Digitale Nachbarschaftsplattformen wie Nextdoor und nebenan.de bieten Mietern Raum für Austausch und Vernetzung. Doch die Kooperation mit solchen Plattformen kann auch für die Wohnungswirtschaft von Nutzen sein.

Dass der Ansatz eines digitalen Netzwerks für Immobilienunternehmen relevant sein kann, zeigt das Beispiel des Rousseau Parks. Das ist ein Neubaugebiet mit 360 Einfamilienhäusern, das derzeit in Ludwigsfelde im Berliner Speckgürtel entsteht. Dabei fungiert nebenan.de als Plattform, auf der sich die künftigen Bewohner austauschen. "Mittlerweile machen 85 % der Käufer mit", berichtet Christian Vollmann. Das habe den großen Vorteil, dass sich die künftigen Nachbarn bereits jetzt kennenlernten und austauschten – beispielsweise über die Frage, ob man nicht gemeinsam einen Rasenmäher anschaffen wolle.

Auch Nextdoor-Sprecherin Juliane Leupold bezeichnet ihre Plattform als "prädestiniert für Neubaugebiete"; sie könne aber auch in bestehenden Quartieren zur Anwendung kommen. Ähnlich sieht das Christian Vollmann. Nach seinen Worten ist es "durchaus denkbar", dass auch Wohnungsunternehmen, die ein zusammenhängendes Quartier bereits in ihrem Bestand haben, mit der Plattform zusammenarbeiten. Nebenan.de führt momentan einen zweiten Account-Typ ein, der nicht für Privatnutzer gedacht ist, sondern für Institutionen wie Stadtverwaltungen, Nachbarschaftsvereine, Quartiersmanagements oder eben Wohnungsunternehmen. Diese Institutionen können dann zwar nicht die gesamte Kommunikation unter den Nutzern verfolgen, das Portal aber zur Verbreitung von Informationen verwenden.

Projekt "Vernetzte Nachbarn": Raus aus der Anonymität

Der vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung hat 2017 das Projekt "Vernetzte Nachbarn" gestartet mit dem Ziel, anhand von vier Fallbeispielen in ganz unterschiedlichen Gebieten (Berlin-Wedding, München-Neuperlach, Paderborn-Elsen und Meißen) zu untersuchen, inwieweit digitale Netzwerke ein nachbarschaftliches Miteinander fördern können.

"Eine Zusammenarbeit zwischen Wohnungswirtschaft und Plattformen trägt dazu bei, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und einen Beitrag zur Gewalt- und Vandalismusprävention zu leisten", Anna Becker, wissenschaftliche Referentin beim vhw

Allerdings sieht Becker dabei zwei Hindernisse. "Für Wohnungsunternehmen kann die Zusammenarbeit mit einem Marktteilnehmer, der eine Monopolstellung anstrebt, problematisch sein", führt sie aus. "Und die Mieter haben ein begrenztes Zeitbudget und sind nicht unbedingt bereit, noch bei einer weiteren Plattform mitzumachen" – viele seien ja bereits auf Facebook oder einem anderen sozialen Netzwerk aktiv.

Die bisherigen Ergebnisse der vhw-Untersuchung bewerten die Nachbarschaftsplattformen positiv. Die im Rahmen der Studie befragten Nutzer erklärten demnach, dass sie dank der Plattformen mehr reale Kontakte in ihrem Wohnquartier haben. „Das müssen nicht unbedingt gute Freunde sein“, verdeutlicht Becker. „Auch lose Bekanntschaften tragen dazu bei, sich im Quartier zuhause zu fühlen. Insofern wird durch die Nachbarschaftsplattformen tatsächlich soziales Kapital vor Ort aufgebaut. Das Gefühl der Anonymität sinkt und die Identifikation mit der Nachbarschaft nimmt zu.“ Warum das so ist, erklärt die vhw-Mitarbeiterin folgendermaßen:

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"Denn sie sind gewissermaßen ein Zwischenschritt zwischen Anonymität und Face-to-Face-Kommunikation. Heute fällt es vielen leichter, sich online vorzustellen, als einfach mal an der Tür zu klingeln", ergänzt Becker.

Darüber hinaus zeigt die Untersuchung des vhw, dass Nachbarschaftsplattformen keine Domäne von jungen Leuten sind. Vielmehr ist ein Großteil der Nutzer zwischen 45 und 60 Jahre alt. Auch werden die Netzwerke nicht nur in Großstädten genutzt. "Im ländlichen und kleinstädtischen Raum", sagt Anna Becker, "erfüllen die Nachbarschaftsplattformen in erster Linie den Zweck, Informationen zu bündeln und Menschen in Kontakt zu bringen."

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Nachbarschaftsplattformen: Sich online vorstellen, statt an der Tür zu klingeln

Kommunikation über Apps und Digitale Bretter