15.10.2012 | Top-Thema Innerstädtische Nachverdichtung

Ein Hamburger Bauprojekt erfüllt vielfältige Wohnwünsche

Kapitel
Innenhof des altoba-Bauprojekts „Kleine Bergstraße“ mit Blick zu den Häusern der Baugemeinschaften.
Bild: Huke-Schubert Berge Architekten

Innerstädtisches Wohnen ist in. Familien aus der Mittelschicht zieht es nicht mehr automatisch ins Häuschen im Grünen und ältere Menschen suchen zunehmend wieder die infrastrukturellen Vorzüge innenstadtnaher Wohnstandorte. Im Herzen von Altona-Altstadt hat der Altonaer Spar- und Bauverein nun 55 öffentlich geförderte Wohnungen errichtet: für ein lebendiges, generationenübergreifendes Wohnen – zusammen mit zwei Baugemeinschaften und einem sozialen Träger.

Selten stieß ein Neubauprojekt der Altonaer Spar- und Bauverein eG (altoba) auf solch großes öffentliches Interesse. Rund 250 Personen, darunter der Altonaer Bezirksamtsleiter Jürgen Warmke-Rose, trotzten im Februar 2012 der Kälte, um das Richtfest für das Bauprojekt „Kleine Bergstraße“ mitzuerleben. Als im Juli 2012 den ersten Mietern ihre Wohnung übergeben wurde, erhielten sie den Wohnungsschlüssel aus der Hand von Stadtentwicklungssenatorin Jutta Blankau – schließlich haben sich Hamburger Senat sowie Bau- und Wohnungswirtschaft zum Ziel gesetzt, jährlich 6.000 neue Wohnungen zu errichten, um den Wohnungsbedarf in der prosperierenden Metropole zu decken.

Fördermix für generationenübergreifendes Wohnen
Was ist das Besondere an diesem Bauprojekt? Aus Sicht der Mieter ist es nicht zuletzt die interessante Lage – auf einem ehemaligen Parkplatz an der Kleinen Bergstraße, zwischen Hospitalstraße und Virchowstraße gelegen – im Herzen des Stadtteils Altona-Altstadt. In ca. 500 Metern Entfernung soll in Kürze das erste innerstädtische IKEA-Einrichtungshaus Deutschlands entstehen – mitten in der Fußgängerzone Große Bergstraße. Zur Lagegunst trägt die Nähe zum Altonaer Bahnhof bei und die nahe Elbe stellt einen hohen Erholungswert sicher.
Aus Sicht der Öffentlichkeit und Politik ist es vor allem der Mix, der das Bauprojekt besonders macht: Dank der Aufteilung der 55 öffentlich geförderten Wohnungen ist ein lebendiges, generationsübergreifendes Zusammenwohnen quasi vorprogrammiert. 13 altersgerechte Wohnungen hat die Baugemeinschaft Arche Nora bezogen. Das Wohnprojekt richtet sich an Frauen unterschiedlicher Generationen, die gemeinsam leben und sich unterstützen möchten – jedoch jeweils in ihren eigenen vier Wänden. Platz für Begegnung und gemeinsame Aktivitäten bieten ein Gemeinschaftsraum und eine gemeinsame Dachterrasse mit einem einzigartigen Blick auf den sich dynamisch entwickelnden Stadtteil Altona-Altstadt.
Die Gruppe Neuhaus hat als zweite Baugemeinschaft im Bauprojekt „Kleine Bergstraße“ 17 2- bis 6-Zimmer Wohnungen bezogen: Singles, Paare mit und ohne Kinder sowie Alleinerziehende realisieren ihr Konzept von generationenübergreifendem Wohnen. Neben einem großen Gemeinschaftsraum steht ihnen ebenfalls eine gemeinsame Dachterrasse zur Verfügung.

Wohn-Pflege-Gemeinschaft: mittendrin statt nur versorgt
Als weitere Besonderheit gibt die altoba zum ersten Mal einer Wohn-Pflege-Gemeinschaft für Menschen mit einer demenziellen Erkrankung oder anderen kognitiven Einschränkungen ein Zuhause. Bei dieser besonderen Wohngemeinschaft handelt es sich um ein Kooperationsprojekt mit der Alsterdorf Assistenz West gGmbH. Die Wohn-Pflege-Gemeinschaft bietet den Bewohnern Sicherheit und Geborgenheit, gleichzeitig aber vielfältige Möglichkeiten für selbstbestimmte Alltagsaktivitäten. Neben zehn Einzelzimmern mit eigenem Duschbad verfügt die Wohngemeinschaft deshalb über einen hohen Anteil an Gemeinschaftsflächen, inklusive einer großzügigen Wohnküche. Ein großer eigener Gartenbereich ist gemäß den Bedürfnissen demenziell Erkrankter gestaltet: Personen mit erhöhtem Bewegungsdrang können sich auf einem Rundweg frei bewegen – auch wenn ihr Orientierungsvermögen eingeschränkt ist. Erhöhte Anpflanzungen bieten auch bei körperlichen Einschränkungen die Möglichkeit, sich an der Gartenpflege zu beteiligen. Das ausführende Architekturbüro achtete zudem darauf, ein möglichst „normales“ und vertrautes Wohnumfeld zu schaffen – auch wenn die gesamte Wohnung barrierefrei konzipiert ist.
Den Mitgliedern der Genossenschaft wurden die verbliebenen 24 Wohnungen angeboten. Sie sind zwischen 57 und 118 m2 Wohnfläche groß und haben 2 bis 5 Zimmer. Sämtliche Wohneinheiten sind mit einer Einbauküche (siehe hierzu auch unseren Beitrag in DW 10/2012, S. 24), einem Vollbad und einem Balkon oder einer Terrasse ausgestattet.

Viele Wohnformen, viele Wünsche
Der besondere Wohnformenmix in der „Kleinen Bergstraße“ stellte altoba und Architekturbüro vor die Aufgabe, unterschiedlichste Wohnvorstellungen zu kombinieren: „Die altoba wollte den Baugemeinschaften bei diesem Bauprojekt Gelegenheit geben, bei den Ausstattungsdetails und zum Teil auch bei der Grundrissgestaltung ihre Vorstellungen einzubringen – und diese Vorstellungen waren aufgrund der verschiedenen Lebenssituationen und Wohnwünsche äußerst unterschiedlich“, erklärt Prof. Beata Huke-Schubert vom Architekturbüro Huke-Schubert Berge. So wurde beispielsweise im Gebäudebereich der Gruppe Neuhaus auf Wunsch der künftigen Bewohner auf Trennwände zwischen den einzelnen Balkonen auf einer Ebene verzichtet. Auch von den Plänen für ein zweites Treppenhaus im Bereich der Gruppe wurde Abstand genommen: Stattdessen wünschten sich die Neuhaus-Bewohner einen Laubengang, der die Wohneinheiten auf einer Ebene verbindet und zur Kommunikation zwischen den Bewohnern anregt.

Städtebauliche Herausforderung und Fördermittelmix
Der gesamte Gebäudekomplex umfasst 5 Häuser, die sich einen gemeinsamen Innenhof teilen. Mit ihren roten Verblendsteinen und den hellen Putzflächen greifen die Fassaden Farben und Materialien der Umgebungsbebauung auf. Das ca. 3.200 m2 große Grundstück hatte die altoba im Rahmen der zweiten Wohnungsbauoffensive von der Stadt Hamburg erworben. Zuvor war die Fläche als öffentlicher Parkplatz und Straße genutzt worden. Auch die damit verbundene Straßenentwidmung war nicht ohne Herausforderung. Durch die Aufteilung des Projekts in Bauabschnitte konnte sichergestellt werden, dass die Zuwegungen für die Anlieger während der gesamten Bauphase frei blieben.
Neben einer Gesamtwohnfläche von 4.400 m2 verfügt das Haus über 35 Tiefgaragenstellplätze. Das Bauvorhaben wurde als KfW-Effizienzhaus 70 nach EnEV 2009 errichtet und durch die Hamburgische Wohnungsbaukreditanstalt gefördert. Um verschiedene Wohnformen innerhalb eines Bauvorhabens realisieren zu können, kombinierte die altoba verschiedene Förderprogramme: Das Programm „Mietwohnungsbau 2010“ wurde für die altoba-Einzelwohnungen genutzt. Die beiden Baugemeinschaften profitierten vom Programm „Baugemeinschaften 2010“. Mit dem Programm „Besondere Wohnformen 2010“ wurde die Wohn-Pflege-Gemeinschaft gefördert. Weitere Mittel entstammten dem Förderprogramm „Energieeffizient Bauen“ der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Baugemeinschaften und Wohn-Pflege-Gemeinschaft sind Mieter der altoba.

Holger Kowalski
Mitglied des Vorstands
Altonaer Spar- und Bauverein eG Hamburg

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