25.11.2013 | Top-Thema Kommunikation und Marketing in der Wohnungswirtschaft

Die Quartiershomepage als neues Kommunikationsmittel

Kapitel
Das Elbschloss an der Bille im Internet
Bild: www.niendorfer-nachbarn.de

Die Baugenossenschaft freier Gewerkschafter in Hamburg hat zwei Quartiershomepages entwickelt, die gemeinsam mit den Bewohnern und Kooperationspartnern gefüllt werden. Damit hat sie einen Weg gefunden, die Mitglieder im Quartier schnell und umfassend zu informieren, und erfüllt auch deren Erwartung nach mehr Beteiligung. Noch haben Quartiershomepages, die von Genossenschaften eingerichtet werden, Seltenheitswert. Doch es ist zu erwarten, dass sie langfristig zum Standard gehören und sich neben den bekannten Mieterzeitungen und Treppenaushängen etablieren werden.

Die beiden Quartiershomepages der Baugenossenschaft freier Gewerkschafter in Hamburg (BGFG) sind Teil der BGFG- Strategie in der Quartiersentwicklung und sollen einen neuen Weg der Nachbarschaftskommunikation eröffnen. Die 1922 gegründete Wohnungsbaugenossenschaft zählt mit rund 7.500 Wohnungen zu den größeren Wohnungsgenossenschaften in Hamburg. Sie hat ihren Wohnungsbestand in sozial unterschiedlich strukturierten Quartieren. Für zwei Viertel, im Osterbrookviertel im „Arbeiterstadtteil“ Hamm-Süd und im eher bürgerlichen Stadtteil Niendorf, hat die BGFG eigene Quartiershomepages eingerichtet (www.elbschloss-an-der-bille.de und www.niendorfer-nachbarn.de).
Über diese Homepages kommuniziert die BGFG, gemeinsam mit etlichen Institutionen, nicht nur mit ihren Mitgliedern, sondern auch mit den Bewohnern der Viertel. Die Akteure und Bewohner aus dem Quartier bringen sich wiederum in die Redaktionsgruppe ein, teils mit eigenen Beiträgen. Diese neue Form der Kommunikation ist für die BGFG ein Bestandteil der genossenschaftlichen Mitgliederförderung. Sie ist dazu eine weitere Möglichkeit, gezielt das ehrenamtliche Engagement zu stützen. Elf Nachbarschaftstreffs betreibt die BGFG insgesamt, rund 130 Freiwillige engagieren sich in den zum Teil entwicklungsbedürftigen Quartieren. 2.260 Veranstaltungen fanden in diesem Rahmen 2012 statt.

Entstehung und Finanzierung
Mit der Frage, wie man sein Angebot für die Menschen im Quartier am besten darstellen kann, hat sich nicht nur die BGFG beschäftigt. So hat die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen vor Jahren erste Modelle für Quartiershomepages entwickelt, an denen die BGFG sich orientiert hat. Anfangs gab es auch technische Unterstützung seitens der Hochschule, inzwischen betreuen Mitarbeiterinnen des Sozialmanagements die Seiten.
Wie funktionieren diese neuen Plattformen? Die aktuellen Inhalte der Homepages werden einmal im Monat von einem Redaktionsteam zusammengestellt, zu dem neben BGFG-Mitarbeitern und Quartiersbewohnern auch Vertreter von sozialen Einrichtungen, Schulen und Projekten gehören. Letztere nutzen dieses neue Medium bislang für eigene Beiträge allerdings noch sehr spärlich.
Neben Veranstaltungshinweisen und Informationen über Aktivitäten im Quartier bieten die Seiten den Mitgliedern die Möglichkeit, geschlossene Gruppen zu bilden. So kommuniziert in Niendorf eine Gartengruppe, die sich über die Quartiershomepage gefunden hat, per E-Mail und nutzt die Veranstaltungshinweise. Auf einer Fotoseite werden Veranstaltungen und Feste dokumentiert. Hier können Mitglieder auch eigene Fotos posten.
Anders als erwartet, werden Kommentarfunktionen, Foren sowie Kontakt-und Tauschbörsen kaum genutzt. Auch zeigt sich, dass diese Rubriken einen besonderen Arbeitsaufwand erfordern und sorgfältig kontrolliert werden müssen, damit Beiträge mit obskuren Inhalten sofort gelöscht werden können.
Die Seiten laden ausdrücklich zum Mitmachen ein, sowohl bei der Redaktion als auch mit eigenen redaktionellen Beiträgen. Die Möglichkeiten, solche Beiträge zu redigieren, was in der Regel notwendig ist, oder Bilder und Filme nachträglich zu bearbeiten, sind aus Kostengründen allerdings begrenzt. Andererseits dürfen solche Beiträge auch nicht zu perfekt sein, da die Bewohner sich hier wiederfinden sollen. Eine Gratwanderung, die Fingerspitzengefühl erfordert. Notwendig, so die Erfahrung, ist eine klare Leitung der Redaktion. Die Projektleiterin Vicky Gumprecht hat die Redaktionsleitung und trägt die Presseverantwortung.
Für den Betrieb der ersten Quartiershomepage für das Osterbrookviertel (www.elbschloss-an-der-bille.de) erhielt die BGFG öffentliche Fördermittel. Heute liegt der Aufwand für die Betreuung der beiden Homepages bei etwa 15 bis 20 Arbeitsstunden im Monat. Die Zugriffe auf die Homepages erhöhen sich regelmäßig nach größeren Veranstaltungen. Ansonsten liegen sie stabil im zweistelligen Bereich. Auch wenn die BGFG sich mehr Zugriffe wünscht, ist sie doch zufrieden und betrachtet die Quartiershomepages als geeignetes Mittel für den Einstieg in die Kommunikation mit jüngeren Leuten, denen das Internet vertraut ist. Noch stecken die Quartiershomepages in ihren Kinderschuhen, doch sie sind in jeder Hinsicht ausbaufähig.

Die Homepage des Osterbrookviertels
Die Quartiershomepage im Osterbrookviertel wurde bereits 2009 eingerichtet. Das Osterbrookviertel, einst ein isoliertes, von Gewerbe umgebenes Quartier mit Nachkriegsarchitektur, wurde von der BGFG durch innovative Neubauten am Wasser und eine nachhaltige Quartiersentwicklung aufgewertet und mit einer neuen Identität versehen. Neuer kultureller Mittelpunkt des Viertels ist das als Mehrgenerationenhaus gegründete heutige Nachbarschaftszentrum, „Elbschloss an der Bille“, das der Homepage ihren Namen gegeben hat. Seit 2007 wird das Elbschloss unter der Leitung der BGFG von einer Kooperation von Stadtteilakteuren und vielen Ehrenamtlichen getragen. Bei diesem mittlerweile mehrfach ausgezeichneten Projekt des ExWoSt (Experimenteller Wohnungs- und Städtebau des Bundes) war die Einbindung der Bewohner von Beginn an starkes Merkmal. Das sollte auch nach außen deutlich werden. Da das Haus von Anfang an, das gilt bis heute, nicht nur den Mitgliedern der Genossenschaft, sondern allen Quartiersbewohnern offenstand, musste ein Weg gefunden werden, auch diese medial zu erreichen. Die Mitgliederzeitschrift und Aushänge im Treppenhaus reichten nicht aus. Doch wie bringt man ein so vielschichtiges Projekt in die Öffentlichkeit und begeistert zugleich die Bewohner des Viertels zum Mitmachen? Ein eigener Auftritt im Internet war die schlüssige Antwort. Und das Projekt hat Erfolg: Bewohner beteiligen sich, Akteure im Haupt- und Nebenamt begegnen sich in den Redaktionssitzungen – auf Augenhöhe, denn auch die Institutionen werden mit der Unterstützung von Freiwilligen repräsentiert.
Homepage Niendorfer Nachbarn
Im Herbst 2012 ging eine zweite Quartiershomepage im Stadtteil Niendorf ans Netz. Zuvor war die Idee auf einer gut besuchten Informationsveranstaltung vorgestellt worden. Aufgrund der Erfahrungen, die man mit der Homepage im Osterbrookviertel gemacht hatte, wurde das ursprünglich große Angebot an Rubriken hier reduziert – auch wenn die beiden Stadtteile in ihrer sozialen Struktur nur schwer miteinander zu vergleichen sind.
Rund 30 Teilnehmer, darunter Vertreter von Institutionen ebenso wie Stadtteilbewohner, ließen sich Aussehen und Struktur der Seite sowie die „Arbeitsbedingungen“ des Projektes erklären. Besonderheit: Die Teilnehmer der Veranstaltung konnten sich in die Gestaltung der Webseite einbringen. Im Stadtteil Niendorf waren bereits vor Einrichtung der Quartiershomepage viele Ehrenamtliche aktiv. Schnell fanden sich 12 „Homepager“, die mittun wollten. Auch hier sitzen haupt- und ehrenamtliche Kräfte gemeinsam am Tisch.
Die Redaktionsrunde wirft alle Vorschläge in einen Topf. Je konkreter, desto besser. Dazu zählen Informationen über die Rückkehr der Krähen ebenso wie die Sommerpause der Elternberatung. Wolfgang Schwarz, 80 Jahre alt und Bewohner der ersten Stunde im Niendorfer Wohnquartier der BGFG, schreibt regelmäßig Beiträge und findet, dass es gut funktioniere mit der Quartiershomepage. Sie seien zwar keine Profis in der Redaktion, aber die Treffen verliefen gut: „Wir trinken nicht nur Kaffee, wir versuchen, die Sache voranzubringen.“ Er hofft, dass auch die jüngeren Leute, die nach und nach in das Quartier ziehen, sich die Homepage anschauen.

Litfaßsäule oder News?
Die Quartiershomepage hat nun bei der BGFG als eines von mehreren Instrumenten der Kommunikation einen festen Platz. Sie ist zeitgemäß, aber der Erfolg ist abhängig von den Personen, die sich einbringen, von den aktuellen Themen und den Gegebenheiten vor Ort. Wie zuvor bei der Entwicklung der Nachbarschaftstreffs fragten sich die Mitarbeiter der BGFG, was die Menschen vor Ort benötigen.
Dazu Vorstandsmitglied Ingo ­Theel: „In diesem Fall lautete die Frage zugespitzt: Litfaßsäule oder News im Internet? Wir möchten Menschen unterstützen, in ihrer Nachbarschaft zusammenzukommen und gemeinsam etwas zu bewegen. Die Quartiershomepage steht zwar im Netz. Aber sie bringt Menschen in der Redaktion zusammen und berichtet über Ereignisse aus der Nachbarschaft. Nicht bei Facebook, sondern Face to Face.”

Vicky Gumbrecht, Leitung Sozialmanagement BGFG, Hamburg

Bärbel Wegener, freie Journalistin, Hamburg

Schlagworte zum Thema:  Kommunikation, Marketing

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