20.09.2013 | Top-Thema Jubiläum: 65 Jahre DW Die Wohnungswirtschaft

Zukunft des Wohnens: So leben wir im Jahr 2030!

Kapitel
Mit dem Vasco-da-Gama-Platz ist in der Hafencity auf dem Warftsockel des Dalmannkais auch ein Quartiersplatz entstanden. Eine Treppe verbindet ihn mit der tiefer gelegenen Dalmannkaipromenade direkt am Wasser
Bild: Foto: ELBE&FLUT; Quelle: HafenCity Hamburg GmbH Photo: ELBE&FLUT; Source: HafenCity Hamburg GmbH

Wie wird sich unsere Welt bis 2030 verändert haben? Und wie werden wir dann wohnen? In zehn Thesen erläutert Prof. Dr. Opaschowski, was er beobachtet hat und zieht daraus seine Schlussfolgerungen. Der Autor des Buches „Deutschland 2030” erläutert, welche neuen Aufgaben, Lebensweisen und damit Funktionen auf die Wohnungswirtschaft zukommen.

Zukunftsthese 1 – Die Zukunft ist urban: neue Lust auf Stadt
Die Weltbevölkerung wandert und wächst, Deutschlands Bevölkerung hingegen altert und schrumpft. Jahr für Jahr verliert das Land drei- bis vierhunderttausend junge Menschen. Auf die Städte in Deutschland kommt eine schwierige Gratwanderung zwischen Schrumpfung und Wachstum zu. Weltweit zieht es immer mehr Menschen in die Stadt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Städten. 2030 werden wir eine urbane Weltbevölkerung von etwa 60 % haben, was einer Verdoppelung seit den fünfziger Jahren entspricht. Die meisten Bewohner werden dann Städter sein. Die Menschen träumen vom guten schönen Leben in der Stadt. Die Zeit des urbanen Pessimismus ist vorbei: Die Zukunft findet Stadt!

Zukunftsthese 2 – Die Menschen wandern zum Wohlstand: Pendler kehren in die Stadt zurück
Erfahrungsgemäß zieht es die Menschen dorthin, wo es Arbeit und Wohlstand gibt. Die „besten Köpfe“, also junge und gut ausgebildete Menschen, lösen starke Binnenwanderungen aus und verschärfen die Ungleichgewichte zwischen den Regionen. Viele Bürger haben in den letzten Jahren die Stadt als Pendler verlassen – und kehren als Stadtbewohner wieder zurück. In den Zukunftsvorstellungen der Bevölkerung kommen Lebensqualitätswünsche zum Ausdruck, die mit den Attributen „zentral“/„nah“/„kurz“ auf eine Abkehr von der Pendlergesellschaft hinweisen. Wer es sich leisten kann, wohnt citynah – und spart Zeit.

Zukunftsthese 3 – Kleine Haushalte – große Flächen: Wohnwünsche wandeln sich
Single- und Seniorenhaushalte breiten sich in den Städten aus. Selbst an den Stadträndern werden Einfamilienhäuser zu Einpersonenhäusern. Zugleich wandeln sich die Wohnwünsche: Die Wohnflächen wachsen weiter, d. h. die Haushalte werden kleiner, aber die Wohnfläche pro Person größer. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach Eigenheimen erheblich, weil es weniger junge Familien gibt. Die Wohneigentumsbildung verlagert sich auf den Geschosswohnungsbau in den Städten und im städtischen Umland.

Zukunftsthese 4 – Das Eigentumsdenken verändert sich: Städter mieten Lebensstile
Der kinderlose Städter der Zukunft verkauft sein Einfamilienhaus und zieht als Mieter in ein Haus mit Balkon oder Dachterrasse. Weil sich das Eigentumsdenken verändert, wird das Wohnerleben neu definiert: Wohnen wie im eigenen Haus – aber sich nicht wie ein Eigentümer um alles kümmern müssen. Im Unterschied zu den traditionellen Mietern, die sich zwar ein eigenes Haus wünschen, es sich aber nicht leisten können, breitet sich eine nach oben mobile Gruppe aus, die Miete statt Eigentum wählt. Die Menschen mieten und kaufen Lebensstile und nicht nur Wohnhäuser. Die Zeitfenster für Immobilienverkäufe werden enger und die Chancen für einen Rückgang der Leerstandsraten immer geringer.
Auf den Punkt gebracht: sinkende Geburtenraten = fallende Immobilienpreise.

Zukunftsthese 5 – Die soziale Polarisierung wächst: Städtische Unterschichten sorgen für Konflikte
In Zukunft wird die Kluft zwischen Arm und Reich weiter zunehmen und damit auch die Polarisierungstendenz. Gering Qualifizierte bleiben weitgehend arbeits- und chancenlos mit einer hie-rarchisierten Spirale nach unten. Erst kommen die Deutschen, dann die EU-Bürger, danach die Spätaussiedler und ganz zuletzt die Migranten aus anderen Kulturen.
Die soziale Polarisierung in den Städten verstärkt sich, weil sich dort die „5A“ (Arme, Alte, Arbeitslose, Ausländer und Alleinstehende) konzentrieren. Für die Zukunft ist zu befürchten, dass sich Parallelwelten bilden.


Zukunftsthese 6 – ServiceWohnen im Trend: Wohnungsunternehmen werden zu sozialen Dienstleistern
Im Jahr 2030 wird die Mehrheit der über 60-Jährigen nicht verheiratet, sondern ledig, verwitwet oder geschieden sein. Die meisten leben in Einpersonenhaushalten und sind dann, wenn sie kinder- und enkellos bleiben, auf den Auf- und Ausbau einer sozialen Infrastruktur von Hilfeleistungen angewiesen (siehe DW 7/2013, S. 13).
Wohnungsunternehmen bieten in Zukunft auch ein Quartiersmanagement an, das vor allem soziale Dienste für die wachsende Zahl alter, hochaltriger und langlebiger Menschen leistet. Das Wohnungsmanagement wird zum sozialen Kitt. Dem ServiceWohnen mit Dienstleistungen gehört die Zukunft.

Zukunftsthese 7 – Comeback der guten Nachbarn: Nachbarschaftshilfen werden wichtiger
Je mehr Nachbarn sich mit Vornamen kennen, desto sicherer ist die Wohngegend. Sicherheit und soziales Klima hängen entscheidend von der Vertrautheit unter den Nachbarn ab. Institutionelle Hilfeleistungen durch Behörden, Vereine und Verbände haben im Alltagsleben der Bevölkerung eine viel geringere Bedeutung als die spontane Hilfsbereitschaft in den eigenen vier Wänden, vor der Haustür oder um die Ecke. Die Hilfeleistungsgesellschaft (kostet Zeit) ergänzt die Dienstleistungsgesellschaft (kostet Geld).

Zukunftsthese 8 – Generationen unter einem Dach: Wohnen mit Wahlfamilien
Wie in früheren Jahrhunderten lebt der Gedanke des „ganzen Hauses“ wieder auf. Neue Wohnkonzepte geben 2030 konkrete Antworten auf die Folgen einer Gesellschaft des langen Lebens. Dabei geht es auch um Alternativen zu den traditionellen Altersheimen.
Gefragt sind vor allem generationsübergreifende Wohnkonzepte, Baugemeinschaften und neue Wohngenossenschaften. Enkel-, Kinder- und Familienlose werden wie durch Adoption in Wahlfamilien und -verwandtschaften von Hausgemeinschaften aufgenommen. 2030 werden mehr als drei Viertel aller 90-Jährigen noch in eigenen Wohnungen leben.

Zukunftsthese 9 – Altwerden mit Familie und Freunden: Alternativen zur Einweisung ins Heim
Mit der Zunahme der Lebenserwartung muss jede(r) viele und vielfältige Lebensphasen (und damit Wohnformen) durchlaufen. Lebensgemeinschaft wird neu definiert: „Soziale Konvois“ (Freunde/Nachbarn) werden als lebenslange Begleiter immer wichtiger. In Zukunft ist eher bescheideneres Wohnen mit sozialer Lebensqualität als komfortableres Wohnen mit räumlicher Isolation gefragt. Und es heißt auch: mehr Selbstständigkeit und mehr Wohnen mit Nestwärme. „Schafft die Altersheime ab!” oder „So wenig Heime wie möglich” – das ist auch für Deutschland eine realistische und keine utopische Zukunftsforderung.

Zukunftsthese 10 – Perspektive 2030: Lebenswert wohnen – lebenslang beschäftigt bleiben
Nicht Ufos, Lufttaxis oder rollende Bürgersteige werden das Gesicht der Wohnwelt von morgen prägen, sondern Singles, Senioren und junge Familien, Baugemeinschaften und Mehrgenerationenhäuser, Helferbörsen in jedem Stadtteil sowie Nachbarschaftstreffs in jedem Wohnquartier. Die radikale Trennung von Arbeiten, Wohnen und Erholen wird tendenziell wieder aufgehoben. Tante-Emma-Läden kehren in die Wohnquartiere zurück, weil sich das Einkaufsverhalten in der älter werdenden Gesellschaft verändert und die Menschen mehr in Wohnungsnähe als auf der grünen Wiese einkaufen wollen.
Wohnen auf dem Land und in außerstädtischen Randlagen wird es zwar auch in Zukunft geben. Die Versorgung dieser Land- und Stadtrandbewohner muss dann aber mehr durch Rufbusse, rollende Bibliotheken und mobile ärztliche Versorgung gewährleistet werden. Und weil es weniger Großfamilien gibt, sind auch weniger Großmärkte und Großeinkäufe erforderlich. Supermärkte und SB-Warenhäuser auf der grünen Wiese werden zunehmend von wohnungsnahen Nachbarschaftsshops verdrängt, die dann alles in einem sind: Bäcker und Lebensmittelladen, Zeitungskiosk und Postamt.
Quartiermanager bieten Concierge- und Doorman-, Einkaufs- und Begleitdienste an. Und für Baugemeinschaften gibt es Gästezimmer, Gemeinschaftsräume und Innenhöfe, die alle nutzen können. Viele Menschen werden lebenslang beschäftigt sein wollen und müssen, aber auch Hilfeleistungen auf Gegenseitigkeit anbieten und beanspruchen. Weil sie immer älter werden, wird es – wider Erwarten – keinen Boom von Altersheimen geben. Denn die Menschen helfen sich wieder mehr selbst durch familiäre und nachbarschaftliche Unterstützung.

Prof. Dr. Horst W. Opaschowski

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