Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt hat ein Accelerator-Programm ins Leben gerufen, mit dem sie Startups rund um die Wohnungswirtschaft gezielt fördern will. Mit "Hubitation" hofft das Frankfurter Unternehmen zugleich auf frischen Wind für die eigene Unternehmenskultur und interne Prozesse.

Seine Branche vergleicht Thomas Hain gerne mit der Automobilindustrie. "Es sind nicht mehr die PS, die zählen, sondern die Zusatz- und Ausstattungsfunktionen", sagt der leitende Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt.

Technische Ausstattung: Gradmesser für Innovationsbereitschaft

Genau so gelte bei Wohnungsunternehmen nicht mehr die reine Größe als interessant, sondern eben Art und Anzahl von Dienstleistungen sowie die technische Ausstattung – die nicht zuletzt als Gradmesser für die Innovationsbereitschaft eines Unternehmens stehen.

Diesen Willen unterstreicht die Firmengruppe, die mit 700 Mitarbeitern und 60.000 Wohnungen im Bestand zu den bundesweiten Schwergewichten zählt, mit einem eigenen Accelerator-Programm. "Hubitation" soll Startups als 'Geburtshelfer' dienen, wie es Hain formuliert. Gleichzeitig erhoffe sich das Unternehmen davon Ideen für die Digitalisierung der eigenen Geschäftsprozesse und Produkte.

"Da stößt Innovation auf Tradition", Thomas Hain, Geschäftsführer Nassauische Heimstätte/Wohnstadt

Das Programm ist der im Frühjahr entworfenen Digitalisierungsstrategie entsprungen. Das auf fünf Jahre angelegte "Hubitation" soll einerseits Startups gezielt unterstützen, mit finanziellen Mitteln und Expertise, sowie andererseits mit Instrumenten wie Business-Wettbewerben breiter neue Ideen und Geschäftsmodelle heben. So will die Heimstätte beispielsweise einem Startup ermöglichen, sich bei der Expo Real am Unternehmensstand präsentieren zu dürfen. Ausgestattet ist der Accelerator zunächst mit 30.000 Euro pro Jahr – und erheblichen zeitlichen Mitteln. "Ich und meine Geschäftsführungskollegen stehen oft als Gesprächspartner zur Verfügung, da viele Gründer fachfremd sind und inhaltlichen Input für ihre Digitalmodelle brauchen", sagt Hain.

Schritt zum eigenen Accelerator eher ungewöhnlich

Die Gruppe bringe als Traditionsfirma Wissen und Erfahrung aus der Branche und von der Materie mit und könne dank des Programms mitentscheiden, von welchen Bereichen der digitalen Kultur sie profitieren möchten, so Hain weiter. Der für ein mittelständisches Unternehmen eher ungewöhnliche Schritt zu einem eigenen Accelerator sei vor diesem Hintergrund sinnvoller erschienen als etwa einzelne Beteiligungen an Startups. Auch das Portfolio der Gruppe von Stadtentwicklungsprojekten über das Bauträgergeschäft hin zu Contracting-Services verlange nach einem breiteren Auftreten.

Gestartet ist das Programm im März, seitdem hat die Nassauische Heimstätte/Wohnstadt "Hubitation" mit mehreren Veranstaltungen in der Gründerszene vorgestellt und den Bedarf skizziert.

"Wir sind von der Rückmeldung zu unseren Themen sehr angetan", sagt Hain.

Die Veranstaltungen seien gut besucht gewesen, das Interesse besonders an Formaten wie niedrigschwelligen Wettbewerben groß.

Erste Kooperationen mit Startups bahnen sich an

Mit ersten Startups bahnen sich Hain zufolge bereits Kooperationen an. Er erhofft sich von der Initiative über konkrete Anwendungen hinaus weitergehende Impulse für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens: Der Austausch könnte dem doch schwerfälligen Traditionsunternehmen neue Dynamik einhauchen.

"Es reicht schon, wenn man mit dem frischen Wind eine Kernmannschaft erreicht, die diese Gedanken dann in ihre Abteilungen hineintragen", erklärt Hain.

Je früher und besser man nachvollziehen könne, wie die junge berufliche Generation in der Branche denkt, desto besser könne man dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel vorbeugen. Schon jetzt bemerke die Unternehmensleitung, dass die Zahl der Bewerbungen auf offene Stellen und Ausbildungsplätze zurückgeht, so Hain.

Gleichzeitig erforderten die sich ändernden Prozesse und Geschäftsmodelle andere Anforderungen an das Personal. "Es stellt sich die Frage, ob man in absehbarer Zeit zum Beispiel mehr IT-Kaufleute ausbildet zu Lasten von reinen Immobilienkaufleuten", sagt Hain. Die Affinität rein zu immobilienwirtschaftlichen Themen dürfte in Zukunft nicht mehr ausreichen – genauso wenig wie in der Automobilindustrie die Leidenschaft für Pferdestärken allein längst keinen rundum einsetzbaren Kfz-Spezialisten mehr macht.

Teil 1: Digitalisieren für den Mehrwert: Die Wohnungsgenossenschaft Neue Lübecker

Teil 2: Alles andere als konservativ: Die katholische Joseph-Stiftung

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