unseren Erfahrungen im Rahmen des Transit-Projekts wie folgt zusammenfassen:

  • Die stadträumliche Begehung eines Quartiers bietet die Möglichkeit des Austauschs von Wohnungsunternehmen und den anderen im Quartier tätigen Akteuren ("Blick über den eigenen Tellerrand").
  • Die gemeinsame Zielsetzung zur Reduzierung der objektiven und subjektiven Sicherheit ermöglicht die gegenseitige Akzeptanz ("Keine Meinung ist unwichtig").
  • Der Erhebungsbogen strukturiert den gemeinsamen Blick auf das Quartier und erhöht die Effizienz der Begehung.
  • Der "Vor-Ort-Bezug" der Begehung erhöht den Praxisbezug und schärft den gemeinsamen Blick ("Alle Akteure reden über das Gleiche").
  • Der gemeinsame Praxisbezug der Teilnehmer erleichtert die Kooperation und weitere Vernetzungen.

Erste Maßnahmen wurden umgesetzt

Die beteiligten Wohnungsunternehmen haben nach Beendigung des Forschungsprojektes erste Umsetzungsschritte vorgenommen. Über Beleuchtungskonzepte und Erweiterung der Gehwege wurden Wegehierarchien vorgenommen (Tag- und Nachtwege), neue Hausnummern wurden sichtbar und beleuchtet angebracht, die Anzahl der Fahrradständer mit Rahmensicherung wurde erhöht und in den Hausfluren wurden Kontaktdaten für den Notfall ausgelegt.

Zukünftig sollen weitere Umbaumaßnahmen unter sicherheitsrelevanten Aspekten stattfinden, wie die Gestaltung der Außenbereiche für unterschiedliche Nutzungen und das Anlegen neuer Wegeführungen, die durch Trampelpfade sichtbar sind. Vor allem an den Schnittstellen zur kommunalen Verantwortung soll es in Bezug auf Sauberkeit und Grünpflege eine verbesserte Koordination und Absprachen geben.

Schlagworte zum Thema:  Sicherheit, Wohnumfeld

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