Integration von Menschen mit verschiedenen Hintergründen hat für die Wohnungswirtschaft seit jeher zu den Kernaufgaben gehört. Entsprechende Erfahrungen haben die Unternehmen mitgebracht, als mit der sogenannten Flüchtlingswelle 2015 eine der großen Herausforderungen für Staat, Gesellschaft und Wirtschaft herangerollt ist. Bei allem Engagement gebe es aber nach wie vor eine Vielzahl von Herausforderungen, hält der Bundesverband der Wohnungswirtschaft GdW fest und fordert mehr Einsatz und Unterstützung von der Bundesregierung.

"Gesellschaftliche Entwicklungen und Konflikte spiegeln sich als allererstes in den Wohnquartieren unserer Unternehmen wider", erklärt GdW-Präsident Axel Gedaschko. "Gute funktionierende Nachbarschaften sind unverzichtbar für den Frieden in unserer Zivilgesellschaft." Solche Aussagen gelten freilich für Quartiere und Gebäudeensemble allerorten – hervorstechend und plakativ werden sie allerdings dort, wo die sozialen Rahmenbedingungen ohnehin schwierig sind.

In Duisburg etwa, wo der Strukturwandel Stadt und Wohnungswirtschaft seit Jahren vor Herausforderungen stellt, musste die Gebag Duisburger Baugesellschaft mbH mit Leerstand umgehen und plante an einigen Stellen Abriss für attraktiveren Neubau.

"Als dann die Flüchtlinge kamen, erwies sich der Leerstand ausnahmsweise als unser Glück. Die Stadt wollte so wenig Menschen wie möglich in Turnhallen und Schulen unterbringen, und wir konnten an einigen Standorten Wohnungen anbieten." Dennis Ifkovitz, Abteilungsleiter für Sozial - und Quartiersmanagement der Gebag

Die Unterbringung von Geflüchteten

Die Gebag entschied sich, maximal ein Drittel der Wohnungen an einem Standort mit Flüchtlingen zu belegen. Diese Quote sei eine gute Ausgangsbasis für die Integration, sagt Ifkovitz und bekräftigt, dass solche Mischungen individuell geplant werden müssten: "In Duisburg ist der Mensch mit Migrationshintergrund der Normalfall, insofern war das Miteinander nicht so das Problem für uns."

Ähnlich beschreibt es Helene Böhm, bei der landeseigenen Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gesobau für das Quartiersmanagement zuständig. In den Beständen des Unternehmens würden Menschen aus 117 Nationen leben. Allein in der Großwohnsiedlung Märkisches Viertel liegt der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund bei knapp 50 Prozent.

"Wir haben schon vor 12 Jahren integrationspolitische Leitsätze verabschiedet und seither mit zahlreichen Kooperationen und Projekten die Integration in unseren Nachbarschaften gefördert." Helene Böhm, Soziale Quartiersentwicklung der Gesobau und  Vorstand Netzwerk Märkisches Viertel

Über das Landesamt für Flüchtlinge nimmt die Gesobau nach wie vor Flüchtlinge in ihren Wohnungsbestand auf – angesichts der Tatsache, dass in Berlin immer noch mehr als 20.000 Menschen in Hostels und anderen Behelfsunterkünften ausharren, bleibt die Unterbringung im landeseigenen Bestand ein aktuelles Thema.

In der Kleinstadt Altena in Nordrhein-Westfalen hingegen ging es von vornherein darum, Zuzügler kleinteilig in den Bestand "einzuweben": "Wir fanden eine Wohnung pro Haus sinnvoll, sodass sich die Bewohner um die neuen Nachbarn kümmern konnten", erklärt Stefan Bartsch von der Altenaer Baugesellschaft. Die musste sich auch intern gut organisieren: Bei insgesamt 17 Mitarbeitern müssen neu hinzukommende Aufgaben gut geplant und organisiert werden. Die Stadt mietete insgesamt 40 der 1.800 Wohnungen im Bestand der Gesellschaft an.

Vor einer weiteren Herausforderung stand so manche Baugenossenschaft: Denn dort kann häufig nur eine Wohnung anmieten, wer Mitglied ist – wie das Beispiel des Spar- und Bauverein eG Dortmund zeigt. "Zudem kam in den Jahren des größten Flüchtlingszuzugs erschwerend hinzu, dass die Vergabe satzungsgemäß bleiben muss", sagt Sprecher Björn Malcharczyk. Die Genossenschaft habe nur solche Wohnungen an Flüchtlinge vergeben können, für die es keine Wartelisten mit anderen Genossenschaftsmitgliedern gab. Mittlerweile leben in 25 Wohnungen Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind – 20 der Neumitglieder traten regulär der Genossenschaft bei, in fünf Fällen war es die Stadt Dortmund, die Mitglied wurde und dann die Wohnungen quasi untervermietete.

Schritte zur Integration ins Quartier

Sprache hat sich überall als Einstiegshürde erwiesen. Wo dies nicht ohnehin schon vorlag, haben Wohnungsunternehmen zuerst maßgebliche Informationen wie die Hausordnung in Arabisch und weitere Sprachen übersetzen lassen. Kleinere Unternehmen wie die Gesellschaft in Altena griffen dabei auf Unterstützung von Verbänden zurück wie etwa des vdw Rheinland Westfalen. Um ein zusätzliches, niedrigschwelliges Angebot zu schaffen, habe man außerdem eine Broschüre angefertigt, bei der Informationen wie etwa zur Mülltrennung in einfacher Sprache und mit Bildern erklärt werden, sagt Bartsch. "Die Hefte sehen im Prinzip aus wie Pixi-Bücher."

Bei der Integration der Neubewohner ins Quartier griffen eingespielte Unternehmen wie die Gesobau auf Maßnahmen zurück, die sie in ihren sozial herausfordernden Siedlungen ohnehin längst erprobt hatten: Von der Einrichtung mehrsprachiger Anlaufstellen über Konfliktschlichter bis hin zur Unterstützung migrantischer Communities. Im Zuge eines im September 2015 aufgelegten Programms unterstützt die Gesobau zudem Sprachkurse. Außerdem gibt es eine möblierte Wohnung für schutzsuchende geflüchtete Frauen und ihre Kinder, wobei die Gesellschaft mit einem freien Träger kooperiert.

Sprachkurse gehören für viele Wohnungsunternehmen zur erfolgreichen Integrationsarbeit dazu (Symbolbild)

Auch in Duisburg setzte das Wohnungsunternehmen auf Zusammenarbeit mit einem freien Träger: Die Gebag unterstützt eine Familien-Initiative des Deutschen Roten Kreuzes, die "FlüKids". In Räumlichkeiten der Gesellschaft können Familien mehrmals pro Woche gemeinsam und unter Anleitung singen, spielen und basteln. Das Konzept wurde inzwischen auf 12 Standorte im Stadtgebiet erweitert. In den "Heimatgärten", einem für alle offenen Projekt, treffen sich außerdem Alt-Anwohner und Flüchtlinge und kümmern sich gemeinsam um Hochbeete. Kommuniziert werde im Zweifel mit Händen und Füßen, erzählt Ifkovitz. Inzwischen gibt es vier solcher "Heimatgärten" mit Hochbeeten. Das Projekt komme bei den Geflüchteten besonders gut an, da sie zuvor häufig in Häusern mit eigenen Gärten gelebt hätten. "Wir haben dabei auch dazu gelernt, wenn zum Beispiel Wünsche über besondere Gemüsepflanzensamen an uns herangetragen wurden, die wir so gar nicht kannten."

Engagement von Mitarbeitern

Beschäftigte von Wohnungsunternehmen haben sich über ihre Kernaufgaben hinaus um die Integration der Neuankömmlinge bemüht. In Berlin beispielsweise läuft seit 2016 das Gesobau-Projekt "Zeitspenden für Flüchtlinge": Zwölf Auszubildende unterstützen den InfoPoint einer Flüchtlingseinrichtung mit jährlich etwa 250 Arbeitsstunden. Der Arbeitgeber stellt sie dafür frei. Mitarbeiter unterstützen darüber hinaus Aktionen wie Spendensammlungen.

Integration ins Unternehmen

Neben der Quartiersintegration haben sich Wohnungsunternehmen auch der Integration von Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt gewidmet – zuallererst im eigenen Unternehmen. "Wir haben den Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund noch einmal erhöht", sagt Gesobau-Leiterin Böhm. Bei der Duisburger Gebag arbeitet seit 1. Januar diesen Jahres ein syrischer Flüchtling offiziell als Integrationslotse.

"Er hat in den ersten Monaten einen Crashkurs in Sachen Wohnungswirtschaft und in mentalen Fragen erhalten – also auch, wie wir Deutschen so ticken." Dennis Ifkovitz, Abteilungsleiter für Sozial - und Quartiersmanagement der Gebag

Seit dem Sommer fungiert Mohamad Alnatour als Scharnier zwischen Neubewohnern und Wohnungsunternehmen: Der Lotse besucht Familien, erklärt beim Tee auf dem Sofa, wie man Müll trennt, was Hausordnung und Ruhezeiten bedeuten. Er ziehe eine ganz neue Ebene, beschreibt Ifkovitz den Vorteil für die Gebag: Nicht zuletzt, weil er selbst Flüchtling war, kommuniziere Alnatour auf Augenhöhe mit den Bewohnern.

Herausforderungen, die bleiben

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre beschreiben die Unternehmen als durchweg positiv – auch deswegen, weil sie aus ersten Konflikten schnell gelernt haben: Unmittelbare Kommunikation und Mediation in jedem Einzelfall hat sich als Schlüssel erwiesen. In Altena zeigte sich, dass es weniger sinnvoll war, mehrere alleinstehende junge Männer in einer Wohnung unterzubringen – zum Wohl der Wohnung und des Quartiers. Als sie über mehrere Wohnungen verteilt wurden und die Bewohner sie persönlich kennenlernten, hätten Ängste auf Seiten der Altbewohner abgebaut werden können, den Männern wiederum fiel die Integration leichter.

Was sich indes auch zeigte: Wo staatliche Unterstützung oft zu zögerlich und bürokratisch anlief, trugen ehrenamtlich Tätige entscheidend zum Erfolg der Integration ins Wohnquartier bei. Seien es "Paten" und "Kümmerer", auf die das kleine Team der Altenaer Gesellschaft bauen kann, ein Verein pensionierter Lehrer, denen die Duisburger Gebag kostenfrei Räume für Sprachunterricht überlässt oder die Einzelperson beim Spar- und Bauverein in Dortmund, die eine Bürgschaft für zwei Ghanaer übernommen hat. Auch die Zusammenarbeit mit den direkten Ansprechpartnern in den Kommunen beschreiben die Unternehmen in der Regel als unkompliziert; sie hätten oft zeitnah reagiert, wenn es um das Finden schneller Lösungen etwa beim Übergang in reguläre Mietverhältnisse ging.

Helene Böhm von der Gesobau beschreibt hingegen strukturelle Herausforderungen, die eine Integration zunehmend erschwerten:

"Zuwanderer sind häufig einkommensschwach, sie leben oft in großen kinderreichen Haushalten und sind angewiesen auf Sozialwohnungen. Aber arm sind nicht nur Migranten." Helene Böhm, Soziale Quartiersentwicklung der Gesobau und  Vorstand Netzwerk Märkisches Viertel

Damit stünden diese Gruppen in Konkurrenz zu einkommensarmen deutschen Haushalten. Konflikte blieben da nicht aus, bekennt sie, ohne dabei von Überforderung sprechen zu wollen.

Mit ihrem Appell für mehr bezahlbaren Wohnraum zum Entschärfen der Situation auf dem angespannten Berliner Markt formuliert Böhm Forderungen, die sich mit denen des GdW decken. Der Verband verweist darüber hinaus auf Problematiken bei der Organisation von Wohnungsvergaben: Oft würden Unternehmen nicht erfahren, wenn eine angemietete Wohnung leer steht. Das führe zu erheblichen Mehrkosten – gerade auch außerhalb von Metropolen – und schränke den Handlungsspielraum für das notwendige Sozialmanagement weiter ein.

Darüber hinaus appelliert der Verband an die Bundesregierung, passgenaue Fördermöglichkeiten zur Integration Geflüchteter ins Quartier anzubieten, die auch Wohnungsunternehmen in Anspruch nehmen können. 65 Prozent der Wohnungsunternehmen sprachen sich in einer GdW-Umfrage für diese Forderung aus, während fast genauso viele zu bedenken gaben, dass die aktuellen Programme von Bund und Ländern für die Integrationsarbeit der Wohnungswirtschaft häufig gar nicht zur Verfügung stehen. Vor diesem Hintergrund sei fraglich, ob die fast drei Viertel der befragten Unternehmen, die derzeit Wohnungen zur Unterbringung von Flüchtlingen anbieten, dieses Engagement aufrechterhalten könnten.

Erst kürzlich hat der GdW zusammen mit den Regionalverbänden in ganz Deutschland zum Respekt demokratischer und gemeinschaftlicher Werte aufgerufen, um die Wohnquartiere und Nachbarschaften vor Ort zu stärken.

Lesen Sie mehr über „Überforderte Nachbarschaften“ im 25. Brandenburger-Hof-Gespräch in der DW Die Wohnungswirtschaft, Ausgabe 12/18.

 

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