In unserer Serie stellen wir regelmäßig ein Wohnungsunternehmen mit seinen Zukunftsvisionen vor. Diesmal: Die kommunale Wohnungsgesellschaft Erfurt. Sie gilt als Pionier beim Seriellen Bauen. Nun münden die jahrelang entworfenen Strategien und Forschungen in ein Pilotprojekt. Unterstützt von der IBA Thüringen sollen bis 2021 etwa 100 Wohnungen in Serienbauweise entstehen.

Als die kommunale Wohnungsgesellschaft Erfurt (KoWo) vor sechs Jahren anfing, über seriellen Wohnungsbau nachzudenken, stand das städtische Unternehmen damit ziemlich allein da. Module in Serie, das klang nach Plattenbau 2.0, Einheitstristesse und Grau in Grau für Geringverdiener.

Neues Image für Serielles Bauen

Seitdem hat sich diese Wahrnehmung rasant verändert: Standardisierte Prozesse und Produkte in der Baubranche gelten als einer der Schlüssel gegen den Mangel an bezahlbarem Wohnraum und explodierende Kosten. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft tüfteln in Forschungs- und Pilotprojekten an Lösungen zu dem Thema, zuletzt hatte der Wohnungswirtschaftsverband GdW mit Wettbewerb und Rahmenvereinbarung Serielles Bauen ins Schlaglicht geholt. KoWo-Geschäftsführer Friedrich Hermann saß in der Jury, die über die eingereichten Bewerbungen urteilte.

"Wir liegen im Zeitgeist", KoWo-Bereichsleiterin Dorothee Haberland

Pilotprojekt in Erfurt geplant

Die jahrelangen Vorbereitungen münden in ein Pilotprojekt in Erfurt, bei dem bis 2021 etwa 100 Wohnungen in Modulbauweise entstehen sollen. Der Wettbewerb für das Gebäude ist abgeschlossen, derzeit sucht die KoWo Partner in der Bauindustrie. Unterstützt wird das Vorhaben in der Tallinner Straße von der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen, die es in den "Kandidaten"-Status gehoben hat, eine Vorstufe zum endgültigen IBA-Projekt.

Die Jury würdigt dabei vor allem den Versuch, "grundlegend neue Lösungen für den preiswerten Geschosswohnungsbau zu entwickeln", und zwar "industriell unter Berücksichtigung aktueller und künftiger technischer Möglichkeiten". Die IBA sei ein wertvoller Partner für den regelmäßigen Austausch, erklärt Haberland den Nutzen aus der Zusammenarbeit. Ob die KoWo die in Aussicht gestellten IBA-Fördermittel in Anspruch nehmen werde, entscheide sich, wenn geklärt ist, wie sich ein solcher Zuschuss mit dem aus Landesmitteln verträgt.

Ausschreibungsverfahren läuft

Der erste Preis in dem Wettbewerb ging an eine Berliner Architekten- und Landschaftsarchitektengemeinschaft, der zweite an ein Erfurter Architekturbüro, das mit einem Kölner Landschaftsarchitekten zusammengearbeitet hat. Beide Entwürfe sind Grundlage für das laufende europaweite Ausschreibungsverfahren unter dem Leitthema "Neue Gartenstadt" – in Anlehnung an die Bundesgartenschau in Erfurt 2021.

Ein preiswerter Geschosswohnungsbau beginnt dabei bei der Planung von standardisierten Grundrissen, die den Einbau ebenso standardisierter Küchen und Bäder ermöglichen und erstreckt sich bis hin zu sparenden Heizsystemen und einer technischen Organisation mit dem Ziel unkomplizierter Wartung.

Häuser wie Autos bauen

"Unsere Idee war, unter Nutzung standardisierter und seriell umsetzbarer Bauweisen sowie durch Anwendung modernster, digitaler Planungsmethodik zukünftig Häuser wie Autos bauen zu können und damit bezahlbare Neubauwohnungen mit hochwertiger Architektur auf den Markt zu bringen", sagt Haberland. Die serielle Bauweise verkürze zudem die Bauzeit.

Bei der Strategieentwicklung habe die KoWo zum einen auf Erfahrungen mit der Plattenbauweise zurückgegriffen - 85 Prozent des Bestandes machen dieses DDR-Erbe aus -, zum anderen die Möglichkeiten von Digitalisierung und Prozessoptimierung abgeklopft.

"Es geht nicht nur um standardisierte Produkte, sondern auch um ebensolche Abläufe", KoWo-Bereichsleiterin Dorothee Haberland

Vorarbeiten fließen in ein Forschungsprojekt ein

Die Vorarbeiten von Haberland und ihrem Team flossen in ein Forschungsvorhaben ein, das im Ergebnis das Potenzial von seriellem Bauen belegte.

Treibende Motivation für die KoWo war, verhältnismäßig günstigen Neubau anbieten zu können angesichts des erwarteten Wachstums Erfurts und einer drohenden zweiten Sanierungswelle nach der Wende im Bestand. Die Hälfte der 13.000 Wohnungen liegt in Hochhäusern, die sowohl technisch als auch sozial schwer zu betreuen sind. Ob sich das Spar-Ziel schon im Pilotvorhaben erreichen lässt, bleibt abzuwarten.

"Wie viel wir letztlich sparen, wissen wir erst, wenn die Vergabe abgeschlossen ist", KoWo-Bereichsleiterin Dorothee Haberland

Das Unternehmen habe "sehr sportlich" kalkuliert. Serielles Bauen steckt in Deutschland in den Kinderschuhen, Standards und Routine fehlen, dazu kommen die generell hohen Baukosten. Um einen maßgeblichen Kostenfaktor zu senken, entwickelt die KoWo für die Tallinner Straße ein Mobilitätskonzept, das den Verzicht auf ein eigenes Auto ermöglichen soll. Ebenerdige Stellplätze ersparen den teuren Bau von Tiefgaragen. Grundsätzlich sei das Unternehmen überzeugt von den Kostenspareffekten, bekräftigt Haberland. Gleiches gelte für die Zeitersparnis – rein auf die Bauzeit bezogen: Planungs- und Genehmigungsverfahren ziehen sich freilich genau so in die Länge wie bei einem herkömmlichen Bau. "Wir schreiben jetzt aus und werden 2021 fertig", sagt Haberland.

Serie Wohnungsunternehmen:

Teil 1: Digitalisieren für den Mehrwert: Die Wohnungsgenossenschaft Neue Lübecker

Teil 2: Alles andere als konservativ: Die katholische Joseph-Stiftung

Teil 3: Nassauische Heimstätte/Wohnstadt: Geburtshelfer für Startups

Teil 4: Berliner Degewo: Ein Haus für die Zukunft