Auch im Alter selbstständig wohnen: Bauliche Veränderungen und bedarfsgerechte Unterstützung machen es möglich Bild: Corbis

Der demografische Wandel zwingt Wohnungsunternehmen, sich mit flexiblen Grundrissen und Unterstützungskonzepten in Kombination mit intelligenten Assistenzsystemen zu beschäftigen. Deutschlandweit gibt es inzwischen mehrere Musterwohnungen und Modellprojekte. Wir zeigen fünf Beispiele.

Mit geeigneten baulichen Maßnahmen, technischer Unterstützung und bedarfsgerechten Angeboten im Quartier können Senioren länger in den eigenen vier Wänden bleiben. Barrierefreie Wohnungen werden in Deutschland dringend gebraucht, aktuell mindestens 1,6 Millionen, wie eine Studie des Projektentwicklers Terragon und des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB) zeigt. Barrierefreiheit muss demnach gar nicht teuer sein: Sie macht nur etwa ein Prozent der Gesamtbaukosten aus.

Beispiel 1: SelmA - selbstständig leben mit Alltagshilfen

Wie kann so eine Hilfe aussehen? Die Kommunale Wohnungsbaugesellschaft mbH Rathenow (KWR) und der Landkreis Havelland präsentieren in einer Musterwohnung in Rathenow verschiedene technische Alltagshilfen, die das selbstbestimmte Wohnen in den eigenen vier Wänden bis ins hohe Alter ermöglichen sollen. Es handelt sich bei "SelmA" (Selbstständig leben mit Alltagshilfen) um die erste technikunterstützte barrierearme Musterwohnung im Landkreis Havelland.

In der 60 Quadratmeter großen 2-Zimmer-Wohnung können interessierte Bürger die Möglichkeiten ausprobieren und entscheiden, welche Alltagshilfen davon für die eigene Wohnung nützlich wären. Neben der KWR wird das Projekt vom Planungsbüro AAB aus Berlin, der Stadt Rathenow, dem Diakonischen Werk Havelland, dem Kreisseniorenbeirat und dem Seniorenrat von Rathenow unterstützt. Insgesamt sind 97.500 Euro in die Musterwohnung geflossen. Die Kooperation zwischen KWR und Landkreis Havelland sieht eine dreijährige Nutzung der Wohnung vor.

Bild: Landkreis Havelland

Beispiel 2: Musterwohnung der GSW - Seniorenwohnen am Park

Die GSW Gesellschaft für Siedlungs- und Wohnungsbau Baden-Württemberg mbH (GSW Sigmaringen) hat ebenfalls eine Musterwohnung mit Assistenzsystemen eingerichtet, um das Know-how für den künftigen Einsatz im Mietwohnungsbestand und für Bauträgerprojekte zu erwerben. Im Projekt „Seniorenwohnen am Park“ in Waiblingen finde sich neben einem Seniorenzentrum, betreuten Wohnungen und einem integrierten Kindergarten erstmals im Rahmen eines Pilotprojekts eine Musterwohnung, erklärt GSW-Geschäftsführer Roy Lilienthal. Aktuell ist am Markt eine Vielzahl von Anbietern mit den unterschiedlichsten Konzepten vertreten. So gibt es einerseits Technik, die in Bestandsbauten ohne viel Aufwand nachgerüstet werden kann, andererseits aber auch Technik, die bereits frühzeitig im Rohbau Berücksichtigung finden muss. In Zeiten stetig steigender Baukosten müsse möglichst frühzeitig und genau geplant werden, in welche Zusatzsysteme Geld investiert wird. „Unser Ansatz bei der Planung war deshalb, in der Wohnung unterschiedlichste Technologien und eine Vielzahl von Assistenzsystemen einzubauen, um am eigenen Objekt möglichst ungefiltert Erfahrungen sammeln zu können“, erläutert Jochen Baeuerle, Leiter Baumanagement bei der GSW.

Barrierefreies Wohnen: Vielfältige technische Hilfsmittel

Notrufschalter an gut erreichbaren Stellen – mit dem Assistenzsystem „Paul“ Bild: Geis

In der 85 m2 großen 3-Zimmer-Wohnung wurden nicht nur unterschiedliche Raumautomationssysteme verbaut, sondern auch vielfältige Steuerungsmöglichkeiten: Neben klassischen Schaltersystemen können Funkschalter, die Steuerung über ein Tablet oder das seniorengerechte Assistenzsystem „Paul“ (Persönlicher Assistent für unterstütztes Leben) getestet werden. „Das Besondere an der Ausstattung der Wohnung ist, dass wir kabelgebunden KNX-Bus, Enocean-Funksysteme sowie Digitalstrom installiert haben, damit diese im Einsatz miteinander verglichen werden können“, so Baeuerle. In der Musterwohnung werden darüber hinaus praktische Helfer ausgestellt, die das Leben im Alter erleichtern. Hierzu gehört das sich abschaltende Bügeleisen genauso wie ein Seniorenhandy und altengerechtes Essbesteck.

Beispiel 3: Altersgerechtes Wohnen - Nachrüstung und Modernisierung von bestehenden Wohnungen

In vielen Wohnungsunternehmen ist der vorhandene Wohnungsbestand jedoch nicht barrierefrei. Und selbst wenn künftig alle Neubauten von vornherein barrierefrei konzipiert werden, können diese nur eine sinnvolle Ergänzung darstellen, mengenmäßig aber nicht den Bedarf in den kommenden Jahren decken. Die GAG Ludwigshafen am Rhein Aktiengesellschaft für Wohnungs-, Gewerbe- und Städtebau (GAG Ludwigshafen) hat sich deshalb überlegt, wie sie Barrieren im Bestand abbauen kann. Dazu hat das Unternehmen ein Handbuch „Barrierereduzierung im Bestand“ formuliert. Außerdem wurde eine bestehende Wohnung als barrierereduzierte Musterwohnung hergerichtet, in der all das realisiert ist, was im Hinblick auf eine möglichst lebenslange und selbstständige Nutzung der eigenen vier Wände praktisch und nutzerfreundlich ist.

So viele Barrieren wie möglich abbauen, ohne DIN 18040/2 zu erfüllen

Barrierereduziert bedeutet: Es werden im vorhandenen Bestand so viele Barrieren wie möglich abgebaut, ohne jedoch um jeden Preis vollständig die DIN 18040/2 „Barrierefreies Bauen“ zu erfüllen. Für die Musterwohnung wurde ein Grundriss gewählt, der bei der GAG vielfach vorkommt: Eine 3-Zimmer-Wohnung mit 89 m2 Fläche in einem 11-geschossigen „Punkthaus“ aus den 1960er Jahren. Das Gebäude ist durch Aufzüge erschlossen, die Wege zum Gebäude wurden barrierefrei ausgebaut. Trotz eines vergleichsweise großzügigen Grundrisses weist die Wohnungen bislang zahlreiche Barrieren auf. So war etwa die Eingangstür zu schmal. Das Bad war zwar mit 7 m2 recht groß, aber die Sanitärobjekte lagen so ungünstig, dass die Bewegungsflächen nicht ausreichten. Außerdem gab es nur eine Badewanne. Die Küche war zu klein, die Bewegungsflächen erwiesen sich als bei weitem nicht ausreichend. Der Weg von der Küche zum Esstisch war durch die Zwischenwand eng und umständlich. Die Loggia konnte nur durch eine sehr schmale Tür mit Schwelle erreicht werden.

Wenige, aber geschickte Änderungen

Mit wenigen, aber geschickten Änderungen wurden wesentliche Barrieren abgebaut. Drei grundrissverändernde Maßnahmen waren besonders wichtig: Die Wand zwischen Küche und Essbereich wurde abgebrochen, damit dort die Bewegungsflächen ausreichen. Ein wesentlicher Problempunkt war die viel zu schmale Tür zur verglasten Loggia. Durch vorhandene Brandschutzmanschetten liegt diese 8 cm höher als der Wohnraum. Der Grundriss erlaubte in diesem Eckbereich keine Verbreiterung der vorhandenen Öffnung. Daher wurde im Schlafzimmer das Fenster zur Tür umgebaut. Eine Rampe im Bereich der Wandstärke ermöglicht nun Zugang und Zufahrt zur Loggia, auch wenn die Neigung steiler ist als die DIN 18040/2 vorschreibt. Dies ist ein klassisches Beispiel für „barrierereduzierten Standard“: Nicht vollständig normgerecht, aber im gegebenen Kontext so praktisch wie möglich. Auch das Bad wurde umorganisiert und zum Beispiel mit einer bodengleichen Dusche versehen. Zusätzlich wurden zahlreiche praktische Details in der Wohnung umgesetzt. Die Türen wurden auf 90 cm i.L. verbreitert und haben Oberlichter. Die  Rollläden werden jetzt elektrisch angetrieben. Alle Lichtschalter sind auf eine Höhe von 85 cm tiefer gesetzt, alle Steckdosen haben die bequeme Höhe von 30 cm.

Maßnahmen auf andere Wohnungen übertragbar

Die einzelnen Maßnahmen zur Barrierereduzierung können nun mit konkreten Kosten je nach Bedarf und Möglichkeiten auf andere Wohnungen übertragen werden. Vor allem aber lässt sich der Nutzwert testen – nicht nur für die GAG und ihre Mitarbeiter, sondern auch für interessierte Fachleute und Kunden.

Beispiel 4: Musterwohnung der Gesobau in Berlin

Gemeinsam mit der AOK Nordost, der Technischen Hochschule Wildau und Bewohnern im Märkischen Viertel hat auch das Berliner kommunale Wohnungsunternehmen Gesobau ein Modellprojekt für niedrigschwellige technische Lösungen und Alltagshilfen in den eigenen vier Wänden entwickelt.  Das vom GKV Spitzenverband geförderte Konzept soll sich konkret an den vorhandenen Bedürfnissen älterer und pflegebedürftiger Menschen orientieren. Bei den Einbauten seien bewusst technische Lösungen gewählt worden, die für die Nutzer leicht bedienbar und bezahlbar seien und damit niedrigschwellig umgesetzt werden könnten, teilt die Gesobau mit. Damit werde älteren Bewohnern der Zugang zu technischen Alltagshilfen erleichtert und Gefahrenpotenzialen präventiv entgegengewirkt. Irina Herz, Geschäftsbereichsleiterin der Gesobau für das Märkische Viertel, sagt: "Mit dem Modellprojekt konnten wir wichtige Erkenntnisse für zukünftiges Wohnen gewinnen, die weiter ausgebaut werden sollen." Jens Kreuzer, Unternehmensbereichsleiter Pflege bei der AOK Nordost, betont, dass eine ungünstig gestaltete Wohnumgebung das Sturzrisiko erhöhen kann. "Wenn etwas passiert, bekommt dies häufig keiner mit oder, wenn doch, zu spät. Folge: Rechtzeitige medizinische Hilfe bleibt aus. Durch das gemeinsam entwickelte Konzept können Stürze verhindert oder zumindest früher erkannt werden – so lassen sich Folgeschäden oft vermeiden. Darüber hinaus können Angehörige und Pflegepersonal benachrichtigt werden: Nutzer, Angehörige und Pflegekräfte fühlen sich so sicherer."

AAL: Sensoren passen auf Bewohner auf

Die technischen Einbauten wurden federführend von Prof. Birgit Wilkes, Leiterin des Instituts für Gebäudetelematik an der Technischen Hochschule Wildau, konzipiert. "Das Herzstück der Musterwohnung sind Sensoren, mit denen es möglich wird, dass die Wohnung auf ihren Bewohner ‚aufpasst‘. In der gesamten Wohnung erfassen sie das Aktivitätsverhalten einer Person und stellen Abweichungen davon fest." Dabei kann es sich um Stürze oder übergelaufenes Wasser im Bad, Probleme beim Aufstehen vom Bett oder Sessel oder das Öffnen der Wohnungstür und Fenster handeln. Die Abweichungen werden automatisch an eine zuvor festgelegte Stelle gemeldet.

Beispiel 5: Im Erzgebirge spricht die Wohnung mit den Bewohnern

Auch im Erzgebirge gibt es eine AAL-Musterwohnung: Die Wohnungsgesellschaft Raschau mbH hat zusammen mit Partnern aus eigener Kraft und ohne Fördermittel ein Haus umgebaut und mit AAL-Technologie ausgestattet. Das ehemalige Ledigenwohnheim ist das einzige Objekt im Portfolio des kommunalen Wohnungsunternehmens, das ohne Stufen zugänglich ist. Dieser Vorteil bot die Basis für eine barrierearme Erschließung sämtlicher Wohnungen, die jetzt dank Aufzug auch körperlich beeinträchtigte Mieter problemlos erreichen können. Darüber hinaus wurde der Zuschnitt der Wohneinheiten komplett geändert: Während es ursprünglich 28 Ein- und 1,5-Zimmer-Wohnungen gab, stehen nun 16 Zwei-Raum-Wohnungen mit jeweils etwa 64 m2 Wohnfläche sowie zwei großzügige Einheiten im neu ausgebauten Dachgeschoss zur Verfügung. Innerhalb der Mauern wurde technisch gewaltig aufgerüstet. Dafür holte sich die Wohnungsgesellschaft Raschau als Partnerin die NSC GmbH aus dem sächsischen Lichtenstein ins Boot. Sie ist eine Tochtergesellschaft der ACX GmbH und hat das Gebäudeautomatisationssystem ViciOne entwickelt. Bei der Planung, erläutert Produktmanager Frank Brylok, „lag der Schwerpunkt darauf, dass die Bedienung der Wohnungen problemlos wie gewohnt über die im Raum befindlichen Schaltstellen erfolgen kann“. Das Licht schalten die Bewohner also etwa ganz normal über einen Taster ein, und auch die Heizung können sie nach ihren Bedürfnissen regeln. Ungewöhnlich ist dagegen der Kommen- und Gehen-Taster neben der Wohnungstür. Drückt der Mieter beim Betreten der Wohnung diesen Schalter, wird er über einen Lautsprecher mit einem freundlichen „Guten Tag“ begrüßt. Beim Verlassen der Wohnung sorgt das Betätigen dafür, dass Licht und Herd – sofern nicht schon geschehen – ausgeschaltet werden. In das gesamte Projekt – also die baulichen Maßnahmen und den Einbau der Technik – investierte die WG Raschau rund 1,6 Mio. €, was bei einer Wohnfläche von 1.130 m2 einem Aufwand von gut 1.400 €/m2 entspricht. Fördermittel wurden nicht in Anspruch genommen. Finanziell beteiligte sich der Energieversorger Envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM): Er brachte 27.000 € auf und damit knapp die Hälfte der auf 60.000 € bezifferten Kosten für die AAL-Technik.

Schlagworte zum Thema:  Modernisierung, Demografischer Wandel, Barrierefreiheit

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