Die Hilfswerk-Siedlung geht einen ungewöhnlichen Weg: Das Wohnungsunternehmen ist seit 2009 Waldbesitzer. Nach einer Studie des Berliner Energie Instituts kompensiert es damit etwa ein Viertel des CO2-Ausstoßes seiner Wohnanlagen. Und das Aufgabenfeld Forst und forstnahe Dienstleistungen ist sogar rentabel. Teil zwei der dreiteiligen Serie über die Gewinner des DW-Zukunftspreises 2018.

Der Wald ist für die Deutschen etwas Besonderes: Sehnsuchtsort, Mythos und Identitätssymbol. Wald produziert Sauerstoff, ist wichtigster Grundwasserspeicher, Heimat für Tiere und Pflanzen und dient den Menschen zur Erholung. Holz ist aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und zählt zu den umweltfreundlichen und erneuerbaren Energien. Viele gute Gründe für die Berliner Hilfswerk-Siedlung (HWS), zum Waldbesitzer zu werden.

Im Jahr 2009 kaufte die zur Evangelischen Kirche gehörende HWS in der Nähe von Bad Saarow am Scharmützelsee einen 283 Hektar großen Kiefernforst. "Wir sind quasi über den Wald gestolpert", erzählt Jörn von der Lieth, Geschäftsführer des Wohnungsunternehmens.

"Wir sind Ansprechpartner für kirchliche Immobilienbesitzer, die sich zwar vom Arbeitsaufwand der täglichen Verwaltung, aber nicht von der Immobilie trennen möchten. Viele Kirchengemeinden besitzen aber auch Wald. Um hier Profession zu entwickeln, brauchten wir Wald und einen Förster."

Und so beschäftigt die HWS seit 2010 neben rund 65 kaufmännischen und technischen Angestellten sowie gewerblichen Mitarbeitern auch den Diplom-Forstingenieur Christoph Zabel. Er hat den Job bekommen, weil er mit seinem Waldbaukonzept überzeugte. Für die frisch aus einer Zwangsversteigerung erworbenen Flächen sah er als einziger Bewerber für die nächste Waldgeneration eine zukunftsfähige Neubepflanzung vor. Denn über die Hälfte der Bäume im Wald der HWS sind mit 80 bis 130 Jahren im besten Alter, also "erntereif". Deshalb ist die Begründung einer neuen Waldgeneration durch Naturverjüngung und Neupflanzungen wichtig.

In enger Zusammenarbeit mit den Behindertenwerkstätten der Hoffnungstaler Werkstätten in Lobetal wurden im Frühjahr 2010 auf rund 1,5 Hektar Douglasien gepflanzt und Eicheln gesät. Das endgültige Ergebnis lässt zwar viele Jahrzehnte auf sich warten – es dauert gut 100 bis 120 Jahre, bis zum Beispiel eine Kiefer geerntet werden sollte –, aber schon nach ein paar Monaten konnte man sehen, wie viele der Keimlinge ihre neue Heimat angenommen haben. Heute sind die Bäume acht Jahre alt und bis zu vier Meter hoch. Da nicht sofort alle Bäume angewachsen waren, musste nachgepflanzt werden.

1.000 Festmeter Holz verkauft die HWS jedes Jahr

Im vergangenen Jahr haben HWS-Mitarbeiter bei einem gemeinsamen Arbeitseinsatz eine sogenannte Kulturpflege durchgeführt, bei der die besten Bäume auf der Fläche gefördert wurden. Seitdem wurden fast jedes Jahr neue Kulturen mit klimaangepassten Laub- und Nadelhölzern gepflanzt. Daneben wurde die Voraussetzung für die natürliche Verjüngung der Hauptbaumart "Gemeine Kiefer" geschaffen. Alle Mitarbeiter der HWS haben viermal im Jahr die Möglichkeit, an einem Arbeitseinsatz im Wald mitzuwirken, Bäume zu pflanzen oder bestehende Kulturen zu pflegen.

Wie passen ein Wohnungsunternehmen und ein Forst zusammen?

"Den Ankauf des Forstes haben wir uns nach der ersten Begeisterung dann gut und lange überlegt", erinnert sich Dorit Brauns, stellvertretende Geschäftsführerin der HWS.

Click to tweet

"Unsere Aufgabe als Wohnungsunternehmen der Evangelischen Kirche ist es, Wohnraum anzubieten, den sich möglichst alle leisten können. Deshalb müssen wir ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen sein. Mit einem Forst lassen sich bei guter Bewirtschaftung Gewinne erzielen. Diese geben uns zusätzlichen Spielraum für soziales Handeln," sagt Brauns.

Jörn von der Lieth ergänzt: "Wenn es uns gelingt, mit dem Gemeindewald Geld zu verdienen, können damit andere Inhalte finanziert werden."

HWS bietet Forstkompetenz an

Unter dem Motto "Grüne Werte wachsen lassen" oder, etwas lockerer, "Wir können auch Wald" bietet die HWS kirchlichen und kirchennahen Forst- und Immobilienbesitzern ihre Forstkompetenz an. Das Angebot reicht von der Aufstellung von forstwirtschaftlichen Plänen über die Projektierung der Forstarbeiten bis hin zu Personalmanagement, Buchführung, Vermarktung und Controlling. Die HWS Forst bietet auch die forsttechnische Betriebsleitung, bereitet Bewirtschaftungsmaßnahmen im Forstbetrieb vor und führt diese gegebenenfalls selbst durch.

"Unser Bereich HWS Forst ist ein gewichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeit. Denn der Grundgedanke der Nachhaltigkeit stammt aus der Forstwirtschaft und besagt, dass nur so viel Holz pro Jahr geerntet werden darf, wie in einem Jahr auch zuwächst. Ein schonender und achtsamer Umgang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen ist der Grundgedanke der Nachhaltigkeit und hat hier einen Jahrhunderte alten Ursprung", erklärt von der Lieth.

Zudem soll der eigene Waldbestand den durch die HWS verursachten CO2-Ausstoß ausgleichen helfen. Nach einer Studie des Berliner Energie Instituts kompensiert die HWS damit etwa ein Viertel des Ausstoßes der Wohnanlagen.

Der eigene Forstbetrieb der HWS dient als Referenzobjekt für das Dienstleistungsangebot der HWS. "Durch Zukauf von etwa 40 Hektar konnten wir unseren Wald arrondieren", berichtet Zabel stolz. Auf den Flächen wachsen bisher zu 99 Prozent Kiefern mit weniger als fünf Festmeter Zuwachs pro Hektar. Durch das truppweise Pflanzen von Eiche und das Einbringen von Esskastanie und Robinie soll der Laubholzanteil langfristig erhöht werden. Ziel ist es, dass 60 Prozent der HWS-Waldflächen einen Laubholzanteil von mindestens 20 Prozent aufweisen.

Der HWS-Förster verwaltet 9.000 Stadtbäume

1.000 Festmeter Holz verkauft die HWS pro Jahr. Förster Zabel zeichnet die Bestände aus und die Holz verarbeitende Industrie erntet die Bäume. Weitere Einnahmen erwirtschaftet Zabel als zertifizierter Baumkontrolleur. Zabel nimmt für die HWS und für Dritte Bäume in Augenschein, dokumentiert die Kontrolle und empfiehlt bei Bedarf Sicherungsmaßnahmen, um mögliche Haftungsansprüche abzuwenden. Außerdem organisiert Zabel die Baumpflegemaßnahmen und holt, wenn nötig, Fällgenehmigungen ein. Insgesamt verwaltet der Förster 9.000 "Stadtbäume" die auf Grundstücken eigener und fremdverwalteter Wohnanlagen stehen.

"Forstwirtschaftlich im Sinne der Evangelischen Kirche zu arbeiten, heißt für die HWS Forst, den ihr anvertrauten Wald nachhaltig und effizient zu bewirtschaften, also grüne Zahlen zu schreiben und Gottes Schöpfung zu bewahren, zu schützen und zu entwickeln", resümiert Dorit Brauns.

Ausgezeichnet mit dem DW-Zukunftspreis 2018

GdW-Präsident Axel Gedaschko, stellvertretende HWS-Geschäftsführerin Dorit Brauns und HWS-Geschäftsführer Jörn von der Lieth (v.l.) bei der Preisverleihung
Die Jury des DW-Zukunftspreises der Immobilienwirtschaft staunte nicht schlecht, als sich unter den Bewerbern für das Jahr 2018 auch ein Forst fand. Aber das Motto "Gegen die Klimaplanwirtschaft: intelligente Lösungen statt noch mehr Regulierung" war erfüllt – die HWS erhielt den Preis. Die Jury würdigte insbesondere das Engagement der HWS: "Der Preisträger engagiert sich für Umweltschutz wie für soziale Themen gleichermaßen. Er ist energetisch gut aufgestellt. Dafür wurde das Unternehmen schon mehrfach ausgezeichnet. Jetzt hat das Unternehmen einen weiteren Sprung über den ‚Tellerrand‘ hinaus genommen. Ein 283 Hektar großer Wald wurde übernommen, die Gesamtökobilanz des Unternehmens wird deutlich verbessert, der Weg der Branche in Richtung Klimaneutralität ist exemplarisch befördert. Das ist ein spannender Debattenbeitrag. Zugleich fördert das Unternehmen mit dieser Maßnahme viele andere Nachhaltigkeitsziele. Das ist ein toller Beitrag für Deutschland, aber auch ein toller Beitrag für die Welt."

Lesen Sie auch:

Von der Basismodernisierung bis zum Drei-Liter-Haus

Solarpreis 2018 für Mehrfamilienhäuser der eG Wohnen 1902 in Cottbus

DW-Zukunftspreis der Immobilienwirtschaft 2019 – Digitale Arbeitswelten