25.04.2017 | Pilotprojekte

Barrierefreies Wohnen: Musterwohnungen zeigen Möglichkeiten auf

Landrat Roger Lewandowski ließ sich von einer Sozialplanerin die Alltagshilfen in der Musterwohnung zeigen.
Bild: Landkreis Havelland

Der demografische Wandel zwingt Wohnungsunternehmen, sich mit flexiblen Grundrissen und Unterstützungskonzepten in Kombination mit intelligenten Assistenzsystemen zu beschäftigen. Deutschlandweit gibt es inzwischen mehrere Musterwohnungen, um Möglichkeiten zu präsentieren. Wir zeigen drei Beispiele.

Die Kommunale Wohnungsbaugesellschaft mbH Rathenow (KWR) und der Landkreis Havelland präsentieren in einer Musterwohnung in Rathenow verschiedene technische Alltagshilfen, die das selbstbestimmte Wohnen in den eigenen vier Wänden bis ins hohe Alter ermöglichen sollen. Es handelt sich bei "SelmA" (Selbstständig leben mit Alltagshilfen) um die erste technikunterstützte barrierearme Musterwohnung im Landkreis.

In der 60 Quadratmeter großen 2-Zimmer-Wohnung können interessierte Bürger die Hilfen ausprobieren und entscheiden, welche Alltagshilfen davon für die eigene Wohnung nützlich wären. Neben der KWR wird das Projekt vom Planungsbüro AAB aus Berlin, der Stadt Rathenow, dem Diakonischen Werk Havelland, dem Kreisseniorenbeirat und dem Seniorenrat von Rathenow unterstützt. Insgesamt sind 97.500 Euro in die Musterwohnung geflossen. Die Kooperation zwischen KWR und Landkreis Havelland sieht eine dreijährige Nutzung der Wohnung vor.

Studie: Barrierefreie Wohnungen fehlen, Mehrkosten sind gering

Aufgrund der demografischen Entwicklung wird es für Wohnungsunternehmen immer wichtiger, ihre Mieter an Angebote zum altersgerechten Wohnen heranzuführen. Mit geeigneten baulichen Maßnahmen, technischer Unterstützung und bedarfsgerechten Angeboten im Quartier können Senioren länger in den eigenen vier Wänden bleiben. Barrierefreie Wohnungen werden in Deutschland dringend gebraucht, aktuell mindestens 1,6 Millionen, wie eine Studie des Projektentwicklers Terragon und des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB) zeigt. Barrierefreiheit muss demnach nicht teuer sein: Sie macht nur etwa ein Prozent der Gesamtbaukosten aus.

Musterwohnung der GSW: Seniorenwohnen am Park

Die GSW Gesellschaft für Siedlungs- und Wohnungsbau Baden-Württemberg mbH (GSW Sigmaringen) hat ebenfalls eine Musterwohnung mit Assistenzsystemen eingerichtet, um das Know-how für den künftigen Einsatz im Mietwohnungsbestand und für Bauträgerprojekte zu erwerben. Im Projekt „Seniorenwohnen am Park“ in Waiblingen finde sich neben einem Seniorenzentrum, betreuten Wohnungen und einem integrierten Kindergarten erstmals im Rahmen eines Pilotprojekts eine Musterwohnung, erklärt GSW-Geschäftsführer Roy Lilienthal. Aktuell ist am Markt eine Vielzahl von Anbietern mit den unterschiedlichsten Konzepten vertreten. So gibt es einerseits Technik, die in Bestandsbauten ohne viel Aufwand nachgerüstet werden kann, andererseits aber auch Technik, die bereits frühzeitig im Rohbau Berücksichtigung finden muss. In Zeiten stetig steigender Baukosten muss möglichst frühzeitig und genau geplant werden, in welche Zusatzsysteme Geld investiert wird. „Unser Ansatz bei der Planung war deshalb, in der Wohnung unterschiedlichste Technologien und eine Vielzahl von Assistenzsystemen einzubauen, um am eigenen Objekt möglichst ungefiltert Erfahrungen sammeln zu können“, erläutert Jochen Baeuerle, Leiter Baumanagement bei der GSW.

Barrierefreies Wohnen: Vielfältige technische Hilfsmittel

Notrufschalter an gut erreichbaren Stellen – mit dem Assistenzsystem „Paul“
Bild: Geis

In der 85 m2 großen 3-Zimmer-Wohnung wurden nicht nur unterschiedliche Raumautomationssysteme verbaut, sondern auch vielfältige Steuerungsmöglichkeiten: Neben klassischen Schaltersystemen können Funkschalter, die Steuerung über ein Tablet oder das seniorengerechte Assistenzsystem „Paul“ (Persönlicher Assistent für unterstütztes Leben) getestet werden. „Das Besondere an der Ausstattung der Wohnung ist, dass wir kabelgebunden KNX-Bus, Enocean-Funksysteme sowie Digitalstrom installiert haben, damit diese im Einsatz miteinander verglichen werden können“, so Baeuerle. In der Musterwohnung werden darüber hinaus praktische Helfer ausgestellt, die das Leben im Alter erleichtern. Hierzu gehört das sich abschaltende Bügeleisen genauso wie ein Seniorenhandy und altengerechtes Essbesteck.

Altersgerechtes Wohnen: Nachrüstung und Modernisierung von bestehenden Wohnungen

In vielen Wohnungsunternehmen ist der vorhandene Wohnungsbestand jedoch nicht barrierefrei. Und selbst wenn künftig alle Neubauten von vornherein barrierefrei konzipiert werden, können diese nur eine sinnvolle Ergänzung darstellen, mengenmäßig aber nicht den Bedarf in den kommenden Jahren decken. Die GAG Ludwigshafen am Rhein Aktiengesellschaft für Wohnungs-, Gewerbe- und Städtebau (GAG Ludwigshafen) hat sich deshalb überlegt, wie sie Barrieren im Bestand abbauen kann. Dazu hat das Unternehmen ein Handbuch „Barrierereduzierung im Bestand“ formuliert. Außerdem wurde eine bestehende Wohnung als barrierereduzierte Musterwohnung hergerichtet, in der all das realisiert ist, was im Hinblick auf eine möglichst lebenslange und selbstständige Nutzung der eigenen vier Wände praktisch und nutzerfreundlich ist.

So viele Barrieren wie möglich abbauen, ohne DIN 18040/2 zu erfüllen

Barrierereduziert bedeutet: Es werden im vorhandenen Bestand so viele Barrieren wie möglich abgebaut, ohne jedoch um jeden Preis vollständig die DIN 18040/2 „Barrierefreies Bauen“ zu erfüllen. Für die Musterwohnung wurde ein Grundriss gewählt, der bei der GAG vielfach vorkommt: Eine 3-Zimmer-Wohnung mit 89 m2 Fläche in einem 11-geschossigen „Punkthaus“ aus den 1960er Jahren. Das Gebäude ist durch Aufzüge erschlossen, die Wege zum Gebäude wurden barrierefrei ausgebaut. Trotz eines vergleichsweise großzügigen Grundrisses weist die Wohnungen bislang zahlreiche Barrieren auf. So war etwa die Eingangstür zu schmal. Das Bad war zwar mit 7 m2 recht groß, aber die Sanitärobjekte lagen so ungünstig, dass die Bewegungsflächen nicht ausreichten. Außerdem gab es nur eine Badewanne. Die Küche war zu klein, die Bewegungsflächen erwiesen sich als bei weitem nicht ausreichend. Der Weg von der Küche zum Esstisch war durch die Zwischenwand eng und umständlich. Die Loggia konnte nur durch eine sehr schmale Tür mit Schwelle erreicht werden.

Wenige, aber geschickte Änderungen

Mit wenigen, aber geschickten Änderungen wurden wesentliche Barrieren abgebaut. Drei grundrissverändernde Maßnahmen waren besonders wichtig: Die Wand zwischen Küche und Essbereich wurde abgebrochen, damit dort die Bewegungsflächen ausreichen. Ein wesentlicher Problempunkt war die viel zu schmale Tür zur verglasten Loggia. Durch vorhandene Brandschutzmanschetten liegt diese 8 cm höher als der Wohnraum. Der Grundriss erlaubte in diesem Eckbereich keine Verbreiterung der vorhandenen Öffnung. Daher wurde im Schlafzimmer das Fenster zur Tür umgebaut. Eine Rampe im Bereich der Wandstärke ermöglicht nun Zugang und Zufahrt zur Loggia, auch wenn die Neigung steiler ist als die DIN 18040/2 vorschreibt. Dies ist ein klassisches Beispiel für „barrierereduzierten Standard“: Nicht vollständig normgerecht, aber im gegebenen Kontext so praktisch wie möglich. Auch das Bad wurde umorganisiert und zum Beispiel mit einer bodengleichen Dusche versehen. Zusätzlich wurden zahlreiche praktische Details in der Wohnung umgesetzt. Die Türen wurden auf 90 cm i.L. verbreitert und haben Oberlichter. Die  Rollläden werden jetzt elektrisch angetrieben. Alle Lichtschalter sind auf eine Höhe von 85 cm tiefer gesetzt, alle Steckdosen haben die bequeme Höhe von 30 cm.

Maßnahmen auf andere Wohnungen übertragbar

Die einzelnen Maßnahmen zur Barrierereduzierung können nun mit konkreten Kosten je nach Bedarf und Möglichkeiten auf andere Wohnungen übertragen werden. Vor allem aber lässt sich der Nutzwert testen – nicht nur für die GAG und ihre Mitarbeiter, sondern auch für interessierte Fachleute und Kunden.

Schlagworte zum Thema:  Modernisierung, Demografischer Wandel, Barrierefreiheit

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