20.02.2013 | Top-Thema Instandhaltung und Instandsetzung: Technik, Kosten, Konzepte

Sanierung im Bestand: Alte Lasten, neue Lasten

Kapitel
Handwerker auf der Baustelle
Bild: Sentinel Haus Institut

Bei der Sanierung des Gebäudebestands können Schadstoffe jegliche Kalkulation der Baumaßnahmen über den Haufen werfen. Ein wohngesundheitliches Qualitätsmanagement verhindert Überraschungen und sorgt dafür, dass die neu eingebaute Stoffe nicht die Altlasten von morgen sind.

„Die Herausforderung liegt im Bestand“ heißt es, wenn von der Energiewende und der damit verbundenen Sanierung von Wohnungsbauten die Rede ist. Doch mit Dämmen, Dichten und neuer Haustechnik allein ist es häufig nicht getan. Schadstoffe aus vergangenen Jahrzehnten können das Sanierungsziel zunichtemachen. Die Liste möglicher Schadstoffquellen ist lang, viele von ihnen stecken in Gebäuden, die nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurden. Beispiele sind Parkettkleber, die mit krebserregenden Polycyclischen Kohlenwasserstoffen (PAK) belastet sind, Asbest in Bodenbelägen und Verkleidungen, stark formaldehydhaltige Holzwerkstoffe, flüchtige organische Stoffe (VOC) aus Lösemitteln und Biozide in Holzschutzmitteln, die außen wie innen angewendet wurden. Dazu kommt mit Radon ein vielfach unterschätzter natürlicher Schadstoff: Das radioaktive Edelgas tritt regional unterschiedlich auf. Wo es aus dem Boden dringt und sich in schlecht belüfteten (Keller-)Räumen sammeln kann oder aus früher häufig verwendeten Baumaterialien (Granit, Lehm, Schlacke aus Bergwerken) ausgast, rufen seine Zerfallsprodukte Lungenkrebs hervor. Experten zählen circa 1.900 Todesfälle in Deutschland pro Jahr. Nicht zuletzt ist Schimmel eine ständige Quelle von Gesundheitsgefährdungen, auch weil sich die Pilze tief in Putzschichten einnisten können.
Individuelle Begutachtung
Trotz der Übersicht, jedes Projekt ist anders. Eine individuelle Untersuchung durch einen qualifizierten Experten, auch bei augenscheinlich unbegründetem Verdacht, ist dringend anzuraten. Auch ein vom Baualter her eher unverdächtiges Gebäude kann durch die „Segnungen“ der Wirtschaftswunderzeit mit Schadstoffen belastet sein. Nicht zuletzt durch die Herstellung einer nahezu luftdichten Gebäudehülle im Zuge der anstehenden Sanierung oder durch die Nutzung vormals nicht ausgebauter Bereiche (z. B. mit Holzschutzmitteln belasteter Dachgeschosse) können versteckte Schadstoffquellen zu neuen Problemen führen. Mehrere solcher Fälle sind 2012 zum Beispiel in deutschen Rathäusern aufgetreten. Qualifizierte Sachverständige und unabhängige Prüfinstitute können Schadstoffquellen ermitteln und genauere Untersuchungen (Raumluftmessungen, Staub- und Materialuntersuchungen) durchführen. Das Geld dafür ist gut angelegt, denn die spätere Suche der Schadstoffquelle und deren Sanierung können um ein Vielfaches teurer und aufwändiger sein.

Ausgangsbasis definieren
Im Rahmen der Planung muss im nächsten Schritt festgelegt werden, wie mit vorhandenen Schadstoffen umgegangen werden soll. Hier gibt es die Möglichkeit, belastete Bauteile zu entsorgen oder diese einzukapseln. Auch ein Totalabriss und Neubau des Gebäudes sollte immer eine der zu betrachtenden Optionen sein. Generell spielt die Nähe der Schadstoffquelle zum Lebensraum eine Rolle, ebenso der bauliche und finanzielle Aufwand. Grundsätzlich ist ein Ausbau schadstoffbelasteter Materialien vorzuziehen, da zum Beispiel Absperrbeschichtungen selbst wieder Schadstoffe in das Gebäude einbringen können. Ist aber zum Beispiel ein Dachraum, der niemals begehbar sein wird, mit alten Mineralfasern belastet, und muss darunter ohnehin abgedichtet werden, um den erforderlichen Wärmeschutz herzustellen, kann der Schadstoff sicher und dauerhaft vom Wohnraum getrennt werden.
Nach der Schadstoffsanierung gilt es, mit einer erneuten Raumluftmessung die restliche Grundbelastung festzustellen. So kann man die Basis ermitteln, auf der der weitere Ausbau der Immobilie erfolgen kann und mit welchen Materialien und Verarbeitungsmethoden die Innenraumhygiene gewährleistet werden kann. Natürlich muss das für den Investor finanziell darstellbar sein. Grundlage für die Definition der Innenraumhygiene sind wissenschaftlich fixierte Empfehlungswerte, zum Beispiel des Umweltbundesamtes für VOC oder der Weltgesundheitsorganisation WHO für Formaldehyd. Diese finden sich gemeinsam mit weiteren Definitionen zum Beispiel im Gesundheitspass des Sentinel Haus Instituts (www.sentinel-haus.eu/gesundheit). Auch die Werte des Qualitätssiegels nachhaltiger Wohnungsbau sind eine gute Orientierungshilfe (www.nawoh.de).
Neuen Schadstoffeintrag minimieren
Eine weitere Quelle, durch die Schadstoffe ins Gebäude gelangen, sind neu eingebaute Baustoffe. Denn längst nicht alle bauaufsichtlich zugelassenen Produkte sind auch geprüft emissionsarm. Im Zusammenhang mit der durch die Sanierung hergestellten Luftdichtheit nach EnEV kann dies eine erhebliche Steigerung der Schadstoffkonzentration in der Innenraumluft zur Folge haben. Relevant sind hier neben den „Klassikern“ Formaldehyd und VOC auch Weichmacher, das bereits genannte Radon und Gerüche. Solchermaßen hervorgerufene Beeinträchtigungen der Gesundheit der Bewohner stellen ein erhebliches Haftungsrisiko für die Wohnungsbaugesellschaft, den Architekten und die Handwerker dar.
Die Luftdichtungsebene ist auch hier eine wichtige Grenze für die gesundheitliche Bewertung von Baustoffen. Wird ein Baustoff innerhalb der Luftdichtungsebene eingebaut, kann er eine hohe Relevanz haben. Liegt er außerhalb, ist abzuwägen, ob er die Luftdichtung durchdringen kann. Im Rahmen der Aus- und Umbauplanung muss im nächsten Schritt der zu erwartende Schadstoff-eintrag für jedes Bauteil und Produkt abgeschätzt werden. Auch muss darauf geachtet werden, dass z.B. Ablüftzeiten eingehalten werden. Hier helfen die Produktdatenblätter der Hersteller weiter. Diese bei Unklarheiten richtig zu interpretieren bleibt Fachleuten vorbehalten. Für Wohnungsbaugesellschaften stellt die möglichst frühzeitige Beauftragung eines projektbezogenen Wohngesundheitskoordinators (WoGeKo) einen praktikablen Weg dar, sich das nötige Fachwissen in die Projektgemeinschaft zu holen. Dieser nimmt anhand qualifizierter Emissionsprotokolle gemeinsam mit dem Architekten die Auswahl der Baustoffe vor und berät und überprüft bei der fachgerechten Umsetzung. Mit dem Sentinel Bauverzeichnis befindet sich beispielsweise ein starkes, internetgestütztes Werkzeug in der Startphase, das nicht nur eine einfache Übersicht über die gesundheitlichen Qualitäten zahlreicher Baustoffe erlaubt, sondern zu einem späteren Zeitpunkt auch als Fundstelle für wohngesundheitlich geschulte Fachleute dient.

Qualitätsmanagement auf der Baustelle
Das Wissen um die innenraumhygienischen Eigenschaften der verwendeten Baustoffe und deren Relevanz für die Innenraumluftqualität ist die Theorie. Die bauliche Umsetzung ist aber letztlich das Maß, an dem Investor, Planer oder Architekt als Verantwortliche gemessen werden. Hier ist die Rolle der Handwerker nicht hoch genug einzuordnen. Sie sind am längsten auf der Baustelle und können mit Fehlern alle Bemühungen um eine hohe gesundheitliche Qualität des Bauvorhabens zunichtemachen. Dabei geht es nicht um eine 100prozentige Fehlerfreiheit. Sondern darum, dass die Lagerung und Verarbeitung der Baustoffe emissionsarm erfolgt und Fehler rasch korrigiert werden. Dazu kommen generelle Verhaltensweisen auf der Baustelle, die vielleicht im ersten Moment als lästig erscheinen, aber bei entsprechender Erläuterung und Schulung einen deutlich spürbaren Stolz auf die Qualität der Handwerksleistung wecken.
Um das Bewusstsein für die Notwendigkeit emissionsarmen Arbeitens zu wecken, haben sich eintägige Handwerkerschulungen aller beteiligten Gewerke bewährt. Häufig in Anwesenheit der Verantwortlichen der Wohnungsunternehmen und der Planer wird das Ziel wohngesunden Bauens erklärt und einige grundlegende Regeln vereinbart. Ein Beispiel für solche Baustellenregeln zeigt die Abbildung auf Seite 39. Abschließender Baustein der Qualitätssicherung und Grundlage einer Zertifizierung sind unabhängige Raumluftmessungen. Die Messungen sollte nach Herstellen der Luftdichtung und nach Fertigstellung durchgeführt werden. Eine solchermaßen transparent dokumentierte wohngesundheitliche Qualität stellt ein wichtiges Instrument zur Vermarktung des Gebäudebestands dar.

Links und Literatur:
Verband Deutscher Baubiologen: www.baubiologie.net
Fachverband Schadstoffsanierung:
www.sanierungsfachbetrieb.de
Sentinel Haus Institut: www.sentinel-haus.eu
Zwiener / Lange (Hrsg.): Handbuch Gebäude-Schadstoffe und Gesunde Innenraumluft Erich Schmidt Verlag, 2011
Bachmann / Lange (Hrsg.): Mit Sicherheit gesund bauen, 2. Auflage, Springer Vieweg Verlag, 2013

Peter Bachmann
geschäftsführender Gesellschafter der Sentinel Haus Institut GmbH,
Freiburg

Schlagworte zum Thema:  Instandhaltung, Instandsetzung

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