13.08.2012 | Top-Thema Freiflächengestaltung

Freiraumgestaltung mit Individualisierung: Zwischen den Zeilen - Leben

Kapitel
Luftaufnahme der Siedlung am Buchheimer Weg während der Baumaßnahmen
Bild: GAG Köln

Im April 2012 wurde die Siedlung am Buchheimer Weg in Köln-Ostheim fertig gestellt. In den letzten fünf Jahren sind hier Wohnbauzeilen aus den 1950er Jahren abgerissen worden und durch ein charakteristisches Neubauquartier im geförderten Wohnungsbau ersetzt worden. Die preisgekrönte Freiraumgestaltung bietet Lösungsansätze, die auch für andere Siedlungsräume dieser Epoche Anwendung finden sollten.

Das Planungsteam ASTOC architects and planners mit Johannes Böttger Landschaftsarchitekten entwickelte ein Konzept, das zwischen den Gebäuden wiederum weite Abstände belässt. Die Ausrichtung der Neubauten untereinander und ein Knick im Grundriss der Gebäude erzeugen nun städtebaulich vielfältige Räume. Die Landschaftsarchitektur entwirft hierin neue Bedeutung und Nutzungen für die großen Freiflächen zwischen und um die Bauten und erschafft einen markanten Ort. Ein wesentliches Ziel ist es, durch eine abgestufte Gestaltung der Freianlagen Bereiche mit öffentlichem Charakter und siedlungsbezogene Räume zu unterscheiden.

Die Anordnung von vielen Mietergärten ist eine der wesentlichen Setzungen im Freiraumkonzept. Als Garteninseln bezeichnete, zusammenhängende Flächen parzellierter Mietergärten bilden räumliche Figuren, auf denen die Gebäude stehen. Die Gärten erreichen Privatheit für die auf der Nullebene liegenden Erdgeschosswohnungen und, dass viel Leben in den Siedlungsraum ausstrahlt. Die Gärten haben jeweils Türchen, die den Gartenbetrieb und eine sekundäre Erschließung ermöglichen. Sie befördern auch den formlosen sozialen Austausch, die gemeinschaftlich genutzten Höfe erhalten dadurch Anlieger, eine erhöhte soziale Kontrolle ist die Folge. Die Ligusterhecken, die sämtliche Gärten einfrieden, sind in der Höhe unterschiedlich. Bis zu 1,90 m, wenn Abschirmung gewünscht ist, wie zum Beispiel zu Müllplätzen, oder nur 1,20 m, wenn Kontakt sein soll, sowie zu den grünen Bereichen der Höfe. Die Heckenhöhen werden mit diagonalen Oberkanten vermittelt, der Verlauf wird durch Eckpfosten vorgegeben. Der große Anteil an Mietergärten an der Gesamtfläche sorgt zudem für relativ geringe Kosten, sowohl in Erstellung, als auch in der Pflege der Anlage. Der sehr hohe Anteil an unversiegelten Flächen hat einen ökologischen Wert. Das Niederschlagswasser der Wegeflächen kann direkt versickern, ein Rigolensystem entsorgt das Dachwasser. Einige der schönen Bäume konnten erhalten werden, die zusammen mit den angrenzenden Grünstrukturen der Siedlung von Beginn an zu einem fertigen Bild verhelfen.

Wege durch die Siedlung

Die dicht bebaute Wohnsiedlung ist mit einem entsprechend engmaschigen Wegenetz ausgestattet. Die Gebäude haben durchgesteckte Treppenhäuser, die im Erdgeschoss beidseitig Eingänge haben, es ergeben sich viele Anschlusspunkte und eine gute Erreichbarkeit der Spielflächen und Aufenthaltsbereiche. Zudem werden ein großer Jugendspielplatz und eine Kleingartenanlage in der Nähe zum Anlass genommen, eine Wegeverbindung durch das Gebiet hindurch zu erzeugen. Diese Wegstrecke hat einen öffentlichen Charakter und ist besonders gestaltet. Die Wegebreite verändert sich von platzartiger Aufweitung bis hin zu einem 150 cm schmalen Hauptweg, dem Minimum unter dem Gesichtspunkt des barrierefreien Bauens. Das wasserdurchlässige Gussmaterial erlaubt die sich ergebende vieleckige Form und ermöglicht gefällelose Flächen und den Verzicht auf kostenintensive Abläufe. Zudem ist das Material grün und korrespondiert mit den Fassaden. Die Nebenwege sind gepflastert, auch hier kommt ein grünes, sickerfähiges Material zum Einsatz, wenig wichtige Wege und Pfade, die entlang bestehender Bäume verlaufen, sind wassergebunden hergestellt. Im Bereich der Verkehrsflächen sind ebenfalls abgestufte Materialien eingesetzt. Die öffentlichen Straßen haben asphaltierte Fahrbahnen, Höfe mit dem Schwerpunkt Erschließung, Adressbildung voll versiegelte Parkplätze, Stellplätze, die weniger im Fokus stehen, sind mit Rasenfugenpflaster belegt. Weiter im Inneren gelegene notwendige Verkehrsflächen, auch für die Rettungswege, sind auf Wegen integriert oder über Schotterrasen hergestellt, so dass sie im Alltag nicht als Verkehrswege wahrgenommen werden.

Funktion: Individualisierung

Die Freianlagen nehmen sich in diesem Projekt nicht zurück, sie fallen auf und erschaffen über die Flächen ein Gerüst der Siedlung. Die Freiraumplanung formuliert durch den pointierten Einsatz von farbigen Materialien und Sonderbauteilen einen starken Ausdruck und schafft ein Pendant zur städtebaulichen Setzung durch Baukörper. Die Wegebaumaterialien greifen die Farbigkeit der Fassaden auf, die spielerischen Flächenbegrenzungen mit vielen Knicken in langen Linien ergänzen die Architektursprache. In der Abfolge von identischen Haustypen erzeugen diese Setzungen erkennbare Unterschiede und helfen bei der Individualisierung der Wohnsituation. Der Ort bekommt eine eindeutige Adresse und darüber hinaus eine gewisse Sonderstellung im Stadtteil.

Fazit: Beispielcharakter

2012 gewann das Projekt in der Kategorie Neubau einen Bauherrenpreis, außerdem den neu gestifteten Preis für Freiraumgestaltung im Siedlungsbau des Bundes deutscher Landschaftsarchitekten. Neben einer erreichten hohen Gestaltqualität bescheinigten die Juroren dem Projekt einen Beispielcharakter, wonach die hier angelegten Lösungsansätze auch für andere Siedlungsräume dieser Epoche Anwendung finden sollten.

Johannes Böttger, Landschaftsarchitekt, Büro Urbane Gestalt, Köln

Schlagworte zum Thema:  Individualisierung

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