19.12.2013 | Top-Thema Qualität am Bau - Planung, Ausführung, Abnahme, Schadstoffsanierung

Formaldehydbelastung nach Sanierung mit Ortschaum: Wohnungsunternehmen muss Dämmung rückbauen

Kapitel
Bei 19 frisch sanierten Gebäuden der Baugenossenschaft Bochum eG muss die Dämmung der Dächer wieder rückgebaut werden
Bild: BG Bochum

Die Dämmung mit Ortschaum ist erneut in Misskredit geraten: Das Gesundheitsamt in Bochum hatte im Juli 2013 die Sperrung des Dachbodens eines frisch gedämmten Gebäudes der Baugenossenschaft Bochum eG angeordnet. Der Grund waren zu hohe Formaldehydwerte. Für Vorstand Oliver Krudewig, der erst kurz vorher sein Amt angetreten hatte, war nach einigem Hin und Her die Konsequenz klar: Der Dämmstoff muss entfernt werden.

Mittlerweile steht bei insgesamt 19 Dächern in Bochum der Rückbau an. Acht Dächer kommen sofort dran, die elf anderen in den nächsten Monaten. „Dafür veranschlagen wir insgesamt 150.000 €”, sagt Krudewig.

Expertenmeinungen
Arnold Drewer, Dämmstoffexperte und Leiter des IPEG-Instituts, das sich auf preisoptimierte energetische Sanierung spezialisiert hat, rät generell von Ortsschaum ab: „Es ist ein Produkt, was die Welt nicht braucht, denn es gibt immer hervorragende Alternativen“, betont er. Eingesetzt wird das Produkt bislang häufig auch bei der nachträglichen Kerndämmung. Dabei wird Schaum in die Hohlräume bestehender Wände eingespritzt. „Bei nachträglicher Kerndämmung kann das Produkt Baumängel produzieren. Es schrumpft zum Beispiel. Wenn es bei Frost eingebracht wird, ist die Gefahr von Durchfeuchtungen sehr hoch.“

Etliche Bauschäden bei dieser Anwendungsform stünden in Verbindung mit Ortsschaum oder UF-Schaum, sagt Drewer. Die Hansestadt Hamburg habe die Konsequenzen gezogen und den Stoff nicht verboten, aber die öffentliche Förderung einer nachträglichen Wärmedämmung durch UF-Schaum ausgeschlossen. Allenfalls bei Kellerdecken kann sich Drewer den Einsatz des Dämmschaums vorstellen.

„Bei Kellerdecken wäre es vielleicht schon brauchbar, da die Rohre, Kabel und anderes eine normale Plattendämmung unmöglich machen.“ Weniger streng sieht das Siegfried Rehberg, Technikexperte des BBU: „Das Material ist zugelassen, aber stark reglementiert. Man ist sich der Gefahren bewusst. Wenn aber alle technischen Regeln eingehalten werden, ist nichts gegen eine Verwendung einzuwenden.” Es gebe aber auch Schäume ohne Formaldehyd, etwa aus Polyurethan oder Einblasdämmung, die weniger Probleme machen. „Das ist aber immer auch eine Frage der Kosten”, sagt Rehberg.
Für diese Art von Dämmschaum gibt es keine allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassungen, sagt Dirk Brandenburger, Leiter der Abteilung Fassadenbau, Umwelt und Gesundheitsschutz, Bauphysik, Abdichtung am Deutschen Institut für Bautechnik. Sie fallen unter die Norm DIN 18159-2. Die beschreibt die Produkte und nennt die Anwendungsweise. Außerdem muss der Dämmschaum die Anforderungen der ETB-Richtlinie zur Begrenzung der Formaldehydemission in die Raumluft erfüllen. Das Produkt wird am Ort der Verwendung hergestellt. Das erfordert Sorgfalt, da zwei Komponenten im korrekten Verhältnis gemischt werden müssen.

Was sagt die DIN?
In der Norm DIN 18159-2 steht, dass UF-Ortschaum, der der Norm entspricht, für die Dämmung von Bauteilen angewendet werden darf, bei denen Dauertemperaturen etwa zwischen -30°C und 100°C auftreten. Das Produkt darf nach Austrocknung keine beeinträchtigenden Mengen Formaldehyd an die Umgebungsluft abgeben. Welche Mengen beeinträchtigend sind, legen die Gesundheitsbehörden fest. Die Austrocknung war in Bochum lange abgeschlossen. Möglicherweise hatte die Sommerhitze dazu betragen, dass es zu der enormen Ausgasung kam. Die Formaldehydkonzentration lag auf dem beanstandeten Dachboden beim bis zu Zehnfachen des als gesundheitsunbedenklich eingestuften Werts. In den  Kellern gab es keine Probleme.
Die Norm spricht weiter davon, dass wesentliche Anwendungsbereiche zum Beispiel das Ausschäumen von Hohlräumen bei Wänden, Decken und Dächern sowie Zargen von Fenstern und Türen seien. Sollen Hohlschichten in zweischaligem Außenmauerwerk nach DIN 1053 Teil 1 mit UF-Ortschaum ausgefüllt werden, seien zusätzliche Nachweise der Brauchbarkeit erforderlich.


Weitere Unternehmen im Ruhrgebiet
Die Bochumer Baugenossenschaft ist bei Weitem nicht das einzige Unternehmen, das das Produkt verwendet hat. Vor allem im Ruhrgebiet werde es häufig eingesetzt, so ist zu hören. „Wir wissen nicht, wo das Produkt noch eingesetzt wurde, es ist aber unserer Sicht kein ungewöhnlicher Baustoff“, sagte Andreas Gröhbühl, Sprecher des VdW Rheinland-Westfalen, auf die Frage, wo in seinem Einzugsgebiet das Produkt noch verwendet worden sei. Man habe nach dem Vorfall in Bochum die Mitgliedsunternehmen für das Thema Ortsschaum sensibilisiert, es gebe aber keine Warnung vor dem Produkt, so Gröhbühl weiter.
Wer es verbaut hat, ist schwer herauszubekommen, viele Unternehmen halten sich bedeckt. Entwarnung gibt Jana Gantenberg, Pressesprecherin der Deutschen Annington, für die Bestände im Ruhrgebiet: „Die Deutsche Annington (DAIG) hat in ihren Beständen keinen Ortsschaum zur Dämmung von Gebäuden eingesetzt. Auch die Viterra bzw. Veba-Immobilien, die größte Vorgängergesellschaft der DAIG im Bereich des Ruhrgebietes, hat diesen Baustoff ebenfalls nicht verarbeitet, so dass man ausschließen könne, dass Ortsschaum in den Ruhrgebiets-Siedlungen vorkomme.“
Nicht mehr verbaut wird Ortsschaum bei Vivawest, betont das Unternehmen, weder im Rahmen von Modernisierungen noch im Neubau oder im Bauträgergeschäft. Zwischen 1999 und 2004 wurde von der Altgesellschaft VMW mbH, einer Tochter der Vorgängergesellschaft THS, Dämmschaum von Ready Therm verwendet, vorwiegend für die Dachdämmung, teils auch für die Kellerdeckendämmung. Die THS Consulting GmbH hat das Material ebenfalls eingesetzt. Mieter aus Recklinghausen klagten über extreme Geruchsbelästigungen, Atemprobleme und tränende Augen. Darauf wurde der Einsatz des Werkstoffes gestoppt. Die Dämmung wurde abgetragen und ersetzt, die Kosten musste der Verarbeiter nach einem Gerichtsurteil übernehmen, so die Pressesprecherin von Vivawest, Marie Mense.

Ausblick für Bochum
Abgetragen wird die Dämmung nun auch in den gerade sanierten Gebäuden in Bochum. Ob es auch hier zu einer Auseinandersetzung vor Gericht über die Kosten kommt, ist noch offen. Man behalte sich rechtliche Schritte gegen den Verarbeiter des Ortschaums vor, suche aber den Dialog, betont Oliver Krudewig.
Im zweiten Schritt erhalten die Dächer eine neue Dämmung. Die kostet zwischen 2.000 und 3.000 € pro Dach. Der Rückbau kostet also mehr als doppelt so viel wie die neue Dämmung. Gedämmt wird nicht mehr das Dach, sondern die oberste Geschossdecke. Dabei kommt eine Rohrhülsenkonstruktion zum Einsatz. Die Hülsen werden aufgestellt und mit Zellulose gefüllt, auf die Hülsen kommt dann ein begehbarer Belag.

Pia Grund-Ludwig, freie Journalistin, Tübingen

Schlagworte zum Thema:  Rückbau, Planung

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