Future Living Berlin: Praxistest für die Wohnung von morgen

Smart Home, Ambient Assisted Living, intelligente Energiesysteme: Seit Längerem experimentiert die Wohnungswirtschaft mit vernetzter Gebäudetechnik. Jetzt realisiert die GSW Sigmaringen am Rand des Technologieparks Adlershof ein wegweisendes Projekt: Das Wohnviertel Future Living Berlin.

Für die Bewohner der Mietwohnungen, die derzeit am Groß-Berliner Damm im Stadteil Adlershof im Projekt Future Living Berlin entstehen, wird einiges anders sein als für die meisten anderen Mieter in Deutschland: Wenn sie das Licht einschalten wollen, müssen sie nicht unbedingt einen Schalter betätigen, sondern können auch per Sprachbefehl für Helligkeit sorgen.

Einen konventionellen Wohnungsschlüssel brauchen sie ebenfalls nicht – die Türen öffnen sie über eine App auf ihrem Smartphone. Sobald sie die Wohnung verlassen, werden sie automatisch darauf aufmerksam gemacht, wenn ein Fenster offen steht. Und auf einem Tablet an der Wand können sie permanent verfolgen, wie viel der vor Ort erzeugten Energie sie gerade verbrauchen.

GSW Sigmaringen: Smart-Home-Lösungen in Adlershof einzigartig

Im Einzelnen sind diese technischen Funktionen schon im einen oder anderen Mietshaus vorhanden. Im Vermietungsbereich sei die Vielfalt an Smart-Home-Lösungen, wie sie in Adlershof umgesetzt werde, hingegen einzigartig, meint Birgid Eberhardt, Bereichsleiterin Smart Home/AAL bei der GSW Gesellschaft für Siedlungs- und Wohnungsbau Baden-Württemberg mbH (GSW Sigmaringen).

"Die meisten bisherigen Smart-Home-Anwendungen richten sich in erster Linie an Eigenheimbesitzer." Birgid Eberhardt, Bereichsleiterin Smart Home/AAL bei der GSW Sigmaringen

Keine Luxuswohnungen: Mieten unterhalb des Mietspiegelwerts

Umsetzen will das Unternehmen des Sozialverbands VdK Baden-Württemberg das innovative Wohnprojekt in einem Ensemble aus mehreren Gebäuden, das neben 69 Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen auch 20 möblierte Boarding-House-Studios umfasst. Hinzu kommen zwölf Gewerbeeinheiten sowie ein Ausstellungs- und Seminarbereich.

Ein Luxusprojekt wird es nach Angaben der GSW Sigmaringen nicht werden, vielmehr soll Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten entstehen. Die Wohnungsmieten sollen sich unterhalb des Mietspiegelwerts bewegen, der für Neubauten in Adlershof bei rund 12,50 Euro pro Quadratmeter liegt.

Smart Home via Smartphone von Schindler
Aufzüge, Haus- und Wohnungstüren können über das Smartphone gesteuert werden.

Autonomie wahren: Mieter bestimmen mit, welche Technik sie nutzen

Obwohl die Verantwortlichen auf fortschrittliche Technik setzen, wollen sie die Autonomie der Nutzer wahren. Laut Eberhardt können die Mieter grundsätzlich mitbestimmen, welche technischen Möglichkeiten sie nutzen wollen.

Das Licht etwa könne entweder über Schalter ein- und ausgeschaltet oder über Sprache gesteuert werden. Wahlmöglichkeiten gibt es auch beim Orientierungslicht, bei der Funktion, die dafür sorgt, dass die Räume bei niedrigem Sonnenstand automatisch verschattet werden oder bei der Innenraumaktivitätsmessung.

Einige Funktionen lassen sich hingegen nicht ausschalten: beispielsweise der Leckagemesser, der die Wasserleitung zudreht, sobald Wasser ausläuft. Geplant ist darüber hinaus eine App, über welche die Mieter mit dem Vermieter kommunizieren und Schäden melden können.

Energiekonzept: All-inclusive-Miete und Car-Sharing-Angebot

Neben Komfort und Sicherheit wird im Adlershofer Projekt auch Energieeffizienz großgeschrieben.

"Future Living Berlin erzeugt über Wärmepumpen, Photovoltaik und Wärmerückgewinnung so viel Energie, dass rechnerisch keine Energie zugekauft werden muss." Birgid Eberhardt, Bereichsleiterin Smart Home/AAL bei der GSW Sigmaringen

Für kontinuierliche Information sorgt der sogenannte Wohnungsmanager – ein an der Wand installiertes Tablet, das den Strom-, Wärme- und Wasserverbrauch des Haushalts auf einer Skala von 1 bis 5 anzeigt.

Auch auf die Mietengestaltung wirkt sich das Energiekonzept nach Aussage der Macher aus: Das Bestandsmanagement der GSW Sigmaringen sei dabei, eine All-inclusive-Miete zu kalkulieren, in der eine bestimmte Menge Energie inbegriffen ist. Als Contractor für das Mieterstromkonzept wirkt der Münchner Öko-Energieversorger Polarstern. Zum Energiekonzept gehört außerdem ein Car-Sharing-Angebot mit Elektrofahrzeugen der Daimler AG.

Zu den weiteren Partnern zählen der japanische Elektronikkonzern Panasonic, der Smart-Home-Dienstleister Digitalstrom AG und die Schindler AG. Der Aufzughersteller betreibt nicht nur die Aufzüge, sondern liefert mit der digitalen Mobilitätslösung myPort auch das schlüssellose Türöffnungssystem.

Fertigstellung für August 2019 geplant

Begonnen haben die Bauarbeiten für das Projekt im Juli 2017. Vorangegangen war eine lange Planungsphase in Kooperation mit der für die Projektentwicklung zuständigen Berliner Unternehmensgruppe Krebs. Diese hatte 2013 den Baubeginn zunächst für 2014 angekündigt. Die Verzögerung begründet die GSW Sigmaringen in erster Linie mit den gestiegenen Baukosten. Nach derzeitigem Stand soll Future Living Berlin im August 2019 fertiggestellt werden.

Dass das Berliner Projekt außerhalb des Kerngebiets der GSW Sigmaringen realisiert wird, hängt damit zusammen, dass ein Teilbereich des neuen Wohngebiets in Adlershof explizit für technisch und energetisch innovative Wohnprojekte reserviert ist, etwa das Powerhouse, ein Plusenergiehaus von Laborgh. Die Howoge hat das Wohnprojekt in Berlin-Adlershof 2016 gekauft.


Der vollständige Artikel erschien im Magazin "DW Die Wohnungswirtschaft", Ausgabe 12/2018


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