13.08.2012 | Top-Thema Freiflächengestaltung

Landschaft als urbane Strategie für den Wohnungsbau

Kapitel
Der Autor Andreas O. Kipar ist Mitglied des Präsidiums BDLA und der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung sowie Mitglied der Jury des Deutschen Bauherrenpreises
Bild: Andreas Kipar

Vor dem Hintergrund aktueller und sich für die Zukunft immer stärker abzeichnender demografischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen sehen sich besonders europäische Städte vermehrt dazu aufgefordert, ihre Stadtentwicklungsperspektiven mittel- und langfristig neu zu justieren.

In vielen deutschen Städten steht das Suchen nach neuen Modellen einer nachhaltigen zukünftigen Stadtentwicklung oben auf der Tagesordnung. Fehlender Wachstumsdruck, anstehender Energiewandel, gesellschaftlicher Wertewandel und oftmals leere Kassen der öffentlichen Haushalte begleiten dieses Suchen und bilden die Rahmenbedingungen der Debatte. Dabei kommt dem Wohnungsbau und der Wohnungswirtschaft als erneuter Partner der Städte eine besondere Rolle zu. Tatsächlich sind Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik nicht voneinander zu trennende Themenfelder, sie bilden die Grundlage einer sozialen, sicheren und gerechten Stadt, die das friedliche und integrierende Miteinander ihrer Bewohner aktiv fördert. Will man nun Antworten auf die demografischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen für die Entwicklung unserer Städte geben, dann wird in Zukunft noch stärker der Dialog mit den Bewohnern, Nutzern, Wohnungsunternehmern, Eigentümern und allen zuständigen Planungsinstitutionen in den Vordergrund rücken müssen. 

Die Vorzeichen für ein gemeinsames Handeln stehen gut 

Die Renaissance der europäischen Stadt gepaart mit dem anhaltenden Trend „Zurück in die City“ bieten einen unerwarteten Handlungsspielraum für alle Beteiligten. Dabei kommt dem Freiraum im Sinne seiner Wiederentdeckung und Neuinwertsetzung des urbanen Wohnens eine wichtige Bedeutung zu. Er prägt im Zusammenspiel mit der Architektur und dem Städtebau immer stärker den Alltag und die Lebensqualität in den Wohnquartieren. Über ihn definiert sich das Wohnumfeld als Ort und Teil einer „Heimat“, aus der heraus man sich entwickeln kann. Identitätsstiftend sollte er sein, offen für aktives Einbringen der Bewohner, privat und öffentlich zugleich. Dementsprechend ist eine nachhaltige Stadtentwicklung, sowohl in ökologischer und stadtklimatischer wie auch in ökonomischer Hinsicht, ohne hochwertige und voll integrierte Grün -und Freianlagenplanung heute undenkbar. Freiraumplanung als integraler Bestandteil der Bauplanung, dem landschaftlichen Kontext angepasst und mit der Gebäudeplanung voll integriert, ist daher kein Wunschtraum mehr, sondern wird vielerorts bereits investitionsfördernd und wertsichernd angewandt. Der diesjährige Deutsche Bauherrenpreis unter erstmaliger Beteiligung des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten BDLA als Mitauslober und dotiert mit einem Sonderpreis „Freiraumgestaltung im Wohnungsbau“ unterstreicht eindeutig die Bedeutung des Wohnumfeldes für einen qualitätsvollen Wohnungsbau und ein kooperatives und integriertes Miteinander aller Akteure. Dass die Städte hierbei notwendigerweise „über ihren eigenen Tellerrand hinaussehen“ und benachbarte Kommunen in diese Planungen aktiv einbinden müssen, versteht sich von selbst. Isolierte städtebauliche Einzelplanungen mögen kurzfristig und räumlich begrenzt Wirkung zeigen, können aber im Gesamtbild der Stadt ohne ein übergreifendes Konzept als verbindende Klammer kaum eine nachhaltige Wirkung zeigen. Auch wenn wir alle wissen, dass Architektur, Städtebau und Landschaftsarchitektur das Feld des Möglichen zum Gegenstand haben, wissen wir auch, dass Veränderung und Innovation oft auf kühnen Visionen beruhen. Daniel Hudson Burnham, einer der brillantesten Vertreter der CITY-BEAUTIFUL Bewegung, der nach 1900 in den Vereinigten Staaten zahlreiche Großstädte (darunter auch Washington) von Grund auf neu konzeptionierte, war verständlicherweise ein Gegner kleiner Pläne. 

„Ihnen fehle es am Zauber, um das Blut der Menschen in Wallung zu bringen.“

Einen großen Plan im Sinne Burnhams aufzustellen, heißt heute eine Gesamtstrategie für die Gestaltung des menschlichen Umfeldes zu entwickeln. Es heißt, eine Linie vorzugeben, nach der sich die vielen kleinen Entwurfs- und Verwirklichungsschritte richten können, um aufeinander aufzubauen anstatt nebeneinander oder gar gegeneinander zu wirken. Die Landschaft lehrt es uns, sie verbindet, moderiert und kennt keine Grenzen.

Andreas O. Kipar, Landschaftsarchitekt BDLA/AIAPP, Duisburg/Mailand

Schlagworte zum Thema:  Wohnungsbau, Stadtentwicklung

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