13.08.2012 | Top-Thema Freiflächengestaltung

Gartenkonzept: Auf vielen nachbarschaftlichen Schultern

Kapitel
In dem Objekt (Baujahr 2011) mit insgesamt 28 Wohnungen leben 70 Bewohner, davon 25 Kinder und Jugendliche. Alle Maßnahmen wurden von der Hausgemeinschaft intensiv diskutiert und letztendlich einstimmig beschlossen.
Bild: Helmut Netz

Was passieren kann, wenn Mieter an der Gartengestaltung und Gartenpflege mitwirken, zeigt unser Beispiel aus Sicht eines Genossenschafts-Mieters: Am Anfang stand die Erkenntnis, dass der Rasen zu oft gemäht wurde. Kaum bedeckte ein Blütenteppich die Grünflächen rund ums Haus, schon fand sich ein wohlmeinender Nachbar, der den Rasenmäher aus dem Schuppen holte und die ganze Pracht abrasierte.

Das Gartenkonzept

Im Hausgarten, der einen Gemüseacker, Wiesen, Buschbestand, Obstbäume und Zierbeete umfasst, wird laut Beschluss der Hausgemeinschaft vom Juni 2010 ausschließlich ökologisch gewirtschaftet; das heißt, auf Kunstdünger und Pestizide wird verzichtet. Das vermeidet Klimagase, die sowohl bei der Herstellung als auch beim Ausbringen (Kunstdünger) entstehen. Stattdessen verwendet die Hausgemeinschaft selbst hergestellten Kompost. Das fördert die Humusbildung und bindet CO2. Das Gießwasser für den Garten stammt aus Regentonnen, mit denen zu erwartende Dürreperioden überbrückt werden können. Es hat sich allerdings herausgestellt, dass die Tonnenkapazität aufgestockt werden muss, um auch längere Trockenzeiten ohne Trinkwasserentnahme zu überstehen. Das Gartenkonzept ist der Abschied vom Leitbild des aufgeräumten Gartens. Totholz, Laubhaufen, Brennnesselfelder und wucherndes Gestrüpp sind ausdrücklich erwünscht. Darüber freuen sich Igel, Käfer und Schmetterlinge und der Boden trocknet in Hitzesommern weniger stark aus. Die Gefahr, dass ein Platzregen die fruchtbare Oberschicht wegspült, wird dadurch minimiert. 

Das Energiekonzept

Im Herbst 2007 wurde auf Beschluss der Hausgemeinschaft ein Teil der Außenbeleuchtung stillgelegt. Alle energierelevanten Einrichtungen (Aufzug, Technikraum, Waschkeller, Werkstatt) erhielten Zwischenzähler, die Heizungsanlage wurde hydraulisch abgeglichen und mit stromsparenden Hocheffizienzpumpen ausgestattet. Die Hausgemeinschaft hat Treppenhäuser, Haustüren und Fahrradschuppen in Eigenregie mit Energiesparlampen nachgerüstet und erstellt jedes Jahr einen Energiebericht, auf dessen Basis weitere Maßnahmen beschlossen werden. Neben einem effizienteren Umgang mit Strom und Wärme verfolgt das von der Hausgemeinschaft beschlossene Energiekonzept das Ziel, der CO2-Neutralität möglichst nahezukommen. Das ist nun fast erreicht: Der Hausstrom stammt aus erneuerbaren Quellen, eine Photovoltaikanlage auf dem Dach speist Sonnenstrom ins Netz, ein Geothermie-Brunnen versorgt das Haus mit Wärme und die Mehrheit der Bewohner bezieht Ökostrom. Das Anwesen ist autoreduziert; eine Carsharing-Station wird von den Bewohnern intensiv genutzt. 

Gesellschaft

Die Aktivitäten der Bewohner des Anwesens Caroline-Herschel-Straße strahlen in den Stadtteil ab. Insbesondere die Teilabschaltung der Außenbeleuchtung und die Idee der Bienenhaltung stoßen auf reges Interesse – aber auch auf Vorbehalte, die sich im persönlichen Gespräch jedoch meist aus der Welt räumen lassen. Auf diese Weise stößt die Hausgemeinschaft gesellschaftliche Diskussionen an – auch über den Stadtteil hinaus: In regelmäßigen Abständen veranstaltet die Münchner Volkshochschule Hausführungen, bei denen sich interessierte Bürger über die sozialen und ökologischen Aspekte des nachbarschaftlichen Wohnens informieren können. Auch die Jugend nimmt regen Anteil: So haben die Kinder aus dem Haus (und der Nachbarschaft) begeistert die Nistkästen zusammengeschraubt und damit die Hecken und Bäume im Garten bestückt. Weitere Events für Kinder und Jugendliche sind geplant, unter anderem ab Mai mit den Bienen. Dazu sind auch Kooperationen mit der benachbarten Grundschule und dem Jugendzentrum um die Ecke in Vorbereitung. 

Ziel der Maßnahme

Am Beispiel eines der Häuser soll eine Bewirtschaftungsstrategie entwickelt werden, die dem Klimawandel Rechnung trägt und sich auf den gesamten Immobilienbestand der Wogeno übertragen lässt. Bisherige Erfolge: Der Hausstromverbrauch wurde innerhalb von dreieinhalb Jahren von 21.300 auf 10.400 kWh mehr als halbiert. Die dafür nötigen Investitonen werden sich im ersten Halbjahr 2011 amortisiert haben.

Kosten: knapp 10.000 €

Finanzierung: Eigenmittel der Wogeno, Hauskasse, Bienenpatenschaften (à 25 €), Spenden aus dem Haus. Einige Maßnahmen haben die Bewohner des Anwesens selbst in die Hand genommen, beispielsweise die Nachrüstung mit Energiesparlampen in den Treppenhäusern. Um weitere Mittel zu akquirieren, ist unter anderem an eine Tombola gedacht. Auf den Hausversammlungen wurden alle Probleme intensiv diskutiert. Vorbehalten wurde mit Argumenten begegnet. Beispiel: Sinkender Energieverbrauch entlastet die Haushaltskasse. Letztlich haben die Bewohner alle Maßnahmen einstimmig beschlossen 

Helmut Netz, freier Journalist und Mieter in der Wohnanlage, München

Schlagworte zum Thema:  Genossenschaft

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