20.09.2013 | Top-Thema Jubiläum: 65 Jahre DW Die Wohnungswirtschaft

Hohe Qualität zu tragbaren Kosten: Was bringt der Deutsche Bauherrenpreis?

Kapitel
Neue Stadthäuser in der Griesbadgasse für die GWG Ingolstadt GmbH
Bild: nbundm* Architekten

Mit dem seit 1986 alle zwei Jahre ausgelobten Deutschen Bauherrenpreis soll nicht nur herausragende Architektur, sondern insbesondere die Rolle des Bauherrn als richtungsgebender Partner gewürdigt werden. Seit über 25 Jahren werden die Ergebnisse einer herausragenden Zusammenarbeit zwischen Architekten, Ingenieuren, Bauherren und – wenn möglich – den Nutzern ausgezeichnet. Viele Preise gingen seitdem an die Wohnungswirtschaft. Lesen Sie aus der Sicht eines Architekten, was so besonders an diesem Preis ist.

Ziele des Deutschen Bauherrenpreises
Gute Architektur mit hoher Lebensqualität für Durchschnittsverdiener erschwinglich zu machen, ist eine große Herausforderung. Dieses Ziel zu erreichen, hängt maßgeblich von dem Zusammenspiel fähiger Architekten und Ingenieure und engagierter Bauherren ab. Für die Erreichung hervorragender technischer und gestalterischer Ergebnisse zu tragbaren Kosten muss ein gemeinsamer Wille aller Projektbeteiligten vorhanden sein, und der Bauherr muss ebenso wie die Architekten und Ingenieure eine hohe Verantwortung für die Baukultur mittragen.
Von welchen Kriterien hängt eine hohe Qualität im Wohnungsbau ab? Der Deutsche Bauherrenpreis definiert folgende: gute Architektur, sorgfältige Einbindung der Projekte in die Umgebung, ansprechende Freiflächengestaltung, Grundrisse mit hohem Wohnwert sowie soziale Brauchbarkeit der Gebäude und des Umfeldes. Des Weiteren muss eine sinnvolle Materialverwendung und ein schonender Umgang mit natürlichen Ressourcen erreicht werden.
Ein weiteres Ziel des Deutschen Bauherrenpreises ist es, „auch Projekte mit experimentellem Charakter auszuzeichnen, in denen Gewohntes sowie Normen und Vorschriften infrage gestellt werden. Dies gilt auch für Selbsthilfeprojekte oder Modelle, in denen neue Formen gemeinschaftlicher Entscheidungen von Nutzern oder Einzelbauherren erprobt worden sind.“

Struktur des Deutschen Bauherrenpreises
Der Deutsche Bauherrenpreis wird durch die Arbeitsgruppe Kooperation, an der der Bund Deutscher Architekten BDA, der Deutsche Städtetag und der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen beteiligt sind, ausgelobt. Die Ausschreibung erfolgt öffentlich und eine Beteiligung ist bundesweit möglich. Das zweistufige Auswahlverfahren wird durch eine Vorjury (Auswahlgremium) und eine Jury geleistet. Diese Jurys werden von den drei beteiligten Partnern paritätisch besetzt und durch Fachleute ergänzt.
Durch die paritätische Besetzung und die Ergänzung durch Fachleute sollen die geforderten Qualitäten der eingereichten Projekte erkannt bzw. die von den Wettbewerbsteilnehmern beschriebenen Sachverhalte in ihrer Qualität bewertet werden. Somit werden zusätzlich zur Architektur auch der städtebauliche Kontext und die Gestaltung des Wohnumfeldes beurteilt. Ebenso finden die Wahl der Baumaterialien und Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs ihre Berücksichtigung.

Besondere Rolle des Bauherrn
Es ist überaus hoch zu bewerten, wenn Bauherren mit ihrem Wunsch zu bauen mehr als nur das Entstehen einer Immobilie verbinden. Eine hohe Qualität zu tragbaren Kosten ist ohne das Einverständnis des Bauherrn, ohne seine Bereitschaft, neue Wege zu probieren und gewohnte Abläufe des Planens und Bauens zu hinterfragen, gar nicht möglich. Die Erfahrungen des Deutschen Bauherrenpreises zeigen, dass insbesondere diejenigen Projekte, in denen der Bauherr Experimente gewagt hat und von den Architekten und Ingenieuren die Infragestellung von Normen, Richtlinien und Vorschriften gefordert hat, ein qualitätsvolles und zukunftsweisendes Ergebnis erreicht haben. Dazu gehört auch der kooperative Dialog mit der kommunalen Verwaltung.
Dieses besondere Engagement von Bauherren als vorbildhaft und nachahmenswert öffentlich zu würdigen und darzustellen, ist das Alleinstellungsmerkmal des Deutschen Bauherrenpreises.
Bauherr und Architekt
Die prämierten Projekte zeigen in überzeugender Weise auch, dass sich die Entscheidung der Bauherren, mit Architekten auf Augenhöhe zu bauen, gelohnt hat. Es ist ein Weg, der eine intensive Auseinandersetzung mit der Bauaufgabe fordert, der ein Nachdenken, ein Diskutieren über das zu Erreichende einfordert. Es ist aber zugleich ein Weg, der sich lohnt, weil er eine hohe Qualität erreicht. Eine Qualität der Architektur, die sich immobilienökonomisch bewerten lässt und im Stadtbild abzulesen ist.

Erweiterung der Bewertungskriterien
Die Begriffe für hohe Qualität haben sich in der mehr als 25-jährigen Geschichte gemäß den gesellschaftlichen Herausforderungen gewandelt. Somit haben die Aspekte zur Beurteilung durch die Jurys eine kontinuierliche Erweiterung erfahren. 1992 schreibt Friedrich Spengelin in der Veröffentlichung der Bauherrenpreise zur Bedeutung des städtebaulichen Kontextes und der Gestaltung des Wohnumfeldes: „Vergessen wir nicht: Eine Symbiose von Gebäuden und Vegetation, die Bildung von Räumen, die durch beide Elemente begrenzt werden, das war die tragende Idee vieler guter städtebaulicher Realisationen schon seit den 1920er Jahren. Primärer Ausgangspunkt muss deshalb bei allen Überlegungen auch die städtebauliche Raumbildung sein, die bereits die Voraussetzung für unterschiedliche und somit auch abwechslungsreiche Grundstrukturen bildet. Damit die Bewohner ihre Heimat finden, muss auf den unterschiedlichen Maßstabsebenen etwas vorhanden sein, was mit Unverwechselbarkeit zu tun hat. Meine Erfahrung ist, dass letztlich die Kombination vieler ‚zweitbester’ Lösungen mehr erreicht als die Erfüllung maximaler Forderungen eines Systems, die sich dann zum Nachteil der anderen auswirken. Qualität braucht Zeit ...”
Seit 2000 spielen nachhaltige Faktoren im Städtebau sowie in der Wahl der Baumaterialien und der Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs eine gesteigerte Rolle. Dabei sind energetische Aspekte nicht einseitig zu betrachten, sondern im Verbund mit sozialen, gestalterischen und wirtschaftlichen Anforderungen gemeinsam zu lösen. Neben einem Energieverbrauch, der unter dem vorgeschriebenen Niveau für Neubauten liegt, müssen sich die Menschen wohlfühlen. Eine verbesserte Lebensqualität stärkt den Standort sozial und sichert eine langfristige Wirtschaftlichkeit.

Der Bauherrenpreis als Motor für die ­Bewusstseinsbildung für hohe Qualität
Der Deutsche Bauherrenpreis ist nicht nur eine Auszeichnung, die sich durch Urkunden für alle Beteiligten des Teams und eine künstlerisch gestaltete Plakette darstellt, sondern vielmehr eine Bestätigung und Motivation für fortschrittliche Bauherren. So sagte Georg Unger, Technikleiter der GESOBAU, der 2011 den Deutschen Bauherrenpreis entgegennahm: „Wir sind stolz darauf, dass wir einer der Preisträger bei diesem wichtigen nationalen Wettbewerb sind. Die ausgezeichnete Wohnhausgruppe steht exemplarisch und erfolgreich für die gesamte derzeit laufende Komplettmodernisierung der Großsiedlung Märkisches Viertel mit mehr als 13.000 Wohnungen. Die Würdigung mit dem Deutschen Bauherrenpreis ist für uns ein weiterer Beleg für die Zukunftsfähigkeit unseres Konzeptes und Anerkennung seiner Vorbildfunktion.”

Fazit
Der Deutsche Bauherrenpreis ist ein Modell mit Zukunft. Mit ihm lassen sich intelligente und mutige Projekte darstellen und gegenüber der Öffentlichkeit vermitteln. Insbesondere die für die breite Öffentlichkeit nachvollziehbare Herausarbeitung der verschiedenen sich gegenseitig bedingenden Kriterien für eine hohe Qualität zu tragbaren Kosten ist ein großes Verdienst dieses Preises. Der Deutsche Bauherrenpreis lebt davon, dass es in Deutschland noch zahlreiche mutige und engagierte Bauherren, Architekten, Ingenieure und öffentliche Verwaltung mit einem Bewusstsein für hohe Qualität gibt. Diese in ihrem Tun zu bestärken, ist das Ziel des Deutschen Bauherrenpreises.

Dr. Thomas Welter, Bundesgeschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten BDA, Berlin

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