So lebendig kann Typenbau wirken: Visualisierung aus der Broschüre "Typenbau Berlin" Bild: Bollinger+Fehlig Architekten, Visualisierung Zeynep Oba

Die sechs kommunalen Berliner Wohnungsunternehmen nehmen den Diskurs über serielles und modulares Bauen auf. In einer Broschüre werden die "Neuen Typen", die derzeit in der Entwicklung sind, erstmals gemeinsam vorgestellt.

Schnell muss es gehen, preiswert muss es sein und die städtebauliche Qualität soll auch stimmen. Vor allem eilt es.

In vielen deutschen Großstädten verschärft sich der Wohnungsmangel zusehends.

Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen finden nur mit großen Schwierigkeiten bezahlbare Wohnungen. Und die Baugenehmigungszahlen gehen schon wieder zurück. Laut Statistischem Bundesamt wurden im ersten Halbjahr 2017 in Deutschland 7,3 Prozent oder mit insgesamt 169.500 genehmigten Wohnungen rund 13.400 weniger Baugenehmigungen von Wohnungen erteilt als in den ersten sechs Monaten 2016.

Insgesamt würden aber pro Jahr 80.000 zusätzliche Mietwohnungen im geförderten Bereich und rund 60.000 Mietwohnungen im bezahlbaren Segment benötigt, sagte Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen.

Die wohnungsbaupolitischen Akteure sehen im seriellen und modularen Wohnungsbau einen wichtigen Ansatz, schnell preiswerten Wohnraum bereit zu stellen.

Hier kommt derzeit einiges in Bewegung. So stellte der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen im Juni seine Marktstudie "Serielles Bauen" vor.

Auch das Bundesbauministerium, der GdW, die Bundesarchitektenkammer und die Bauindustrie haben Neuland betreten und ein europaweites Ausschreibungsverfahren zur Entwicklung mehrgeschossiger Wohngebäude in serieller und modularer Bauweise gestartet. Gesucht werden neue, innovative Konzepte des Wohnungsbaus, die in wenigen Monaten bereits in Deutschlands Städten für zeitgemäßen Wohnraum und eine Marktentlastung sorgen können, heißt es in der gemeinsamen Presseerklärung. Konzepte sollen als Prototypen auf der IBA Thüringen 2019/2021 präsentiert werden.

Auch die sechs landeseigenen Berliner Wohnungsbaugesellschaften Degewo, Gesobau, Gewobag Wohnungsbau-Aktiengesellschaft Berlin, Howoge, Stadt und Land und WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte haben den Diskurs aufgegriffen und informieren über ihre aktuellen Überlegungen zur Entwicklung neuer Formen des Typenbaus.

Schnelles und preiswertes Bauen

Derzeit verfügen die sechs kommunalen Wohnungsunternehmen insgesamt über rund 300.000 Wohnungen. Bis zum Jahr 2026 soll der Bestand durch Neubau und Ankauf auf etwa 400.000 Mietwohnungen erweitert werden. Angesichts weiter steigender Grundstücks- und Baupreise bietet sich als eines der Instrumente zur Errichtung preiswerter Wohnungen der Typenbau an. Im Wohnungsbau war er immer gefragt, wenn in kurzer Zeit für sehr viele Menschen Wohnraum zur Verfügung gestellt werden musste.

Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich die sechs Unternehmen intensiv mit der Neugestaltung, Weiterentwicklung und Nachverdichtung der Stadt mit den Mitteln des Typenbaus und haben dafür Studien und Wettbewerbe in Auftrag gegeben.

Die "Neuen Typen" sollen den Anforderungen heutiger und künftiger Bewohner gerecht werden und bei Nutzung angemessener Mittel zugleich auf die Vorgaben der Wohnraumförderung abgestimmt sein.

Ziel: Bauzeiten verkürzen, Herstellungskosten reduzieren

Die Vorteile des Typenbaus liegen auf der Hand: Standardisierung und Typisierung von Entwurfselementen und Bauteilen können Planungs- und Bauzeiten verkürzen, die Produktion hoher Stückzahlen kann die Herstellungskosten reduzieren. In Anerkennung der großen Vorbilder im Berliner Typenbau, etwa den UNESCO-Weltkulturerbe-Siedlungen von Taut oder Scharoun, aber auch in Kenntnis der Defizite des Massenwohnungsbaus der 1960er und 1970er Jahre stellen die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften die Themen Urbanität und Nachhaltigkeit in das Zentrum ihrer Überlegungen zum Typenbau.

Lebenszykluskosten, die langfristige Qualität der Gebäude, ihre Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sowie Prozessoptimierung und Wirtschaftlichkeit sind weitere prägende Themen.

Bild: Baumschlager Eberle Architekten

Die Überlegungen für die Typenuntersuchungen der Wohnungsbaugesellschaften zeigen zwei grundsätzlich unterschiedliche Wege für neue Typenbauten und für das serielle Bauen:

  • Einerseits werden Typen vorgeschlagen, die auf modularen Grundrissanordnungen basieren, dabei aber unabhängig von der Konstruktion gedacht sind oder bewusst auf konventionelle Methoden zurückgreifen.
  • Andererseits werden auf neuen Systemen basierende Häuser mit hohem Vorfertigungsgrad, Hybridtechnologien oder mit Modulanteil vorgeschlagen. Sie stellen neue Anforderungen an die am Planungs- und Bauprozess Beteiligten und bedingen veränderte Planungs- und Arbeitsprozesse im Wohnungsbau.

"Typenbau Berlin" – als Download erhältlich

In der Broschüre "Typenbau Berlin" werden die "neuen Typen",  die zurzeit von den kommunalen Berliner Wohnungsunternehmen entwickelt werden, gemeinsam vorgestellt.

Die Wohnungsunternehmen konzentrieren sich auf flexible Bausteine zur Einfügung in bestehende Block- oder Zeilenstrukturen, Punkthäuser, die in unterschiedlichen Stadträumen eingesetzt werden können, Hochhäuser, die gerade in Ergänzung größerer Strukturen Impulse setzen können, sowie Dachaufbauten, die auf bestehende Gebäude aufgesetzt werden. Der historische und technische Hintergrund zum Thema sowie Statements von Experten vervollständigen den Überblick. Die Broschüre ist gratis als Download verfügbar.

Drei Fragen an HOWOGE-Geschäftsführerin Stefanie Frensch

Stefanie Frensch Bild: Howoge

Wenn die Nachfrage in den Großstädten befriedigt werden soll, geht anscheinend nichts ohne serielles und modulares Bauen. Droht hier nicht architektonische Monotonie?

Ein standardisierter Einsatz von Materialien oder auch definierte Ausstattungsstandards sind relevante Instrumente zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Die Vorteile des Typenbaus liegen dabei auf der Hand: Standardisierung und Typisierung von Entwurfselementen und Bauteilen können Planungs- und Bauzeiten verkürzen, die Produktion hoher Stückzahlen kann die Herstellungskosten reduzieren. In Masse produziert und Reih‘ an Reih‘ gestellt ist Monotonie natürlich vorprogrammiert. Wir interpretieren Typenbau heute aber vor allem in der Entwicklung serieller und modularer Grundrissanordnungen, die auch unabhängig von der Konstruktion gedacht werden können. Bei der Realisierung von Gebäuden mit hohem Vorfertigungsgrad, mit Hybridtechnologien oder mit Modulanteil kann bereits schon der Einsatz von veränderten Fassadenelementen, Brüstungen oder Fenstern Variationen bedeuten, die der Monotonie entgegenwirken.

Typenbau ist nicht neu. Wie wollen Sie die Defizite des Massenwohnbaus der 1960 und 70er Jahre vermeiden?

Tatsächlich ist Berlin in Teilen geprägt durch den Massenwohnbau der 1960 und 1970er Jahre. Auch wenn die Fragen an den Wohnungsbau wieder die gleichen sind, haben sich jedoch die Vorzeichen und Bedingungen gewandelt. So haben wir heute ein neues Verständnis von Urbanität und Nachhaltigkeit, das auch die Lebenszykluskosten und die langfristige Qualität der Gebäude betrachtet. Typenhäuser müssen einen entscheidenden Beitrag zur sozialen Weiterentwicklung der Stadt leisten und auf Fragestellungen wie soziale Mischung, Nutzungsmix, Nachhaltigkeit sowie soziale Aspekte reagieren und optimierte, langfristig tragfähige, also flexible Lösungen bieten. Damit gehen wir heute einen anderen Weg. Typenhäuser können an diversen Standorten in der Stadt realisiert werden. Vorrangig wird es sich dabei um eine ergänzende Bebauung von Arealen mit Geschosswohnungsbauten und zusammenhängenden Ensembles wie zum Beispiel Großsiedlungen im komplexen Wohnungsbau oder um Neubauten im Umfeld solcher Siedlungen und entsprechend geprägten großstädtischen Straßenzügen handeln.

Wenn man modular mit reih- und stapelbaren standardisierten Gebäudesegmenten baut - wozu braucht man da noch Architekten?

Gute Architektur und Typenbau widersprechen sich keineswegs. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Zwar lässt sich über Schönheit in der Architektur trefflich streiten, doch ist unser Ziel, für jeden Standort den geeignetsten Städtebau und die beste Architektur zu finden. Die Durchführung von wettbewerblichen Verfahren auch unter Beteiligung von Architekturbüros ist dabei grundsätzlich ein adäquates Mittel, um bewusst fordernd innovative Ideen herbeizuführen, um nicht nur eine hohe städtebauliche und architektonische Qualität zu sichern, sondern auch lagebezogenen Besonderheiten gerecht zu werden.

Die HOWOGE initiiert dabei sowohl klassische städtebauliche Wettbewerbe wie auch wettbewerbliche Gutachterverfahren. In einem Architekten-Ideenwettbewerb zum Thema Typenhaus haben wir zum Beispiel angestoßen, den Prototyp eines wirtschaftlich optimierten Punkthochhauses zu entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr zum Thema "Serielles Bauen" finden Sie hier.

Schlagworte zum Thema:  Neubau

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