13.08.2012 | Top-Thema Freiflächengestaltung

Mietergärten: Grüne Wohnzimmer - mitten in der Stadt

Kapitel
Kleine grüne Paradiese, geschaffen von gewobau-Mietern in Rüsselsheim
Bild: gewobau Rüsselsheim

Mietergärten haben sich als sozialer Stabilisator für Quartiere bewährt – das zeigen Beispiele aus der ganzen Bundesrepublik. Deshalb erfüllen viele Gesellschaften den Bewohnern die Sehnsucht nach einem Stück Grün vor der Haustür. Die Maxime „Betreten des Rasens verboten“ gilt nicht mehr.

Viele Städter träumen vom eigenen Stückchen Erde. Das brachte die beiden Betriebswirtinnen Wanda Ganders und Natalie Kirchbaumer auf eine clevere Geschäftsidee: „Meine Ernte“ heißt ihr 2009 gegründetes Unternehmen, das Gemüsegärten zum Mieten anbietet und inzwischen in über 20 Großstädten erfolgreich ist. 2010 bekamen die Unternehmerinnen dafür den Förderpreis der Agrarwirtschaft. In Kooperation mit heimischen Bauern pachten die beiden Gründerinnen Felder, unterteilen sie in unterschiedlich große Parzellen und vermieten diese saisonweise an Singles, Familien, Freunde. Vor der Übergabe Anfang Mai werden die Gärten vom Landwirt professionell mit über 20 Sorten Gemüse, Kräutern und Blumen besät. Wasser und Gartengeräte sind vor Ort vorhanden und für Fragen gibt es eine wöchentliche Gärtnersprechstunde mit dem Bauern und einen Newsletter mit Tipps und Infos. 

Garten mitten in der Stadt

Auch Wohnungsunternehmen haben die Bedeutung von Mietergärten erkannt, private Fleckchen Erde, die die Bewohner selbst nutzen und gestalten können. So werden bei der NUWOG Wohnungsgesellschaft der Stadt Neu-Ulm GmbH Mieter mittels Pflanzenbudgets zur Mitarbeit gewonnen. „Das schafft eine persönliche Bindung zu ihrem Garten, die emotionale Aneignung des Quartiers wird unterstützt, die wahrgenommene Wohnqualität steigt und als Nebenprodukt wächst die soziale Kontrolle im Quartier“, erklärt Helmut Mildner, Geschäftsführer der NUWOG. Rund 400 solcher grüner Wohnzimmer hat die Gesellschaft für Bauen und Wohnen Hannover mbH (GBH) auf Hinter- und Garagenhöfen, auf so genannten Abstandsgrünflächen und unter Erdgeschossbalkonen geschaffen. Dazu kommen rund 1.600 Terrassenwohnungen mit angrenzenden Grünstreifen, auf denen die Mieter ebenfalls gärtnern dürfen. Die Mietkosten für das kleine Stück Grün vor der Wohnung belaufen sich auf wenige Euro im Monat. Die Regeln beschränken sich auf das Wesentliche, kein Lärm, kein unmäßiger Wildwuchs, keine hohen Zäune oder Hecken und keine Gartenlaube. Insgesamt gingen die Mieter sehr sorgsam mit ihrer Grünfläche um, sagt Klaus Robl, seit 1982 zuständig für Planung und Realisierung von Mietergärten bei der GBH.

Erfolgreiches Konzept für problematische Quartiere

Mietergärten tragen zur Aufwertung des Wohnumfeldes bei, sie geben den Bewohnern Gestaltungsspielräume, stiften Gemeinschaft und fördern so die Bindung ans Quartier. Das waren die zentralen Erkenntnisse eines von der Europäischen Union 2001 initiierten Forschungsprojekts zur Verbesserung von Wohnverhältnissen in sozial spannungsreichen Quartieren, dem so genannten Nehom-Projekt (Neighborhood Housing Models). In den Blick nahmen die Wissenschaftler unter anderem das Berliner Viertel in Monheim am Rhein, ein in den 1960er Jahren errichtetes Wohnquartier mit rund 11.000 Einwohnern und den typischen sozialen Problemen einer Großwohnsiedlung. Seit 1995 wurden hier im großen Stil Mietergärten angelegt, die Zufriedenheit der Bewohner und das nachbarschaftliche Miteinander nahmen messbar zu. Wie erfolgreich das Konzept auch in benachteiligten Quartieren ist, zeigen Beispiele in der ganzen Bundesrepublik. Und so stehen Mietergärten auf den Agenden vieler Stadtentwicklungsmaßnahmen, wenn es um die Verbesserung von Wohnumfeld, Aufenthaltsqualität und Nachbarschaften geht. Die hannoversche Landschaftsarchitektin Johanna Spalink-Sievers hat bereits einige hundert Mietergärten angelegt und stets ähnlich erfreuliche Beobachtungen gemacht wie die Forscher der EU-Studie und weist auf einen anderen Aspekt hin: „Insbesondere in Regionen mit Wohnungsüberhang sind Mieter sind nicht mehr bereit, hässliche Außenanlagen zu akzeptieren. Es nutzt nichts, die Häuser schön zu machen und sich nicht um das Umfeld zu kümmern.”

Wohnen wie im Eigenheim?

Einige Wohnungsbaugesellschaften statten ihre Neubauten im sozialen Wohnungsbau von vornherein mit Gärten an den Erdgeschosswohnungen aus, Beispiele sind die Regenbogensiedlung oder das HABITAT-Quartier in Hannover, die dem Gundlach Wohnungsunternehmen gehören. Auch die Städtische Wohnbau Göttingen plant in neuen Wohnanlagen automatisch Gärten ein, so ersetzt die Gesellschaft im Zuge der energetischen Sanierung auf dem Leineberg in Göttingen zeilenweise die Balkone an den Erdgeschosswohnungen durch ebenerdig angelegte Terrassen mit Gärten, womit gleichzeitig diese Wohnungen rückwärtig barrierefrei erschlossen werden. „Hier wohnt es sich wie im Eigenheim“, sagt Spalink- Sievers. Dennoch müsse sie häufig Überzeugungsarbeit leisten: „Viele Gesellschaften haben Angst vor Verwahrlosung, Konflikten innerhalb der Mieterschaft und vor einem uneinheitlichen, unrepräsentativen Erscheinungsbild“, weiß die Landschaftsarchitektin

Wohnungsnaher Freiraum statt Abstandsgrün

Mietergärten gehörten zum Beispiel von Anfang an zum Konzept des Märkischen Viertels, genauso wie zur Neusser Bauverein AG: „Mietergärten sind Bestandteil des gemeinsamen Grüns, mit finanziellen Mitteln der Neusser Bauverein AG und öffentlichen Mitteln gefördert“, heißt es in den „Hinweisen und Richtlinien zur Nutzung von Mietergärten“. Auch bei der Städtische Wohnbaugesellschaft Lörrach mbH bereichern Mietergärten seit 1985 viele der Wohnanlagen. Die Wohnbau Lörrach-Mieter können darin Gemüse und Obst anbauen, alle zwei Jahre werden die Gärtner zu einem Mietergartenwettbewerb eingeladen, als Dankeschön gibt es einen Gutschein für ein Gartencenter. Die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Rüsselsheim mbH (gewobau Rüsselsheim) meldete jüngst ihren 500. Mietergarten – rund 60 Quadratmeter groß, mit schon grünem Rasen, Blumenrabatte und Wasserzapfstelle. Seit 2006 richtet sie Mietergärten an modernisierten Wohngebäuden ein, sie erfreuten sich zunehmender Beliebtheit, so Jochen Meißner, zuständiger Mitarbeiter für die Außenanlagen. Mit dem ersten Pilotprojekt startete die gewobau Rüsselsheim bereits 2001, die drei Pionierinnen sind bis heute eine verschworene Gärtnergemeinschaft und wurden kürzlich von gewobau-Geschäftsführer Torsten Regenstein geehrt. „Wir wollen damit ein wohnungsnahes Freizeitangebot für die Mieter machen, wie es im Mietwohnungsbau normalerweise nicht üblich ist”, sagt er. Zugleich werde damit die Identifikation mit dem Wohngebiet und auch die Nachbarschaft gestärkt. Die Gesellschaft hält die Gärtnergemeinschaft unter anderem mit Gartenprämierungen lebendig, das Sozialmanagement organisiert sogar Fahrten zur Bundesgartenschau.

Sabine Richter, freie Wirtschafts- und Immobilienjournalistin, Hamburg

Schlagworte zum Thema:  Garten

Aktuell

Meistgelesen