15.10.2012 | Top-Thema Innerstädtische Nachverdichtung

Chancen nutzen

Kapitel
Der Architekt Hans-Otto Kraus ist technischer Geschäftsführer der GWG in München.
Bild: GWG München

Urbanität ist immer mit Dichte verbunden. Die Nähe der Infrastruktur ist dabei genauso selbstverständlich wie die Nähe zum Nachbarn. Einen überzeugten Landbewohner wird man niemals mit den Qualitäten urbaner Strukturen in die Stadt locken können. Aber Menschen, die städtisches Wohnen bevorzugen, kann man durchaus mit besseren Qualitäten für das Wohnen in der Stadt interessieren.

Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung sind Begriffe, die heute bei fast jeder Gelegenheit auftauchen, ob ernst gemeint oder der „political correctness“ entsprechend verwendet. Im Zusammenhang mit innerstädtischer Entwicklung zur Nachverdichtung sind sie aber selbstverständlicher Bestandteil, quasi systemimmanent.
Unabhängig von der Größe städtischer Gefüge steht dabei die optimale Flächennutzung in Zusammenhang mit vorhandenen Infrastrukturen im Vordergrund. Ver-, Entsorgungs- und Verkehrssysteme, Erschließung, Schulen, Kindergärten etc. sind mehr denn je kritischer Kostenbetrachtung ausgesetzt. Nicht zuletzt wegen der weit verbreiteten Haushalts- und Finanzprobleme vieler Kommunen. Also liegt es nahe, vor weiterer Inanspruchnahme unbebauter, unerschlossener Flächen, die vorhandenen Potenziale städtischer Strukturen zu erkunden und zu nutzen. In einer Stadt wie München, wo – bei weiterem Wachstum – ein immer problematischer werdender Wohnungsmangel herrscht, ist dies ohnehin ein zwingender Ansatz.

Dichte oder Qualität?
Das Fachwort „Nachverdichtung“ löst bei den meisten Betroffenen Unbehagen aus. Man unterstellt zunächst – verständlicherweise – nur mehr Dichte, d. h. Enge und daraus folgende Probleme: An guten Beispielen kann man jedoch im Gegenzug nachweisen, dass zunehmende Dichte in urbanen Strukturen nicht automatisch zu einer Verschlechterung der Wohn- und Lebensbedingungen führen muss. Wie bei so vielem kommt es darauf an, wie und mit welchem Qualitätsanspruch man etwas macht.

Intensivierung baulicher Nutzung
Die Sanierung bzw. Ertüchtigung vieler alter Quartiere und Gebäude steht nicht nur wegen der energetischen Herausforderungen an. Im Zuge ganzheitlicher Betrachtung und nachhaltiger Bewirtschaftung ist es durchaus angebracht, über intensivere bauliche Nutzungen nachzudenken. Gerade unter dem Aspekt, dass der Boden nicht vermehrbar ist und Mangel an bezahlbaren Wohnungen herrscht.
Viele Quartiere oder Siedlungen können mit behutsamen oder auch mit einschneidenden Nachverdichtungen baulich wie strukturell aufgewertet werden. Wenn neben funktionalen Wohnungen auch gut gestaltete sowie vielseitig nutzbare Freiräume entstehen und attraktive Architektur entweder die bisherige Identität eines Quartiers erhält oder sogar eine neue schafft, können selbst intensiver genutzte Quartiere hohe Akzeptanz verzeichnen. Genügend Beispiele sind im Rahmen des Deutschen Bauherrenpreises der AG ­KOOPERATION aufgezeigt und auch prämiert worden.

Ein Beispiel aus der Praxis
Die GWG München praktiziert seit rund zehn Jahren systematische Nachverdichtung in ihren Quartieren. Ein Wohnquartier aus den 1960er Jahren wurde durch Ergänzungsbauten entlang des verkehrsbelasteten Mittleren Rings und durch eine eingeschossige Aufstockung maß- wie wirkungsvoll nachverdichtet. Nicht nur der nunmehr entstandene Schallschutz für die gesamte Siedlung, sondern auch die 63 zusätzlich geschaffenen modernen, barrierefrei erschlossenen Wohnungen bewirken eine noch nicht dagewesene Wohn- und Lebensqualität an dieser Stelle. Die in diesem Zuge durchgeführten Wärmedämmmaßnahmen in Kombination mit der Anbringung von neuen Balkonen komplettieren die Aufwertung. Die Neugestaltung der Außenanlagen – mit Bau einer Tiefgarage – trägt ebenfalls zur positiven Resonanz bei.

Augenmaß bei der Nachverdichtung
Mit diesem Beispiel soll demonstriert werden, dass in der innerstädtischen Nachverdichtung auch eine riesige Chance steckt. Mit städtebaulichem und architektonischem Augenmaß konzipiert und verantwortungs- und qualitätsvoll umgesetzt, kann sie Aufwertung und gleichzeitig Nachhaltigkeit bedeuten.

Hans-Otto Kraus
Technischer Geschäftsführer
GWG München

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