20.09.2013 | Top-Thema Jubiläum: 65 Jahre DW Die Wohnungswirtschaft

Interview mit Klaus Leuchtmann: „Unsere heutigen Möglichkeiten sind so etwas wie Science-Fiction“

Kapitel
Aus den alten Pioniertagen: Hösel, Am Roland 20
Bild: EBZ

Klaus Leuchtmann ist seit zehn Jahren Vorstandsvorsitzender des EBZ – Europäisches Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft. Bildungsarbeit in der Immobilienwirtschaft macht er seit Anfang der 1990er Jahre. Anlässlich des DW-Geburtstags führten wir ein Gespräch über berufliche Bildung – damals und heute.

DW Die Wohnungswirtschaft feiert ihr 65. Jubiläum. Das EBZ wurde 1957 gegründet und kommt damit auch auf stolze 56 Jahre. Wie macht sich dieses Alter bemerkbar?
Wir sind reifer und vielleicht auch weitsichtiger geworden. Bildung und Personalentwicklung sind sehr langfristig angelegt. Und gegen Vergreisung haben wir ein ausgezeichnetes Mittel: 1.350 Berufsschülerinnen und -schüler, über 700 Studentinnen und Studenten, mehrere hundert Teilnehmer in verschiedenen Fortbildungen. Sie fordern uns, halten uns jung. Sie sind es wert, dass wir uns immer wieder in Frage stellen und neu erfinden.
Aber eins ist noch genauso wie in unseren Pioniertagen in Hösel, Am Roland 20, im Ausbildungswerk der Wohnungswirtschaft. Und: Die DW wird von den Verantwortlichen unseres Hauses immer noch aufmerksam gelesen, einzelne Artikel werden gerne im Unterricht eingesetzt. Wir haben eine lange gemeinsame Geschichte.


Damals wie heute war berufliche Bildung ein Thema, über das die Wohnungswirtschaft intensiv diskutierte. Große Teile Deutschlands lagen immer noch in Trümmern. Wie kam es zur Gründung des EBZ?
Es herrschte Aufbruchsstimmung, das Wirtschaftswunder stand vor der Tür. Im Wohnungsbau gab es unglaublich viel Bewegung, 1957 fand in Berlin die Internationale Bauausstellung statt mit Architekten wie Egon Eiermann, Max Taut oder Le Corbusier. Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg führte 1957 zu rund 500.000 neu gebauten Wohnungen (siehe S. 12 in dieser DW).
Dafür brauchten die Wohnungsunternehmen dringend qualifizierte kaufmännische Fachkräfte, aber einen eigenen Ausbildungsberuf für die Branche gab es nicht. Es war Prof. Dr. August Flender, Direktor des Verbandes Rheinischer Wohnungsunternehmen, der deshalb die Gründung des Ausbildungswerks der Wohnungswirtschaft in Ratingen/Hösel angestoßen hat. Und Dr. Hans-Joachim ­Haertler hat als erster Schulleiter den Grundstein für den nachhaltigen Erfolg gelegt. Damals wurde das Fundament gelegt, auf welches wir aufbauen und auf dem wir das EBZ von heute entwickeln konnten. Was wir heute machen, wie wir lehren und lernen, würden unsere Altvorderen vermutlich wie Science-Fiction erleben: die Hochschule, die internetbasierten Fernstudienangebote, die Führungskräfteentwicklungsprogramme, unsere Forschungsansätze.


Welche wichtigen Abschnitte in der Entwicklung – von den Pioniertagen bis zum heutigen Stand – können Sie festmachen?
Große Bedeutung hatte sicherlich die Zulassung des Ausbildungswerks als staatlich anerkannte Ersatzschule im Jahr 1962 sowie die Etablierung des Ausbildungsberufs „Kaufmann in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft”. 1966 erschien das erste Lehrbuch, die Haertler-Bibel, natürlich im Hammonia-Verlag. Im gleichen Jahr wurde das „Institut der Wohnungsunternehmen für Fernunterricht” gegründet. Nun konnten sich Seiteneinsteiger aus ganz Deutschland viel schneller qualifizieren. Das war außerordentlich wichtig, da bis weit in die 1980er Jahre hinein Seiteneinsteiger in vielen Wohnungsunternehmen bis zu 90 % der Belegschaft stellten. In dieser Zeit wurde „Hösel” zum Synonym für beste wohnungswirtschaftliche Bildung.
Die nächste große Zäsur ist dann sicher die Gründung der FWI Führungsakademie der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft im Jahr 1992, initiiert durch den GdW und die großen Wohnungsunternehmen. Allen war klar, dass sich die Anforderungen an das Management durch den Wegfall des Gemeinnützigkeitsgesetzes 1989 deutlich erhöhen würden (s. Seite 86 in dieser DW). Jürgen Steinert, der damalige GdW-Präsident, hatte mit großem Weitblick erkannt, dass die Branche ein Angebot auf Hochschulniveau braucht. Mit der FWI-Gründung hat er viele Regionalverbände wachgerüttelt und damit auch die Initialzündung für die Entstehung der regionalen Akademien gegeben. Die Gründung der BBA – Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wohnungswirtschaft war beispielsweise mein erster großer Auftrag als Bildungsreferent des BBU, und ihr Gründungsdatum musste unbedingt vor dem der Führungsakademie liegen. Wenn später die FWI eine Tagung in Berlin anbot, dann kam es schon mal vor, dass man mich bat, zeitgleich eine kostenlose Verbandskonferenz zu organisieren.


Das Verhältnis war also nicht immer so freundschaftlich wie heute?
Ein gesunder Wettbewerb kann beflügeln, aber das Konkurrenzdenken hat manchmal auch seltsame Züge angenommen. Viel lieber denke ich an die erfolgreichen Kooperationen zurück. BBA und FWI haben gemeinsam eine Reihe sehr erfolgreicher Tagungen durchgeführt, darunter wahrscheinlich die allererste in Deutschland zum Thema Seniorengerechtes Wohnen – Keynotespeaker war die Sozialministerin von Brandenburg, Dr. Regine Hildebrand. Ich habe damals gemeinsam mit Dr. Galonska, dem FWI-Chef, die Arbeitsgemeinschaft der Akademien der Immobilienwirtschaft ins Leben gerufen, gegen so manchen Wiederstand. Es war eine gute Phase, in der wir gemeinsam Qualitätsmanagementsysteme entwickelt oder Curricula diskutiert haben. Ich werde mich dafür stark machen, diesen kooperativen Ansatz wiederzubeleben, er hat viele gute Ideen hervorgebracht.


Inzwischen sind Berufskolleg und Führungsakademie im EBZ aufgegangen. Wie kam es dazu?
1997 sind die FWI und das Ausbildungswerk gemeinsam in unser heutiges Gebäude in der Springorumalle 20 gezogen. Aber statt zusammenzuarbeiten, hat man sich in einen Wettbewerb begeben, der wenig fruchtbar war.
Es war Lutz Freitag, der mit hoher Affinität zu allen Bildungsthemen, aber auch mit großer Durchsetzungskraft die Zusammenführung des Ausbildungswerks, der FWI und von InWIS zum heutigen EBZ vorangetrieben hat. Er hat die Themen Ausbildung und Personalentwicklung im GdW neu positioniert, es gab sogar einen Verbandstag unter dem Motto „mit klugen Köpfen ist gut Stadt zu machen”. Letztendlich hat er den Boden für das starke Wachstum, das wir seitdem haben, bestellt. Mit ihm konnte das EBZ zur Hochschule der Branche werden.
Diese Unterstützung bekommen wir heute von Axel Gedaschko, Alexander Rychter und vielen anderen wichtigen Persönlichkeiten in der Branche, deshalb werden wir die gute Entwicklung fortsetzen können.


Sie haben gesagt, dass die heutigen Möglichkeiten für unsere Vorgänger wie Science-­Fiction klingen würden. Beziehen Sie sich damit auf das Internet und die neuen Medien?
Nein, oder jedenfalls bei Weitem nicht nur. Selbstverständlich funktionieren unser Fernstudiengang B. A. Real Estate (Distance Learning), der Fernlehrgang Immobilienfachwirt oder die vielen anderen Fernlernangebote des EBZ heute maßgeblich auch über das Internet und entsprechende Lernplattformen. Darüber hinaus sind es aber vor allem die konzeptionellen Möglichkeiten, die sich geändert haben. Wir können beispielsweise heute gezielte Firmenschulungen anbieten und die Inhalte sowie die Vermittlung des Wissens je nach Wunsch des Kunden kombinieren. Wir können mit der mobilen Personalentwicklung kleine und mittelgroße Unternehmen gezielt beraten und Leitfäden für sie erstellen, die sie dabei unterstützen, Personalengpässe abzuwenden und vorausschauend die nächste Generation von Fachkräften aufzubauen. Wir haben entdeckt, dass Unternehmen ihre Effizienz maßgeblich erhöhen, wenn sie Technikern kaufmännisches Grundlagenwissen und Kaufleuten technische Grundkenntnisse vermitteln lassen. Wir definieren neue Wege des lebenslangen Lernens, rufen interdisziplinäre Studiengänge wie den Master Projektentwicklung ins Leben und bieten den Wohnungsunternehmen durch die Markt- und Standortanalysen oder Mieterzufriedenheits-Untersuchungen von InWIS eine nie dagewesene analytische Durchdringung.


Ist damit das Ende der Entwicklung erreicht und sind wir jetzt in einem goldenen Zeitalter der Personalentwicklung angekommen?
Nein, sicherlich nicht. Es bleibt dabei, wir müssen uns immer wieder neu erfinden. Unsere große Aufgabe im nächsten Jahrzehnt wird es sein, die Wohnungsunternehmen beim Aufbau einer Arbeitgebermarke zu unterstützen. Eine moderne Berufsschule, eine agile Akademie und nicht zuletzt eine renommierte Hochschule, die EBZ Business School, sind gute Argumente für junge Menschen, sich für unsere Branche zu entscheiden. Immerhin war es die Hochschule der Wohnungswirtschaft, die sich im renommierten CHE-Ranking gegen 1.500 andere betriebswirtschaftliche und ingenieurswissenschaftliche Studiengänge durchgesetzt hat. So können wir ein wichtiger Baustein in der Rekrutierungsstrategie der Unternehmen werden, wenn der Wettbewerb um den Nachwuchs sich weiter verschärfen wird.
An der Altersstruktur der GdW-Mitgliedsunternehmen lässt sich ablesen, dass in den nächsten Jahren ein Viertel aller Fach- und Führungskräfte ersetzt werden muss. Wir reden von vielleicht 10.000 Personen, die angesichts der sinkenden Schulabgängerzahlen und des Kampfes um talentierten Nachwuchs sehr schwer zu ersetzen sein werden. Vor diesem Hintergrund wird es auch zu unseren Aufgaben gehören, bessere Konzepte für „Lebenslanges Lernen” zu entwickeln. Denn die Anforderungen an die Menschen, an die Sachbearbeiter und Führungskräfte in den Wohnungsunternehmen, werden weiter steigen. Davon können wir sicher ausgehen, denn Kunden werden komplizierter, Märkte schwieriger, Stakeholder anspruchsvoller, und die Ernergiewende formuliert völlig neue Herausforderungen.
Insofern erleben wir heute eine ähnliche Zeit des Umbruchs wie in unseren Gründerjahren, und ich denke das bedeutet, dass DW und EBZ sich jung fühlen und kräftig mit anpacken dürfen.
Herr Leuchtmann, vielen Dank für das Gespräch!


Das Interview führte Ulrike Silberberg.

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