20.09.2013 | Top-Thema Jubiläum: 65 Jahre DW Die Wohnungswirtschaft

Von planerischen Utopien zur gebauten Realität: Wohnungs- und Städtebau in der Nachkriegszeit

Kapitel
Blick auf das vom finnischen Architekten Alvar Aalto entworfene Wohnhaus im Hansaviertel, Internationale Bauausstellung Berlin 1957
Bild: Archiv GTA/TU Darmstadt

Angesichts des Ausmaßes der Kriegszerstörungen dachten in der Nachkriegszeit Planer und Stadtväter vielerorts an „neue“ Städte und bauliche Strukturen für die „neue“ Gesellschaft. Die Realität des Wiederaufbaus der Städte war dann meist weniger radikal, die Leitbilder und Visionen prägen die Stadt- und Wohnquartiere aber bis heute. Der Architekturtheoretiker und -historiker Werner Durth beschreibt diese erste Phase der städtebaulichen Entwicklung.

„Was blieb, nachdem Bombenangriffe und Endkampf eine mechanische Auflockerung vollzogen, gibt uns die Möglichkeit, eine Stadtlandschaft zu gestalten. Die Stadtlandschaft ist für den Städtebauer ein Gestaltungsprinzip, um der Großsiedlungen Herr zu werden. Durch sie ist es möglich, Unüberschaubares, Maßstabloses in übersehbare und maßvolle Teile aufzugliedern und diese Teile so zueinander zu ordnen, wie Wald, Wiese, Berg und See in einer schönen Landschaft zusammenwirken. So also, dass das Maß dem Sinn und dem Wert der Teile entspricht und so, dass aus Natur und Gebäuden, aus Niedrigem und Hohem, Engem und Weitem eine neue lebendige Ordnung wird.“
Mit diesen Worten eröffnete am 22. August 1946 der Architekt Hans Scharoun, seit Mai 1945 im Magistrat von Gesamt-Berlin als Stadtbaurat mit Planungen zum Aufbau der Stadt beauftragt, im Weißen Saal des Stadtschlosses eine Ausstellung zur Zukunft der ehemaligen Reichshauptstadt, die nach dem Ende des Weltkriegs einem Trümmerfeld glich. Jetzt sollte die Zerstörung als Chance genutzt und jener Traum Wirklichkeit werden, der seit der Jahrhundertwende die Reformbewegungen im Städtebau beflügelt hatte: die Verwandlung der Großstadt in einen bewohnten Garten, in dem verschiedene Haus- und Wohnungstypen den unterschiedlichen Bedürfnissen der Bewohner entsprechen sollten, nun ausgestattet mit Reihenhäusern, Teppichsiedlungen und Hochhausscheiben im Grünen, wie die ersten Skizzen 1946 anschaulich zeigen. Diese Vision stand in hellem Kontrast zur steinernen Stadt der Mietskasernen und Korridorstraßen, in denen vor Kurzem erst zehntausende von Menschen erstickt, verbrannt, von herabstürzenden Wänden erschlagen worden waren.

Neue Städte aus Ruinen: Licht, Luft und Sonne
In Kontrast zum Grauen ringsum entstanden Bilder der Hoffnung, entworfen gegen die Not und die Angst der Gegenwart, Träume in Trümmern, fernab der Wirklichkeit des Jahres 1946. Die alte Stadt schien unwiederbringlich verloren, nun sollte an ihrer Stelle eine gänzlich neue entstehen, in Versöhnung mit der Natur, als Bedingung der Möglichkeit eines besseren Lebens künftiger Generationen. Während Hans Scharoun in seinem Planungskollektiv mit Billigung der Alliierten in Berlin über die Sektorengrenzen hinweg den Aufbau der Stadt als Bandstadt im Netz neuer Schnellstraßen und mit grüner Mitte im Urstromtal der Spree entwarf, planten in Hamburg deutsche Architekten im Auftrag der britischen Besatzungsmacht schlanke Wohnhochhäuser in Stahlkonstruktion über den Trümmern eines ehemals dicht bebauten Wohnquartiers: Die Grindel-Hochhäuser sind bis heute als frühe Zeichen der Nachkriegsmoderne mit hoher Wohnqualität erhalten.
In der französischen Besatzungszone waren es Kollegen aus Frankreich, die für Städte des Saarlands und die künftige Landeshauptstadt Mainz nach dem Vorbild der von Le Corbusier entworfenen, ab 1947 in Marseille errichteten Unité d’ Habitation Hochhochscheiben in weiten Parklandschaften vorsahen. Zur Werbung für ihre Entwürfe konfrontierte die Section du Plan in Mainz auf großen Ausstellungstafeln kontrastreich Bilder einer lichten Zukunft mit denen einer dunklen Vergangenheit.
Angelegt über den Trümmern der alten Stadt, war das neue Mainz in einem strengen Raster von Hochhäusern durchgearbeitet bis in Details der Wohnungsgrundrisse und ihrer Möblierung, doch wurden die Pläne bald zu den Akten gelegt, da statt solcher Visionen die drängenden Aufgaben der Behausung und Versorgung für Massen von Obdachlosen, Evakuierten, Flüchtlingen und Vertriebenen zu verwirklichen waren.
Die Schätzungen zur Zahl der Opfer des Luftkriegs reichen bis zu einer halben Million; mehr als 130 Städte waren mindestens einmal Ziel eines Großangriffs geworden. Millionen von Menschen waren aus den bedrohten Städten ins Umland geflohen oder in ländlichen Gebieten angesiedelt worden, die Zahl der bei Kriegsende evakuierten Menschen wird auf 4 bis 5 Mio. geschätzt, denen die Rückkehr in die Städte jedoch auch nach dem Ende der Kämpfe noch nicht möglich war, wie ein Blick auf das Ausmaß der Zerstörungen verdeutlicht.


Wohnungsbedarf: neue Quartiere in der Stadtlandschaft
In den vier Besatzungszonen gab es rund 16 Mio. Wohnungen, von denen im Sommer 1945 etwa 2,5 Mio. total zerstört und 4 Mio. in unterschiedlichem Grad beschädigt waren. Trotz des allgegenwärtigen Elends in den Städten versuchten viele der vor den Bomben Geflohenen bald wieder in ihren alten Stadtteilen Obdach zu finden, richteten sich notdürftig in Kellern und Ruinen, verlassenen Schulen und Kasernen ein.5 Unter dem Druck reglementierter Wohnungsvergabe durch Besatzungsbehören und Kommunalverwaltungen rückten in den noch bewohnbaren Häusern die Menschen so dicht zusammen, dass vielerorts mehrere Familien eine Wohnung teilen oder zuvor unbenutzte Dachböden belegen mussten; Baumaterialien wurden durch Plünderungen oder über den Schwarzmarkt „organisiert“. Ein Ende der chaotischen Verhältnisse begann sich erst 1947 nach Verkündung des Marshallplans mit dem Einsatz von 17 Mrd. $ für den Wiederaufbau in Europa abzuzeichnen; im Juni 1948 folgte mit der Einführung der D-Mark eine Währungsreform, die nun auch der Bauwirtschaft wieder eine stabile Grundlage gab. Während weite Teile der Städte noch in Trümmern lagen, konnten doch in bürgerschaftlich organisierten Aufbaugemeinschaften auf genossenschaftlicher Basis erste Modellvorhaben wie das Wohnviertel rund um die Kreuzkirche in Hannover geplant werden. Mit der Gründung der Bundesrepublik im Mai 1949 und dem Inkrafttreten des Grundgesetzes waren auch die Eigentumsverhältnisse und der rechtliche Rahmen des Bauwesens gesichert, das durch das Erste Wohnungsbaugesetz vom 24. April 1950 die sozialpolitischen Impulse zur Beschleunigung des Wiederaufbaus mit breiter Wirkung in den Städten und Gemeinden erhielt.

Auch wenn durch die neuen Regulative die Konzepte parzellenübergreifender Planung zwecks radikaler Modernisierung der Stadtstrukturen über die bisherigen Eigentumsgrenzen hinweg nun großenteils obsolet erschienen, blieb doch das Konzept der Stadtlandschaft im Leitbild der durch Grünzüge gegliederten, baulich aufgelockerten Stadt weiterhin gültig, war weithin Konsens unter den Architekten im Wiederaufbau. Zur Verbreitung dieses Leitbilds trug wesentlich auch die ab 1946 wieder vielfältig aufblühende Fachliteratur bei, maßgeblich etwa das 1948 als erstes Lehrbuch zum Städtebau der Nachkriegszeit erschienene Standardwerk Organische Stadtbaukunst. Von der Großstadt zur Stadtlandschaft6, verfasst von Hans Bernhard Reichow, nach dessen Entwurf zur Gartenstadt Hohnerkamp in Hamburg ein oft publiziertes Beispiel „organischer“ Baukunst verwirklicht wurde. Mit der Planung der Limesstadt im Taunus und der Neugründung der Sennestadt bei Bielefeld wird Reichow in den 1950er Jahren noch in erweitertem Maßstab programmatisch Zeichen landschaftsgeprägter Stadtplanung setzen.
Geschwungene Straßen und Wege durchs Grüne, unregelmäßig gefaltete Wände mit großen Fenstern und weiten Dachüberständen im fließenden Raum der Landschaft – all diese für die 1950er Jahre typischen Gestaltungselemente markierten deutlich die Abkehr vom „bodenständigen“ Bauen im Nationalsozialismus, unter Verzicht auf jeden Anschein von Achsialität, Symmetrie und Monumentalität. Vom Städtebau bis in die zeittypische Möblierung mit Nierentisch und Tütenlampe lässt sich der Kult des Organischen als Symptom ästhetischer Entnazifizierung der Architektur in den 1950er Jahren in allen Maßstabsebenen finden. Damit grenzte sich die Bau- und Wohnkultur der jungen Bundesrepublik demonstrativ sowohl von den im Nationalsozialismus als auch von denen in der stalinistischen Architektur gängigen Gestaltungsmustern ab, die sich ab 1950 nach Weisung aus Moskau in der ebenfalls 1949 gegründeten DDR auszubreiten begann.


Städtebauliche und wohnungspolitische Leitlinien in West und Ost
Die Teilung Deutschlands in zwei Staaten zog eine tief greifende Spaltung der Baukultur nach sich, da im Westen demonstrativ an das Neue Bauen der 1920er Jahre angeknüpft und Tendenzen der internationalen Moderne aufgenommen wurden, die in den Kriegs- und Nachkriegsjahren maßgeblich von deutschen Emigranten im Ausland beeinflusst worden waren. Im Osten dagegen wurden nach Stalins Weisung unter der Kulturdoktrin des Sozialistischen Realismus regionale und traditionale Bautraditionen neu belebt und in monumentalen Gebäuden propagandistisch gegen die Konzepte einer moderaten Moderne im Westen zur Geltung gebracht. Statt bescheidener Siedlungsbauten sollten nach Moskauer Vorbild „Wohnpaläste für das Volk“ in großen Ensembles die Zentren der Städte prägen und dabei in historischem Stilkleid die Kontinuität der Tradition deutscher Stadtkultur über die Brüche der Moderne und des Weltkriegs hinweg repräsentieren. Nach dem Wettbewerb zur Gestaltung der Berliner Stalinallee mit ihren Anklängen an die Architektur des Klassizismus galt dieses Projekt als Vorbild für andere Städte der DDR, die aber jeweils mit eigenem Traditionsbezug auftraten. In Dresden wurden die Wohnbauten am neuen Altmarkt im Stil des sächsischen Barock entworfen, in Rostock und anderen Orten im Norden prägte die Backsteingotik den Wiederaufbau.
Im Gegensatz zu solcher Politik stadtbildprägender Großprojekte standen in der Bundesrepublik von Anbeginn Maßnahmen flächendeckender Wohnungsversorgung im Vordergrund. 1949 konnten bereits 215.000 Wohnungen fertig gestellt werden, 1950 waren es 360.000 mit einem Kostenvolumen von rund 3,5 Mrd. DM, davon 1,7 Mrd. DM öffentliche Mittel. Das Erste Wohnungsbaugesetz war 1950 mit dem Ziel verbunden, innerhalb von sechs Jahren 1,8 Mio. Wohnungen als Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern und Gemeinden im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus zu schaffen. Zudem war die Förderung der Eigentumsbildung durch den Bau von Eigenheimen ein weiterer Schwerpunkt der Regierung Adenauer, wie der Bundeskanzler erklärte: „Die Schaffung von Eigenheimen muss als sozial wertvollster und am meisten förderungswürdiger Zweck staatlicher Wohnungsbau- und Familienpolitik anerkannt werden.“ Doch er fügte hinzu: „Das Eigenheim soll und darf kein Reservat kleiner Schichten sein; im Gegenteil soll gerade der Besitzlose durch Sparen, Selbsthilfe und öffentliche Förderungsmittel zum Eigenheim gelangen.“ 1951 stieg die Zahl neu erbauter Wohnungen auf 410.000, 1952 auf 443.000 an, wobei die Planung neuer Siedlungsgebiete im Sinne der wieder gestärkten kommunalen Autonomie den Gemeinden vor Ort überlassen blieb. In jenem September 1951, in dem das Preisgericht in Berlin über den Bau der Stalinallee entschied, tagte in Frankfurt am Main der Bewertungsausschuss zu einem Wettbewerb, zu dem in 15 Städten insgesamt 725 Entwürfe eingereicht worden waren. Um die finanziellen Mitteln aus dem Marshallplan gezielt in die Bautätigkeiten einbringen zu können, war im Sommer 1951 im Rahmen des European Recovery Program (ERP) ein Sonderprogramm für Flüchtlingswohnungen eingerichtet und ein bundesweiter Wettbewerb ausgeschrieben worden. Gemeinsam mit der Economic Operation Adminstration/Sonderkommission für Deutschland (ECA) hatte das Bundesministerium für Wohnungsbau „alle Kräfte des deutschen Bauwesens in der Bundesrepublik und in West-Berlin aufgefordert, in gemeinsamer Arbeit Pläne mit Kostenangeboten einzureichen, die geeignet sind, die Entwicklung im sozialen Wohnungsbau beispielhaft zu fördern.“ Dafür standen 37,5 Mio. DM an ERP-Geldern zur Verfügung, mit denen die Baukosten für rund 3.300 Wohnungen in 15 Städten finanziert werden sollten, auch, um durch dieses breit angelegte Versuchs- und Vergleichsbauvorhaben der Bauwirtschaft neue Impulse zu geben, wie auch in der 1952 unter dem Titel Neuer Wohnbau erschienen Dokumentation des Wettbewerbs ausdrücklich betont wurde.

Bauausstellungen
Zur gleichen Zeit präsentierte im Sommer 1951 die Bauausstellung Constructa am Beispiel des Wiederaufbaus der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover im Kontext internationaler Entwicklungslinien eine erste Zwischenbilanz des neuen Wohnungs- und Städtebaus der Bundesrepublik, die zugleich Anlass gab zum Rückblick auf die jüngste Vergangenheit und die Rolle von Architekten im „Dritten Reich“.Mit geschwungener Wegeführung und locker gruppierten Bildtafeln nahm das Arrangement der Ausstellung in der neu errichteten Messehalle die Gestaltungsprinzipien moderner Stadtplanung auf, für die bereits am Eingang durch eine Schautafel zum Konzept der Stadtlandschaft einprägsam geworben wurde. Während somit die ersten Erfolge des Wiederaufbaus in der Bundesrepublik einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht und als Impulse zur Intensivierung der Bautätigkeit im Westen Deutschlands wirksam wurde, konzipierte die Regierung der DDR ein Nationales Aufbauprogramm, durch das ab 1952 unter dem trotzigen Motto „Schöner denn je!“ die Zentren der Städte neue Akzente erhalten sollten. Tatsächlich wurde ab 1951 durch die bildstarke Präsentation künftiger Bauten die Architektur zum Medium der Propaganda stalinistischer Politik, wobei nicht nur die Pläne, sondern erst recht die ersten Realisierungen als bemerkenswerte Aufbauleistungen auch im westlichen Ausland Anerkennung fanden.
Mit der wachsenden internationalen Aufmerksamkeit für den Städtebau in der DDR wuchs im Zuge des Kalten Kriegs unter dem Druck der Systemkonkurrenz bald auch der politische Handlungsbedarf im Westen Berlins, da nach dem Scheitern der sektorenübergreifenden Planung des Teams um Hans Scharoun die Bautätigkeit in den westlichen Sektoren der Stadt weit hinter der Dynamik in westdeutschen Großstädten zurückblieb. Um gegenüber der Stalinallee einprägsame Gegenbilder im Sinne der offenen Stadtlandschaft anbieten und gebaute Gestalt werden zu lassen, wurde 1954 nach einem vorbereiteten Wettbewerb zur Neugestaltung des zerstörten Hansaviertels am Tiergarten eine Internationale Bauausstellung 1956 GmbH gegründet, die 1957 nach einigen Verzögerungen ein weltweit beachtetes Ergebnis vorstellen konnte.
Mit einem breiten Angebot unterschiedlicher Haustypen, Wohnungsgrundrisse und Mustermöblierungen der fertig gestellten Häuser in der offenen Parklandschaft des erweiterten Tiergartens wurde die kurz Interbau Berlin genannte Ausstellung ein internationales Ereignis, zumal prominente Architekten wie Alvar Aalto, Le Corbusier, Oskar Niemeyer oder Pierre Vago neueste Tendenzen im Wohnungsbau auf höchstem ästhetischem Niveau im internationalen Vergleich präsentierten. Ein Publikumsmagnet im Rahmen der Interbau war zudem die Sonderausstellung „die stadt von morgen”, die unter einem luftigen Raumgitter mit Textilbespannung im Tiergarten die Leitsätze für künftige Stadtplanung und dazu das großformatige Schaubild einer idealen Stadtlandschaft präsentierte. Diese Präsentation der „stadt von morgen” markierte indes den Höhe- und Endpunkt einer Phase der Nachkriegsmoderne, die bald von neuen Leitbildern der Stadtplanung und Wohnkultur abgelöst werden sollte.
Schon in der Ausstellung selbst waren Argumente gegen das offiziell propagierte Wechselspiel zwischen Verstädterung der Landschaft und Verlandschaftlichung der Stadt vernehmbar. In der von dem Gartenarchitekten Walter Rossow, zugleich Vorsitzender des Deutschen Werkbund Berlin, gestalteten Sektion Stadt und Natur wurde die Zersiedlung der Landschaft und ihre Zerstörung infolge der Industrialisierung scharf kritisiert; eine Fototafel zeigte beispielhaft eine vom Braunkohletagebau hinterlassene Verwüstung. Noch im September 1957 diskutierte der Deutsche Werkbund bei seinem Treffen in Berlin das Konzept einer Tagung unter dem Titel Die große Landzerstörung mit der Warnung: „Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird es keine unberührte Landschaft mehr geben, keinen unregulierten Fluß, keine reine Luft, kein ungefiltertes Wasser und keine Stille.“
Nach langer Vorbereitung fand diese Tagung des Werkbunds 1959 mit großer Resonanz in Presse und Rundfunk in der westfälischen Stadt Marl statt. Damit war die öffentliche Debatte über eine Neuorientierung im Wohnungs- und Städtebau eröffnet, die im Sommer 1960 durch die Hauptversammlung des Deutschen Städtetags in Augsburg noch weiter befeuert wurde. Dort hielt der in Basel lehrende Sozialwissenschaftlicher Edgar Salin vor den maßgeblichen Entscheidungsträgern der Kommunalpolitik eine richtungweisende Eröffnungsrede unter dem schlichten Titel Urbanität. Salin würdigte die Leistungen im Wiederaufbau, doch kritisierte er die einseitige Ausrichtung an quantitativen Maximen des Wohnungsbaus und funktioneller Stadtplanung, durch die Fragen der kulturellen Entwicklung der Städte sträflich vernachlässigt worden seien. Noch vor der Zerstörung der Städte im Weltkrieg sei die über Jahrzehnte gewachsene Stadtkultur namens Urbanität im Terror des Nationalsozialismus untergegangen, dennoch müsse sie angesichts der Ergebnisse des Wiederaufbaus dringend in Erinnerung gebracht werden. Die gewaltsam zerstörte Urbanität, wie sie sich bis 1933 in Städten wie Nürnberg, Hamburg oder Frankfurt am Main entfaltet hatte, sei nicht wiederherzustellen, vor allem nicht durch Bauen zurückzugewinnen. Nur Schritt für Schritt könne eine neue Stadtkultur auf lange Sicht vorbereitet werden, durch das tätige Miteinander der Bürger und ihre Mitwirkung an den Entscheidungen zur Zukunft der Städte.

Von der gegliederten und aufgelockerten zur verdichteten, urbanen Stadt
Salin zukunftweisender Schlüsselbegriff der Urbanität wurde in der öffentlichen Diskussion bald um seinen politisch emanzipatorischen Gehalt verkürzt und in der Forderung einer „Urbanität durch Dichte” missbraucht zur Legitimation baulich verdichteter Großsiedlungen, die nun in ständig wachsendem Maßstab im Umfeld der Städte aus dem Boden gestampft wurden. Als erstes Leitprojekt dieser neuen Phase der Nachkriegsmoderne gilt bis heute die ab 1957 von Ernst May mit Hans Bernhard Reichow und anderen Kollegen geplante Siedlung Neue Vahr bei Bremen. Zwischen München Perlach und Hamburg Steilshoop, zwischen Köln Chorweiler und dem Märkischen Viertel oder der Gropiusstadt in Berlin lassen sich zahlreiche Beispiele für diese Periode deutscher Stadtentwicklung finden, doch war diese Form des Städtewachstums nicht auf den Westen Deutschlands begrenzt. Infolge des Machtwechsels nach dem Tod Stalins hatte Nikita Chruschtschow im Dezember 1955 unter dem Motto „Besser, billiger, schneller bauen!“ eine radikale Industrialisierung des Bauwesens eingeleitet, die in den folgenden Jahren auch in der DDR zu einer rapiden Ausweitung der Plattenbauweise führte. So kam es in den 1960er Jahren nach langer Spaltung wieder zu einer Konvergenz der Baukulturen, in der eine rationalisierte Bauproduktion die gestalterische Vielfalt der noch großenteils handwerklich geprägten Architektur der Nachkriegsjahre in den Hintergrund drängte. Damit begann eine neue Phase deutscher Planungs- und Baugeschichte, der sich ein anderer Beitrag widmet.

Prof. Dr. Werner Durth, Fachbereich Architektur TU Darmstadt

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