Kapitel
Vernetzt: Bei Serious Games wie "Stadtspieler" übernehmen Akteure Verantwortung als Teil eines Systems Bild: Corbis

Neben dem Werben um bestimmte Zielgruppen kennt die Wirtschaft seit Jahren eine weitere Form der Gamification: Simulations- und Rollenspielen machen Realitäten erlebbar.

Unabhängig von analogen Klebepunkten und digitalen Angeboten wie "Recrutainment" setzt das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft auf ein "Marketing Information Game". In dieser Wirtschaftssimulation schlüpfen Schüler in die Rolle von Führungskräften konkurrierender Industriebetriebe. "Wie funktioniert ein Betrieb? Worauf muss ich als Unternehmer achten? In diesem Planspiel werden Jugendliche zu Handelnden, sie üben strategisches Denken in der Rolle als Unternehmer und übernehmen Verantwortung", beschreibt Tobias Lohmann, Sprecher der Geschäftsführung des Bildungswerks, wie unbekannte Realitäten erlebbar gemacht werden können.

Strategiespiele als Denkmodelle

Eine ähnliche Feststellung hat die Wirtschaftsgeographin Professor Dr. Annika Mattissek von der Universität Freiburg gemacht. In ihren Vorlesungen setzt sie das mehrfach ausgezeichnete Strategiespiel "Die Siedler von Catan" als Denkmodell ein, "damit die Studierenden ein besseres Verständnis für die Knappheit bestimmter Ressourcen und deren Relevanz für Infrastrukturprojekte bekommen", wie Mattissek berichtet.

"Ein spielerischer Zugang hilft immer." Professor Dr. Annika Mattissek, Universität Freiburg

 

Und die Wirtschaftsjunioren spielen sogar international. Ihr "World Trade Game" wird von der Dachorganisation, der Junior Chamber International, auch in Dänemark und der Schweiz eingesetzt. "Mit dem World Trade Game können Weltwirtschaftskrisen genauso simuliert werden wie eine geplatzte Koalitionsverhandlung. Das Spiel soll Schüler an Wirtschaft heranführen. Und das funktioniert auch", sagt Sönke Petersen, heute Geschäftsführer der Röhlk und Petersen GmbH. Er hatte vor Jahren, damals aktives Mitglied der Wirtschaftsjunioren, das Brettspiel in seine Heimatstadt Flensburg geholt. Und Spielen ist offenbar keine Frage des Alters, wie Petersen bestätigt:

"Selbst auf unseren Konferenzen wollten die Kollegen abends noch weiterspielen. Egal, wen man abends beim Bier traf, jeder wollte noch mit dir handeln." Sönke Petersen, Geschäftsführer der Röhlk und Petersen GmbH

 

Empowered Learning

"Eine gute didaktische Methode ist wie eine gute Komposition für ein Orchester: Es muss Elemente geben, die immer da sind, Elemente, die gezielt eingesetzt werden, und Elemente, die für sich alleine wenig wirken, aber im Gesamtzusammenhang ungemein wichtig sind", betont die Organisationsentwicklerin Dr. Claudia Müller-Kreiner in ihrer Dissertation. Solch unterstützende Elemente können z. B. eine Auftakt- und Abschlussveranstaltung im Stadtteil sein.

Im Minimalfall besteht die Vor- und Nachbereitung aus einem Briefing und Debriefing mit begleitenden Experten wie Georg Pohl aus Hamburg. Der Spieleentwickler bringt alle Akteure sprichwörtlich an einen Tisch. Sein Brettspiel "Stadtspieler" erfüllt die Kriterien, die Müller-Kreiner fordert. Jeder der vier bis sechs Stadtspieler ist wie im realen Leben ein Teil des gesamten Systems. Pohl hat bei der Konzeption darauf geachtet, dass jeder Spieler eine Rolle übernimmt, die Einfluss auf das Spielgeschehen nimmt und auch das gemeinsame Verständnis, das voneinander Lernen beeinflusst. Die Mitspielenden werden zu "Empowered Learners". Sie gewinnen Vertrauen und werden durch die zugrundeliegende "Story" motiviert. Ihnen bietet sich die Chance, teilzuhaben und mitzugestalten, die Wissensvermittlung liegt in ihren Händen. Lesen Sie hier mehr zu "Stadtspieler".

Weitere Kapitel:

Komplexität vereinfachen, Probleme lösen

Städte spielerisch entwickeln mit Serious Games

Interview mit Stadtforscher Stephan Willinger


Eine ungekürzte Version dieses Artikels finden Sie in der DW 1/2018.

Schlagworte zum Thema:  Stadtentwicklung, Wohnungswirtschaft, Neubau, Krisenbewältigung, Kommunikation

Aktuell
Meistgelesen