Genossenschaft: Beteiligungsmanagement und Selbstverwaltung

Mitgliederbeteiligung sei kein lästiges Beiwerk, sondern ein Erfolgsfaktor, meint der Vorstandsvorsitzende der Bielefelder Baugenossenschaft Freie Scholle Kai Schwartz. Im Interview erklärt er sein Konzept von Selbstverwaltung und Beteiligungsmanagement.

Zu Beginn ein Blick in die Historie: Sie haben bereits 1996 die Selbstverwaltung durch die Mitglieder eingeführt. Was wird seitdem anders gemacht, als es bei Genossenschaften üblich ist?

Kai Schwartz: Wir haben viel unternommen, damit sich unsere Mitglieder über das in der Satzung festgelegte Recht der Teilhabe hinaus einbringen können und so eine Selbstverwaltung stärker möglich wird. Wir wollten nicht mehr nur eine anlassbezogene, sondern vielmehr eine kontinuierliche Einbindung unserer Mitglieder und Bewohner. Die elf Siedlungsräte, die gewählt wurden, die Haussprecher und die von uns aufgebauten Serviceteams aus Kaufleuten, Sozialarbeitern und Technikern Beispiele für den kontinuierlich praktizierten Dialog. Für uns ist die Einbindung eine absolute Selbstverständlichkeit geworden, die wir im Wettbewerb auf dem Wohnungsmarkt auch als ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal betrachten.

Ist es dem Mieter heute nicht doch egal, bei wem er einzieht? Zählen nicht hauptsächlich die Lage und der Preis?

Das glaube ich so nicht. Wir leben aktuell in einer Zeit mit vielen Veränderungen. Wir als Genossenschaft haben uns bewusst gemacht, dass es darum geht, unsere Bestände und die Wohnquartiere auf unterschiedliche Art und Weise zu entwickeln. Wir nehmen deutlich wahr, dass sich Menschen mit den Veränderungen ihres Lebensumfeldes aktiv und konstruktiv auseinandersetzen. Menschen bringen sich gerne ein bei den Dingen, die sie unmittelbar betreffen. Aus unserer Sicht sind wir mit den erweiterten Möglichkeiten der Beteiligung am Puls der Zeit.

Bei den Wahlen zu den Vertreterversammlungen 2014 hat sich aber trotz starkem Werben für die Beteiligung nur noch jedes 15. Mitglied beteiligt. Ist das ein Signal für fehlendes Engagement der Mitglieder?

Das können Sie sicherlich so sehen. Wir haben die niedrige Beteiligung aber nicht an fehlendem Engagement festgemacht, sondern an unserer Wahlordnung. Unsere Mitglieder und Bewohner sind und waren immer engagiert, allerdings hatten wir bei den Vertreterwahlen keine Flexibilität. Heute ist beispielsweise auch eine Briefwahl möglich. Zuletzt hatten wir eine Beteiligung von über 34 Prozent – das unterstreicht die Bereitschaft, mit zu gestalten. Die neue Wahlordnung ist aber lediglich ein kleines Mosaiksteinchen gewesen, um das Engagement in den Quartieren zu fördern.

Sie haben das alte Beteiligungskonzept vor zwei Jahren auf den Prüfstand gestellt. Woher hatten Sie den Optimismus, dass sich mit neuem Konzept das Engagement wieder erhöhen wird?

Wir hatten seit 1993 erlebt, dass sich Menschen gerne einbringen, wenn es um ihre unmittelbaren Interessen geht. Unser Ziel war es, die vorhandenen Möglichkeiten sinnvoll fortzuschreiben. Unser Optimismus speiste sich auch daraus, dass wir feststellen durften, dass Wohnen in einer Genossenschaft, wie wir es interpretieren, als ein Mehrwert gesehen wird. Sicherlich hat das auch etwas mit unserem Selbstverständnis zu tun: Wir müssen die Menschen nicht einbinden, sondern wir wollen das. Wir gehen auf die Menschen nicht nur dann zu, wenn wir etwas von ihnen wollen. Wir agieren konstruktiv. Nein zu sagen, reicht uns nicht für das Miteinander mit unseren Kunden. Lösungen sind unser Ziel. Diese innere Haltung und Bereitschaft motiviert Menschen und macht Lust am Mitgestalten.

Strategie für mehr Mitarbeiterbeteiligung

In welchen Schritten sind Sie vorgegangen bei der Einführung von mehr Beteiligung?

Das Wichtigste war, dass wir vom Aufsichtsrat über die Mitarbeiter bis zu den Siedlungssprechern möglichst viele Akteure in unsere Genossenschaft vom ersten Tag an mitgenommen haben. Eine Arbeitsgruppe hat über ein Jahr lang eine zweitägige Konferenz vorbereitet, bei der sich dann mehr als 140 Teilnehmer mit neuen Möglichkeiten der Einbindung und Dialogformen beschäftigt haben. Aus der Konferenz ist dann unser umfassender Instrumentenkoffer entstanden. Die Botschaft lautete: Wer will – wer sich betroffen und angesprochen fühlt –, der kann mitmachen. Ohne große Hürden. Ohne die Verpflichtung, ein Amt anzunehmen oder für etwas gewählt werden zu müssen.

Hatten Sie Vorbilder für Ihre Strategie?

Nein. So wie wir es jetzt machen, ist es unsere Idee, die wir weder kopiert noch irgendwo geklaut haben.

Sie haben neben den elf Siedlungsräten, Siedlungssprechern und Haussprechern die Stelle eines hauptamtlichen Beteiligungsmanagers neu geschaffen. Was muss man sich darunter vorstellen?

Der Beteiligungsmanager ist eine Stabsstelle des Vorstands, die innerhalb unserer Genossenschaft Zugriff auf alle Ressourcen hat. Zentrale Aufgabe des Managers ist es, erster Ansprechpartner zu sein und dann bei den angeschobenen Themen die Beteiligung sicherzustellen und auch organisatorisch umzusetzen. Er ist unser oberster Netzwerker.

Können Sie konkrete Beispiele nennen, wo und wann der Beteiligungsmanager aktiv wird?

Das Spektrum ist sehr groß. Es reicht von Themen der Gestaltung von Außenanlagen – Blühwiese oder weiterhin die klassische Anmutung – über Fragen, wie modernisiert oder instandgehalten wird, bis hin zu Themen, ob die Hausreinigung fremd vergeben werden soll oder die Bewohner das weiter selbst übernehmen. Wir gehen da relativ weit, was die Einbindung in unsere Prozesse betrifft.

Beteiligungsprojekt Freie Scholle Kunst am Garagentor
Beteiligungsprojekt: Nach den Wünschen der Mitglieder und Bewohner haben Künstler eine Garagenfassade gestaltet

Selbstverwaltung und Mitgestaltung kennen auch Grenzen

Wie schaffen Sie es, den engagierten Bewohnern klarzumachen, dass Selbstverwaltung und Mitgestaltung auch Grenzen kennt?

Sie sprechen einen wesentlichen Punkt an. Es ist eine entscheidende Aufgabe des Beteiligungsmanagers, bei allen Themen den Beteiligten die Grenzen der Mitgestaltung aufzuzeigen. Es muss vor Beginn des Dialogs geklärt sein, was ansteht und was möglich ist. Es ist kein Wunschkonzert. Die rechtlichen, finanziellen oder auch strategischen Aspekte, denen wir als Genossenschaft unterworfen sind, müssen berücksichtigt bleiben. Für mich ist die transparente, intensive und eindeutige Kommunikation ein ganz wesentlicher Erfolgs- und auch Motivationsfaktor. Und klar muss auch sein: Wenn es Ergebnisse eines Beteiligungsprozesses gibt, sind wir auch gefordert, diese zeitnah umzusetzen.

Dürfen sich formal nur Mitglieder oder auch Familienmitglieder in die Selbstverwaltung einbringen?

Jeder Bewohner ist uns willkommen. Das ist ganz ausdrücklich nicht an die Mitgliedschaft gebunden. Wir freuen uns übrigens auch sehr darüber, dass wir über diesen Prozess auch neue Mitglieder gewinnen konnten.

Hand aufs Herz: Hat sich nach den Neuerungen das Engagement denn wirklich vergrößert?

Ja, das hat es. Wir sind zufrieden über die vielen Bewohner, die sich bei den unterschiedlichsten Themen einbringen. Das ist deutlich mehr geworden und gilt sowohl für kurzzeitiges Engagement als auch mit Blick auf die Vertreterwahlen. Denn auch da freuen wir uns, dass es wieder wesentlich mehr Interessenten gibt und wir somit wirklich von Wahlen sprechen können.

Ist es gelungen, auch junge Mitglieder zu motivieren? Vertreter- und Mieterversammlungen sind ja ansonsten oft – frech und salopp formuliert – eine "Rentnerveranstaltung".

Traditionell sind wir eine Genossenschaft, die nicht nur junge Leute hat. Wir freuen uns umso mehr, dass wir mit den neuen Umgangsformen nun verstärkt junge Bewohner zum Mitmachen motivieren. Zugleich spüren wir aber, dass dadurch natürlich Erwartungshaltungen auf uns zukommen, denen wir uns stellen und die wir mit Leben erfüllen müssen. Kurzum: Mit Blick auf junge Bewohner sind die vergangenen zwei Jahre ein Erfolg.

Mitarbeiterbeteiligung kostet Geld

Am Ende muss alles bezahlbar bleiben. Wie hoch ist der finanzielle Aufwand pro Jahr für die ausgeweitete Form der Mitgliederbeteiligung? Und wie viel macht das von der Gesamtmiete aus?

Für uns gehören diese Aktivitäten zu unserem Selbstverständnis dazu. Sie sind Teil unseres mehrdimensionalen Förderauftrages wie auch die vier Sozialarbeiterstellen, die wir haben. Insofern sind unsere Personalkosten mit anderen Wohnungsanbietern nicht vergleichbar. Wie viel uns das Beteiligungsmanagement bezogen auf die Miete kostet, kann ich nicht sagen. Bezogen auf die monatliche Kaltmiete pro Quadratmeter sind es wenige Cent. Insgesamt ist es pro Jahr ein niedriger sechsstelliger Eurobetrag. Zusätzlich zum Beteiligungsmanager sind weitere personelle Ressourcen erforderlich. In Summe entsprechen sie etwa drei unserer insgesamt 65 Vollzeitstellen.

Kritiker könnten sagen: Das kostet alles nur unnütz Geld, verlangsamt Entscheidungswege und führt nur zu lästigen Diskussionen. Was antworten Sie?

Das sehe ich anders. Wenn ich ein Potenzial an Kritikern habe, dann machen diese sich früher oder später sowieso bemerkbar. Und Kritiker gibt es fast immer. Wir sind lieber proaktiv unterwegs und steuern den Prozess: Wir warten nicht, bis der Widerstand da ist, sondern agieren, bevor es richtig anstrengend wird. Ich bin überzeugt, dass es viel kostspieliger ist, etwaige Blockadehaltungen in den Griff zu bekommen. Für mich ist jeder Cent für unseren partizipativen Ansatz gut investiertes Geld. Und es gibt aus ganz Deutschland immer wieder Anfragen. Wir sind im regen Austausch mit anderen Unternehmen und wissen, dass einige Genossenschaften dabei sind, einzelne Bausteine und Ansätze konkret umzusetzen. Das freut uns natürlich.

Und Ihr Fazit nach den ersten zwei Jahren des neuen Konzeptes?

Wir sind sehr zufrieden, weil wir eine hohe Akzeptanz bei den Mitgliedern, aber auch bei den Mitarbeitern feststellen. Einbindung ist bei uns kein lästiges Beiwerk, sondern ein Erfolgsfaktor. Zudem: Es gibt kein nachhaltigeres Geschäftsmodell, wenn es um gutes, generationenübergreifendes, serviceorientiertes und bezahlbares Wohnen geht. Genossenschaften sind kein Selbstzweck, sondern haben bewiesen, dass sie über Jahrzehnte wirtschaftlich erfolgreich und sozialverträglich sind. Gerade in den aktuellen Diskussionen zeigt sich, dass es kein moderneres Modell für die Wohnraumversorgung gibt.

Das Interview erschien im Magazin "DW Die Wohnungswirtschaft", Ausgabe 11/2019.

Haufe Online Redaktion
Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Genossenschaft, Wohnungsbau