20.02.2013 | Top-Thema Instandhaltung und Instandsetzung: Technik, Kosten, Konzepte

Bestandserneuerung zwischen Bedürfnis und Anspruch

Kapitel
Prof. Dr. Karsten Ulrich Tichelmann
Bild: Foto Studio Hirch, W.Schenk GmbH

In der Instandsetzung und Instandhaltung von Gebäuden sehen viele Experten einen wichtigen Hebel, die Wohnungsbestände laufend auf einem aktuellen sowie zukunftsfähigen Stand zu halten und ökonomisch zu bewirtschaften. Gebäude sind aber mehr als ihrer individuellen Funktion dienende „Behälter“. Sie stellen weitergehende Werte dar, repräsentieren Ideen und stehen in einem größeren baulichen, städtischen und soziokulturellen Kontext. Bestandserneuerung oder Energieeinsparung werde daher allzu oft mit falschen Prioritäten und unter falschen Prämissen angegangen. Ein Meinungsbeitrag als Einstieg in das Thema des Monats.

Das Bedürfnis „Wohnen” hat sich nicht verändert, der Anspruch an die Befriedigung des Grundbedürfnisses „Wohnen” als bedeutsamer Teil des Lebens erfährt einen radikalen Wandel. Nur wie kann die Durchschnittlichkeit der Wohngebäude endlich ein Ende finden? So, dass zeitlose, gut geschnittene und zukunftsoffene Typologien entstehen, die heutigen sowie auch absehbaren Anforderungen gerecht werden und dennoch bezahlbar bleiben? Die architektonischen und soziologischen Antworten auf diese Fragen sind unabdingbar mit der Frage verbunden: „Lassen sich die bestehenden Wohnungsbestände auf diese Zukunft vorbereiten – und wenn ja, wie?”
Die Suche nach den Antworten ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen, politischer Debatten, betriebs- und volkswirtschaftlicher Szenarien und architektonischer Thesen. Offenkundig ist, dass der Großteil der Wohnungsbestände im besten Fall einen geringen, doch meist keinen Beitrag leistet, die stark unterschiedlichen Lebensbedingungen und individuellen Lebenswünsche zu befriedigen. Zum einen sind dies strukturelle Defizite der Wohnungsbauten selbst, zum anderen die Defizite des Standorts und des Umfelds.
Wohnungsbau ist auch immer Städtebau. Die Defizite der Wohnungsbestände zu kompensieren und die Qualität im öffentlichen und halböffentlichen Raum zu steigern, ist ebenfalls immer Bestandteil der Bauaufgabe des Sanierens von Wohnungsbeständen. Was die professionelle Wohnungswirtschaft gut bewältigt, aber bei einer Zersplitterung der Eigentümer oftmals Probleme bereitet.
Die Aufwertung von Straßenzügen und Quartieren bedeutet nicht nur die Steigerung von Lebensqualität, sie bedeutet auch immer die Chance zur Erhöhung der Standortqualität und damit auch einen wirtschaftlichen Wettbewerbsvorteil. Es gibt vorbildliche Bespiele mit nachgewiesener Impulswirkung für ein Quartier, aber in vielen Fällen werden die Chancen nicht genutzt.
Zugleich wird der energetischen Sanierung des Wohnungsbestandes eine falsche Priorität eingeräumt. Es wird nicht das Einsparungspotential des Gebäudebestandes in Frage gestellt und genauso wenig die notwendige Reduktion des Ressourcenverbrauchs sowie die dringende Minderung von umweltrelevanten Emissionen wie CO2 Feinstäuben. Diese Maßnahmen sind ökologisch, ökonomisch und volkswirtschaftlich unverzichtbar und eine Grundvoraussetzung, aber kein ausreichender Indikator für Wohn- und Lebensqualität.
Auch in einem energetisch mäßig sanierten Altbau wohnt es sich hervorragend, wenn die vermeintlich „weicheren” Faktoren wie Standort- und Gestaltungsqualität, Funktions- und Raumqualitäten vorhanden sind sowie dass man in diesen Wohnungen gerne und angenehm alt wird. Dies sind die eigentlichen harten Faktoren des Wohnens. Eine sinnvolle Beschränkung des Energieverbrauchs ist dabei eine Selbstverständlichkeit und hierfür gibt es eine Vielzahl von bewährten architektonischen und technologischen Lösungen. Deren gezielter Einsatz ist trivial gegenüber dem notwendigen sozialen und baukulturellen Beitrag auf allen Ebenen, den er Wohnungsbestand leisten muss.
Auch die Frage, ob sich bezahlbares Wohnen und die Energiewende ausschließen, zielt am Kern vorbei. In vielen Regionen Deutschlands bewegt sich der Wohnungsbau in ungesättigten Märkten. Dies gilt vor allem für prosperierende Städte und wirtschaftlich starke Ballungszentren. Ungesättigte Märkte fordern jedoch keine Innovation ein.
Bei der Frage, ob ein Altbau sinnvoll und wirtschaftlich energetisch saniert werden kann, muss zuerst die Frage beantwortet werden, ob sich der Gebäudebestand im Hinblick auf seine strukturellen, architektonischen und funktionalen Qualitäten den heutigen Anforderungen anpassen lässt. Hierzu gehört der Kontext, in dem sich das Gebäude befindet ebenso wie ein notwendiger baukultureller Gestaltungswille.
Es gibt eine Reihe von Indizien, dass die urbane Ästhetik für Städte, Gemeinde und Kommunen immer wichtiger wird. Ästhetische Qualität im Sinne von besonderer überdurchschnittlicher Attraktivität ist bei Konsumgütern ein deutlicher Wettbewerbsvorteil. Dieses Prinzip wird in unserer gebauten Umwelt vor allem bei Sanierungsvorhaben vernachlässigt. Der Aufwertung der ästhetischen Qualitäten des Wohnungsbestandes wird dabei nur eine geringe Bedeutung beigemessen.
Mit Hilfe baukultureller Analysen können Trends und Defizite, Chancen und Risiken frühzeitig erkannt und durch innovative Konzepte und Wohngebäude beantwortet werden. Abriss und Neubau sind oftmals die richtigere Antwort bei der Entwicklung der Wohnungsbestände und damit der Quartiere. Es lassen sich tradierte städtebauliche Defizite kompensieren. Qualitätsvolles bezahlbares, innerstädtisches Wohnen ist dabei die zentrale Aufgabe: Die Stärkung der Innenstädte, die vitale Stadt und Nutzungsmischung für kreative Milieus zum Wohnen und Arbeiten sind die Basis. Erfüllt diese Anforderungen der Wohnungsbestand, erst dann kommt die Frage nach dem individuellen optimierten energetischen Konzept – andernfalls ist Rückbau und Neubau die richtige Antwort.

Prof. Dr. Karsten Ulrich Tichelmann

Fachbereich Architektur, Tragwerksentwicklung und Bauphysik

Technische Universität Darmstadt

Schlagworte zum Thema:  Instandsetzung, Instandhaltung

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