Genossenschaftswohnungen: Bürger bauen für Flüchtlinge

Für den Anfang sind Container und Turnhallen eine Lösung, doch auf lange Sicht brauchen Flüchtlinge mit Bleiberecht eine feste Unterkunft. Eine Herkulesaufgabe in Zeiten des Wohnungsmangels. Im niedersächsischen Sögel hat sich eine Bürgergenossenschaft des Problems angenommen.

Erschwinglicher Wohnraum ist auch in Niedersachsen vielerorts zur Mangelware geworden. Im Emsland, in der Samtgemeinde (Gemeindeverband) Sögel, gründeten Engagierte deshalb die Genossenschaft "Die Willkommen in Sögel e.G. Bürgergenossenschaft für Menschen in Not", um Geflüchteten adäquaten Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Innerhalb weniger Monate zeichneten 250 Bürger Anteile im Wert von 1,4 Millionen Euro

Das war im Herbst 2015, als die Offenheit gegenüber Flüchtlingen am größten gewesen sei, erinnert sich Sögels Samtgemeinde-Bürgermeister Günter Wigbers.

Ein Klima, das die Gemeinde nutzen wollte, um schnellen und dauerhaften Wohnraum für Flüchtlinge zu schaffen. Im September unterschrieben Vertreter der Kommune, der beiden Kirchengemeinden, des lokalen Wirtschaftsverbandes und aller im Gemeinderat vertretenen Parteien die Satzung der neuen Bürgergenossenschaft. Zur Versammlung, auf der sich die neue Genossenschaft präsentierte, kamen mehr als 200 Interessierte.

Der Mindestanteil an der Genossenschaft beträgt 100 Euro. Schon nach wenigen Monaten hatten rund 250 Bürger Anteile im Wert von 1,4 Millionen Euro gezeichnet. Der Grundstock des Kapitals war gelegt und die Genossenschaft konnte sich ihrer eigentlichen Aufgabe widmen: dem Bau und Unterhalt von Wohnungen für Flüchtlinge, Asylbewerber und Menschen in Not.

"Uns war klar, dass die Wohnungen in zentraler Lage gebaut werden mussten. Flüchtlinge haben kein Auto, müssen also Arzt, Schule und Supermarkt zu Fuß erreichen können." Irmgard Welling, Bürgermeisterin von Sögel

Sögel: Zuwanderung gewohnt

Das Hoheitsgebiet der Samtgemeinde Sögel, 1974 durch Zusammenschluss von acht Ortschaften an der holländischen Grenze entstanden, umfasst knapp 300 Quadratkilometer Geestlandschaft. Damit ist Sögel die flächengrößte Kommune im Emsland. Von den rund 16.000 Einwohnern leben nahezu 50 Prozent in Sögel selbst, dem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum der Samtgemeinde.

Bis 1992 waren in Sögel Einheiten der US-Armee mit ihren Familien stationiert, von denen die lokale Wirtschaft stark profitierte; nach deren Abzug kamen Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, die in der Stadt eine neue Heimat fanden.

"Mit Zuzüglern aus fernen Ländern haben wir gute Erfahrungen gemacht. Warum sollte das mit Flüchtlingen aus Syrien oder dem Irak anders sein?" Günter Wigbers, Bürgermeister Samtgemeinde Sögel

Zumal die ansässigen Betriebe Arbeitskräfte benötigen. Im Emsland seien 5.000 Lehrstellen offen, sagt Wigbers. Bedeutendster Arbeitgeber ist der zur Tönnies-Gruppe gehörende Schlachthof Weidemark mit rund 1.400 Mitarbeitern. Daneben gibt es Anlagenbauer, Stahlbaufirmen und mittelständische Handwerksbetriebe in Sögel. Zudem ist die Stadt staatlich anerkannter Erholungsort und hat mit der Schlossanlage Clemenswerth, die als das am besten erhaltene barocke Jagd- und Lustschloss in Europa gilt, auch touristisch etwas zu bieten.

Wohnungsmarkt extrem angespannt

Die wirtschaftliche Blüte hat dafür gesorgt, dass der Sögeler Wohnungsmarkt extrem angespannt ist. Insbesondere preiswerter Wohnraum ist durch mehrfache Erweiterungen des Schlachtbetriebes bei Weidemark knapp geworden. Dort arbeiten vor allem Polen, Ungarn und Rumänen, die ihren Wohnsitz in Sögel und benachbarten Gemeinden haben: Sie sind auf günstige Mieten angewiesen. Auch der Ankauf von Bauland und die Erschließung zweier Baugebiete hat die Wohnungsknappheit bislang nicht lindern können.

Um den ersten Zustrom von Flüchtlingen aufzufangen, hat die Gemeinde zunächst das alte Rathaus, das eigentlich verkauft werden sollte, vorübergehend umfunktioniert. Wigbers bat auch die regionale Baugenossenschaft Aschendorf-Hümmling um Hilfe, die in Sögel rund 100 Wohnungen unterhält. Doch die Genossenschaft war schon bis an ihre Kapazitätsgrenze mit Bauprojekten ausgelastet.

Konzept: Genossenschaftswohnungen für Nichtmitglieder

Die aus der Not geborene Bürgergenossenschaft "Willkommen in Sögel" wurde dann auch keine Baugenossenschaft im klassischen Sinne, deren Daseinszweck es ist, Wohnungen für Mitglieder zu bauen. Im Gegenteil: Die Genossenschaftswohnungen sollen explizit Nichtmitgliedern, und zwar "vorrangig Personen mit dringendem Wohnungsbedarf, vor allem sozial Benachteiligten, also Asylbewerbern und Flüchtlingen, hier insbesondere Kindern und Jugendlichen in Familienverbänden, zur Verfügung gestellt werden", wie es in der Satzung heißt.

Genauso wie klassische Baugenossenschaften ist auch die Bürgergenossenschaft im Genossenschaftsregister eingetragen und Mitglied eines Prüfungsverbandes, der sie in rechtlichen, steuerlichen und betriebswirtschaftlichen Fragen berät und die genossenschaftlichen Pflichtprüfungen ausführt. Die zweite Besonderheit: Die Mitglieder haften nur mit ihren Einlagen.

Bürgergenossenschaft Sögel 1. Haus
Das erste Neubauprojekt der Genossenschaft mit vier Wohnungen wurde wie auch die anderen Häuser im typischen Klinkerstil gebaut.

Wohnungszuschnitte flexibel gestaltbar

Mit diesem Konzept hat die Bürgergenossenschaft bislang 23 Wohnungen und damit Wohnraum für 83 Personen geschaffen. Heute bewirtschaftet sie vier Häuser, alle in zentraler Lage in Sögel. Das erste Wohnhaus mit vier Wohneinheiten erwarb die Genossenschaft gleich nach der Gründung für 2,8 Millionen Euro vom Bistum Osnabrück. Die drei anderen Gebäude sind Neubauten – entworfen von Sögeler Architekten, die sich ebenfalls in der Genossenschaft engagieren.

Ein Grundstück für diese Neubauten wurde von Privat zum halben Bodenwert angeboten, die beiden anderen hat die Gemeinde als Genossenschaftsanteil eingebracht. Das bislang letzte, im Frühjahr 2017 fertiggestellte Haus kombiniert Wohnungen mit einer Tagespflegeeinrichtung des Deutschen Roten Kreuzes.

Alle drei Neubauten wurden im regionaltypischen Klinkerstil errichtet. Aufzüge lassen sich in allen Häusern nachrüsten und die Wohnungszuschnitte sind durch flexibel gestaltbare Innenwände veränderbar. "Falls hier eines Tages Seniorenwohnungen entstehen sollten", erklärt Bürgermeisterin Irmgard Welling.

Sozialverantwortung und Solidarität

In den 70 bis 90 Quadratmeter großen Wohnungen, die mit Mieten von fünf bis sechs Euro pro Quadratmeter liegen, leben Familien oder Wohngemeinschaften von bis zu sechs Personen. Die Gemeinschaftswohnungen bestehen aus Schlafzimmern für je zwei Personen, zwei Toiletten und der Küche als größtem Raum. Die meisten Mieter stammen aus Syrien, gefolgt von Menschen aus Afghanistan, Irak und Simbabwe; auch acht Deutsche leben in Genossenschaftswohnungen.

"Anfangs sind viele Flüchtlinge, die ursprünglich nach Sögel gekommen waren, in größere Städte weiter gezogen", berichtet Irmgard Welling. Inzwischen haben jedoch die ersten Flüchtlinge eine Arbeitsstelle oder einen Ausbildungsplatz gefunden. Und auch die zweite Bedingung, die erfüllt sein muss, damit Menschen Wurzeln schlagen, ist in Sögel gegeben: ein Dach über dem Kopf.


Der Artikel erschien im Magazin DW Die Wohnungswirtschaft, Ausgabe 03/2019.


Lesen Sie auch:

Wenn aus Flüchtlingen Nachbarn werden

BBU stellt Wohnleitfaden für Geflüchtete in weiteren Sprachen zur Verfügung

Schlagworte zum Thema:  Genossenschaft, Wohnungsbau, Sozialwohnung